Nachruf auf Genscher: Abschied vom Grenzöffner

Hans-Dietrich Genscher, der mit mit 89 Jahren verstarb, wurde als Außenminister zur Legende, schreibt HNA-Redakteur Tibor im Nachruf auf den Staatsmann.

Wenn es eine Szene gibt, für die Hans-Dietrich Genscher wohl immer im Gedächtnis der Deutschen bleiben wird, dann sind es seine Worte am 30. September 1989 auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag vor 4000 dicht gedrängten Flüchtlingen aus der DDR: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Genscher, soeben erst genesen von einem Herzinfarkt, erschöpft vom Ringen um eine Lösung im deutsch-deutschen Flüchtlingschaos, hatte den Höhepunkt, wohl auch das Ziel seines politischen Lebens erreicht. Seinen „glücklichsten Augenblick“, wie er später sagt. Der Rest ist Geschichte.

Am Donnerstag, wie gestern bekannt wurde, verstarb der langjährige Bundesaußenminister, Vizekanzler und Architekt der deutschen Einheit 89-jährig bei Bonn im Kreis seiner Familie an Kreislaufversagen.

Anfänge

Was Krieg bedeutet, hatte Genscher als junger Wehrmachtssoldat erlebt. Flakhelfer war er, als Angehöriger der Wenck-Armee nahm er 1945 an der Schlacht um Berlin teil.

Gern erzählte er später von einem Treffen mit der berüchtigten DDR-Justizministerin Hilde Benjamin, die ihn als Jura-Studenten gefragt habe, was er denn so lese. „Marx und Lenin.“ Warum er dann in der Liberaldemokratischen Partei (LDP) sei und nicht in der SED? „Weil ich Marx und Lenin gelesen habe.“

1952 ging Genscher nach Bonn, wo der Rechtsanwalt eine der bemerkenswertesten politischen Karrieren der Bundesrepublik startete, zunächst als Angestellter der FDP-Bundestagsfraktion.

Krise

Genscher warf sich auf die Deutschlandpolitik, die in den frühen Jahren der Republik Ostpolitik war. Später, als Bundesinnenminister in der von Willy Brandt geführten sozialliberalen Koalition verhandelte er mit den palästinensischen Geiselnehmern der israelischen Olympiamannschaft in Fürstenfeldbruck. Er bot sich selbst zum Austausch an, vergeblich. Und gab dann den Einsatzbefehl, der in einem Blutbad endete. „Das war mein Tiefpunkt“, sagte er lange Zeit danach. Ein anderer Innenmninster wäre zurückgetreten. Genscher blieb. Und gründete die Antiterror-Einheit GSG 9.

Markenzeichen

Welche Rolle der Innenminister Genscher 1974 beim Rücktritt von Willy Brandt spielte, wurde nie wirklich geklärt. Regierungen und Kabinette kamen und gingen, der massige Mann mit den markanten Ohren, dem gelben Pullunder blieb. 33 Jahre war Genscher schließlich Bundestagsabgeordneter. 23 Jahre Kabinettsmitglied unter drei Bundeskanzlern. 18 Jahre Außenminister, zuletzt der dienstälteste weltweit.

Ein Misstrauensvotum der von Helmut Kohl geführten CDU stürzte 1982 den SPD-Kanzler Helmut Schmidt. Dessen Koalitionspartner FDP mit Genscher an der Spitze hatte rechtzeitig die Seite gewechselt. Rück- und Parteiaustritte folgten, das Image als Verräter und Schaukelpolitiker klebte noch lange an Genscher. Doch seine Politik änderte der wendige Partner nicht.

Kontinuität

Genscherismus: Das war von manchen als Schimpfwort gemeint für eine scheinbar ziellose Reisediplomatie Genschers. Der soll sich einem Witz zufolge in zwei Flugzeugen über dem Atlantik schon mal selbst begegnet sein.

Der immer beliebtere Außenminister zeigte gleichwohl, dass auch hinter ideologischen Gegensätzen gemeinsame Interessen gefunden werden konnten, auch im deutsch-deutschen und west-östlichen Verhältnis.

Auch wenn Helmut Kohl wohl als erster erkannte, dass die deutsche Einheit möglich war, so war es Hans-Dietrich Genscher, der vor Kohl bemerkte, dass einem Mann zu trauen war: dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow.

Zwei-plus-Vier

Der Zwei-plus-Vier-Vertrag, mit dem der Kalte Krieg endete, war Genschers Meisterstück. Wohlbemerkt: Kein Friedensvertrag, der alles mit allen wieder auf den Plan gerufen hätte, etwa auch Wiedergutmachungsverhandlungen. Sondern ein Vertrag, der Deutschland Einheit und Souveränität wiedergab und den Frieden in Europa sicherte. Bis zuletzt, ob in der Euro- oder in der Ukraine-Krise, auch in Hintergrundgesprächen und Interviews mit unserer Redaktion, war dies stets Hans-Dietrich Genschers Credo: „Wir haben nur eine Zukunft als Europäer“ und „Es gibt in Europa keine Stabilität ohne Russland“.

