Reportage von griechischer Insel vor türkischer Küste

Nadelöhr für Flüchtlinge: HNA-Redakteurin berichtet aus Kos

Tausende Flüchtlinge versuchen derzeit von den griechischen Inseln aus nach Westeuropa zu kommen. HNA-Redakteurin Tatjana Coerschulte ist nach Kos geflogen und berichtet von dort.

"Die Syrer sind nicht das Problem"

"Die Syrer sind nicht das Problem": Dieser Satz fällt auf der griechischen Insel Kos immer wieder. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien gelten hier als zumeist wohlhabend und zivilisiert. Die syrischen Familien übernachten teilweise in Hotels, sie haben Ausweispapiere, ihre Registrierung geht rasch vonstatten und damit auch die Abreise von der Insel.

In Kos gehen aber nicht nur Syrer an Land. Die Flüchtlinge kommen aus dem Iran und dem Irak, aus Afghanistan, aber auch aus Pakistan, Indien und Afrika. Sie sind jung, liegen in den Zelten an der Hafenpromenade, um auf ihre Registrierung zu warten, und die meisten haben ein Smartphone in der Hand. Kontakte und Informationen laufen über Soziale Medien im Internet. Ein Lehrer aus Kamerun erzählt, dass er in Deutschland als Lehrer arbeiten und dann seine Familie aus Afrika nachholen möchte. Er spricht englisch, viele andere können sich ausschließlich in ihrer Muttersprache verständigen.

Aktualisiert am 26. August um 12.15 Uhr.

Ein zentrales Aufnahmelager für die Flüchtlinge gibt es in Griechenland nicht. Darum harren die sie an der Promenade von Kos Stadt aus, darum haben sie einige Kilometer entfernt ein leerstehendes Hotel besetzt, in dem kein einziges Möbelstück mehr steht. Dort bleiben sie weitgehend sich selbst überlassen. Der Bürgermeister von Kos, Jorgos Kiritsis, will das heruntergekommene Gebäude räumen lassen, er schimpft, weil sich die Regierung in Athen nicht um die unhaltbaren Zustände dort kümmert. Eine aggressive Stimmung gegen die Flüchtlinge gibt es aber nicht. Immer wieder halten an der Promenade Autos: Griechen bringen Flüchtlingen Wasser, Nahrungsmittel und Kleidung. Die Kirche in Kos bereite in einer Suppenküche täglich 400 Mahlzeiten zu, sagt der Bürgermeister. Das reiche aber gerade für die bedürftigen Griechen. Die Flüchtlinge treffen in einem Land ein, das mit seiner eigenen Wirtschaftskrise und politischen Verwerfungen beschäftigt ist.

Wenn der Wind auffrischt, kommen weniger Menschen im Hafen von Kos an. Dann ist die Überfahrt mit Schlauch und Paddelbooten von der fünf Kilometer entfernten Küste zu gefährlich. 280.000 Menschen sollen in der türkischen Hafenstadt Bodrum, in Sichtweite von Kos entfernt, auf ihre Überfahrt ans andere Ufer und damit in die Europäische Union warten. An den Flüchtlingen verdienen die Schleuser, die Bootsverkäufer, die Zeltverkäufer und die Verkäufer von Schwimmwesten. Im Hafen von Kos liegen die benutzten orangefarbenen Plastikwesten gehäuft an der Straße. Anwohner erzählen von Taxifahrern auf den kleinen Nachbarinseln, die von Flüchtlingen 60, 70 Euro für eine Fahrt verlangen, die sonst ein paar Euro kostet. Wie viele Flüchtlinge noch kommen? "2,5 Millionen", sagt der Bürgermeister von Kos, Jorgos Kiritsis. So viele werden noch in der Türkei vermutet, in den Lagern an der türkisch syrischen Grenze. Die Europäische Union werde noch ein, zwei Jahre mit dieser Situation konfrontiert sein, meint der konservative Lokalpolitiker: "Das hört erst auf, wenn der Krieg in Syrien beendet ist."