FDP-Chef

Als FDP-Chef war Genscher derselbe umsichtige Taktiker, der er auch als Außenminister war. Seiner Partei blieb er, zuletzt als Ehrenvorsitzender, absolut treu. Was inhaltlich allerdings nicht gerade eine Linie ergab, nicht beim ins Rechtspopulistische abdriftenden Jürgen Möllemann, den Genscher förderte, wie auch bei dem als Spaß- und Sprüchepolitiker gestarteten Guido Westerwelle oder zuletzt bei Christian Lindner.

Seine Rückzüge bestimmte Genscher selbst, 1985 vom Parteivorsitz, 1992, überraschend, als Außenminister. Eine neue Zeit hatte begonnen. Mit der Förderung der Slowenen und Kroaten im jugoslawischen Erbfolgekrieg hatte Genscher in ein Wespennest gestochen. Etwas Neues hatte begonnen in Europa.

Popstar

Hans-Dietrich Genscher hatte ein sicheres Gespür dafür, wann es sich lohnte weiterzumachen oder aufzuhören. Das bescherte ihm Einfluss und viele Preise, schließlich Ruhm wie ein Popstar. Gesundheitlich nie auf der Höhe, dürfte er ihn genossen haben in dem Bewusstsein, zumindest politisch alles erreicht zu haben, was ihm möglich war.

Stationen

 

• Hans-Dietrich Genscher tritt nach seiner Übersiedlung nach Westdeutschland im Jahr 1952 in die FDP ein.

• Im Dienst der Partei: Sieben Jahre später wird Genscher Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion (bis 1965), von 1962 bis 1964 ist er außerdem Bundesgeschäftsführer seiner Partei.

• Zudem hat er von 1965 bis 1969 den Posten des Parlamentarischen Geschäftsführers der FDP-Bundestagsfraktion inne.

• Abgeordneter: Dem Bundestag gehört Genscher als Abgeordneter über 30 Jahre an, von 1965 bis 1998.

• Im Jahr 1974 wird er Bundesvorsitzender der FDP (bis 1985).

• Minister: 1969 wird Genscher zum Bundesinnenminister ernannt (bis 1974). Anschließend wird er Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Amt hat er bis 1992 inne. Genscher tritt auf eigenen Wunsch von seinem Amt als Außenminister zurück. Danach wird er FDP-Ehrenvorsitzender.

• Verbunden mit Nordhessen: Hans-Dietrich Genscher hat Nordhessen oft besucht, so etwa die Bad Hersfelder Festspiele. In Rotenburg an der Fulda logierte er vor der Grenzöffnung gelegentlich auf der Fahrt nach Halle, wo er einen Vetter besuchte. 2014 war Genscher in Rotenburg Ehrengast bei der 40-Jahr-Feier des Herz- und Kreislaufzentrums, wo er sich in einer bewegenden Rede unter anderem an seine Tuberkulose erinnerte.

Zitate

„Sicher gehören diese Stunden in der Botschaft zu den bewegendsten meines Lebens.“

Im November 2006 zu den Ereignissen 1989 in Prag.

„Die Geschichte gewährt uns keine Pause, und erst recht gibt es kein Ende der Geschichte.“

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls.

„Das Europa von heute hat eine Botschaft. Das ist das Europa der gleichen Würde der Menschen, der Völker, der Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie.“

Im November 2006 in einem Interview.

„Ich möchte die Politiker bitten, in ihre Völker hineinzuhören, die in ihrer europäischen Gesinnung viel weiter sind.“

Im August 2006 an die Regierungen von Polen, Frankreich und Deutschland.

„Unser Volk ist ein Volk des guten Beispiels geworden.“

Im September 2015 in Berlin zur Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland.

„Ich habe mir einmal geschworen: Solange du Politik machst, stehst du im Telefonbuch. Damit die Leute dich anrufen können.“

2015 in einem Interview mit der Zeit.

Reaktionen

• „Man sagt, dass es in der Politik keine Freunde geben kann. Das stimmt nicht. Hans-Dietrich Genscher war in den letzten Jahren mein richtiger Freund. Ich habe einen Freund verloren“.

Ex-Sowjetpräsident

Michail Gorbatschow

• „Ich verneige mich in Hochachtung vor der Lebensleistung dieses großen liberalen Patrioten und Europäers.“

Kanzlerin Angela Merkel

• „Seine Verdienste bleiben. Für seine liberale Partei war er ein väterlicher Freund, der uns bis zuletzt mit Rat und Tat zur Seite stand“.

FDP-Chef Christian Lindner

• „Beharrlich, allgegenwärtig und mit feinem Gespür für historische Momente hat er das friedliche Zusammenwachsen unseres Landes und unseres Kontinents vorangetrieben.“

Bundespräsident

Joachim Gauck

• „Mit ihm verliert unser Land einen der ganz großen Liberalen, einen Anwalt der Verständigung und der steten Annäherung und eine einzigartige Persönlichkeit.“ SPD-Chef und Vizekanzler

Sigmar Gabriel

• „Mit Hans-Dietrich Genscher verlieren wir einen großen Staatsmann. Seine Verdienste um die Wiedervereinigung und Europa werden bleiben.“

Linken-Chef Bernd Riexinger

•„Genscher hat aufgerufen, für Europa einzutreten. Sein Vermächtnis ist Auftrag, weiter für Europas Frieden zu arbeiten.“

EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker

Rubriklistenbild: © dpa

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