Das Schlupfloch nach Europa

Die Frauen schämen sich so sehr, dass sie die Köpfe abwenden. Niemand soll sehen, wie sie hier hausen. Sie kommen aus Kabul und Masar el Sharif in Afghanistan, vier Wochen waren sie unterwegs, mit fünf Kindern und ihren Männern. Jetzt sitzen sie auf dem nackten Boden des leerstehenden Hotels "Kapitän Elias" auf der griechischen Insel Kos, in der Mitte einen Topf mit Linsen, aus dem sie alle fünf essen.

HNA-Redakteurin Tatjana Coerschulte mit Flüchtlingskindern.

"No money", sagt eine der Frauen, "kein Geld". 30.000 Dollar haben sie für die Reise nach Westen bezahlt, in Afghanistan alles verkauft, was sie besaßen. Jetzt ist das Geld alle, und sie kommen nicht weg aus diesem Geisterhotel ohne Wasser, Strom und Toiletten, wo sich Müll und Dreck in den Ecken sammeln und es nach Urin stinkt. Unten in der leeren Lobby schlafen Pakistani auf zusammengerückten Matratzen, am Pool ohne Wasser sitzen Afrikaner in Zelten. Die Frauen oben in der ersten Etage wagen kaum aufzusehen, Nach Deutschland wollen sie, sagt eine. Aber wie? "No money."

Der Bürgermeister: Vor der schneeweiß getünchten Gemeindeverwaltung an der Marina von Kos Stadt wiegen sich Segelschiffe und Motorjachten auf den Wellen. Innen sitzt Giorgos Kiritsis und wahrt mühsam die Fassung. Der Bürgermeister von Kos Stadt preist die Vorzüge der Ägäisinsel, erinnert daran, dass viele Touristenfamilien inzwischen in dritter Generation kämen und die Insel als zweite Heimat betrachteten.

Auf Kos leben die Menschen friedlich zusammen, sagt Kiritsis. "Bei uns sehen sie die katholische Kirche neben der Moschee und der Synagoge." Was sich derzeit am Hafen von Kos Stadt abspiele und im Hotel Elias, das "ist kein Problem für Kos, es ist kein Problem für Griechenland es ist ein Problem für Europa". Kiritsis wird von einem Bündnis aus Passok und Neo Democratia unterstützt, das Hauptproblem in der Flüchtlingskrise sitzt für den gelernten Mechaniker in Athen. "Wir versuchen, mit allen Mitteln zu helfen", sagt der Bürgermeister.

Aber: Die Gemeinden hätten in Griechenland keine eigenen Steuereinnahmen, sie seien aus Zuweisungen aus Athen angewiesen. Mit anderen Worten: "Letztlich muss das Geld von der Europäischen Union kommen."

Der Gastronom: Von den 26 Tischen in dem Gartenlokal neben der Polizeiwache im Hafen von Kos ist nur einer besetzt. Dort sitzen drei Kellner und der Koch. "Wir haben hier sonst elf Kellner", sagt der Restaurantchef, der nicht namentlich genannt werden möchte. An die 1500 Gäste verpflegt er an normalen Sommertagen in seinem Lokal, am vorherigen Sonntag waren es 170.

Direkt nebenan drängen sich die Flüchtlinge vor der Polizeiwache, sie warten darauf, registriert zu werden. Immer wieder weht ein Geruch von Fäkalien heran. Es gibt keine Toiletten, wenn sich die Flüchtlinge nicht im Meer erleichtern, gehen sie hinter die Häuser an der Promenade. "Uns hilft niemand", sagt der Gastronom. Zwei Lokale weiter geht es schon lebhafter zu. Dort wird gegessen und getrunken. Dort sieht und riecht man die Flüchtlinge nicht mehr.

Zelte von Flüchtlingen auf der Promenade von Kos-Stadt.

Die Promenade am Hafen: Zwischen drei und fünf Uhr morgens kommen sie an Land. Fünf Kilometer weit ist der Weg vom türkischen Bodrum über das Meer. Für Touristen kostet die Überfahrt 20 Euro, die Flüchtlinge zahlen bis zu 1000 Euro. Kos ist für sie das Schlupfloch in die EU. Die Türken halten sie nicht auf, auf Kos wollen sie sich registrieren lassen und dann weiter in den Westen, nach Deutschland, Österreich, Holland oder Schweden. Zwei bis fünf Tage braucht die Polizei, um einen Registrierschein auszustellen.

Etwa 150 Formulare schaffen die Polizisten pro Tag. Anfangs lagen die Menschen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Irak, Pakistan und Bangladesch auf dem nackten Sand, dann kam jemand auf die Idee, Zelte zu verkaufen. Wer einen Registrierschein hat, gibt sein Zelt an den nächsten weiter. Etwa 3000 Flüchtlinge sind derzeit auf Kos, genaue Zahlen kennt niemand.

Das Rote Kreuz: Mit knallrotem T Shirt und Hose, auf dem blonden Kopf ein schneeweißes Käppi, steht Angelica Fanaki vom griechischem Rotem Kreuz vor dem Hotel Kapitän Elias. Die Koordinatorin führt Kollegen aus Österreich und vom Internationalen Roten Kreuz durch das von Flüchtlingen besetzte Hotel, in dessen Vorgarten Afrikaner und Pakistani Hütten aus Palmwedel gebaut haben.

Die Gesichter der Helfer sind ernst. Man sei gerade erst angekommen und wolle sich ein Bild machen, sagt eine Österreicherin kurz. "Wir wollen Hilfspakete verteilen", erklärt Angelica Fanaki munter. Man müsse aber bedenken, dass dies keine offizielle Flüchtlingsunterkunft sei. Seit Mai, Juni sei die Situation verschärft, zuvor seien nicht so viele Flüchtlinge gekommen. Jetzt wolle man mit den Kollegen aus Europa beraten, was zu tun sei. Und ja, natürlich habe man schon Essen an die Menschen im Hotel Kapitän Elias verteilt, sagt sie "drei Mal". Pro Tag? "Nein, drei Mal letzte Woche."

Die Urlauber: Etwa eine Million Menschen verbringen ihre Ferien jährlich auf Kos, der Tourismus macht 90 Prozent der Wirtschaftskraft der Insel aus. In diesem Jahr liegen die Ankünfte rund drei Prozent unter denen des Vorjahres, sagt Tourismusdirektorin Dina Svinu, und das liegt an den Russen. Die russischen Touristen blieben wegen der schwächelnden Wirtschaft in ihrem Land, dafür kämen aber mehr Deutsche. "Die Deutschen bleiben", sagt Svinu, dafür sei man sehr dankbar.

215.000 Bundesbürger besuchten Kos in diesem Jahr, sieben Prozent mehr als 2014. Die Größte Touristengruppe sind die Briten, an dritter Stelle stehen Niederländer. Auf keinen Fall dürfe auf den Inseln ein Flüchtlingszentrum entstehen, sagt die Tourismusdirektorin. Die Ägäisinseln seien Ferienziele, sie seien wichtig für die griechische Wirtschaft, ein Flüchtlingslager sei nur in Zentralgriechenland möglich. Das habe man auch an das Tourismusministerium in Athen übermittelt, ebenso wie den Wunsch, doch täglich zwei Fähren nach Kos zu schicken, um Flüchtlinge zu holen, und mehr Polizisten, um die Registrierung der Menschen zu beschleunigen.

Außerhalb des engeren Hafenbereichs ist auf Kos von der Flüchtlingssituation nichts zu bemerken. Die Flüchtlinge verlassen den Hafen nicht, weil sie die Fähre nicht verpassen wollen, sobald sie einen Registrierschein haben. In den Hotels in den Ferienorten sind sie dennoch ein Thema.

"Wir haben uns davon nicht abschrecken lassen", sagt Andreas (37) aus Essen (NRW), der gerade mit seiner Freundin Karline (33) gelandet ist. Eine Woche fünf Sterne haben die beiden gebucht, der Wunsch nach Ruhe, Erholung und das schöne Hotel hätten den Ausschlag gegeben, sagt Andreas: "Für mich war das mit der Buchung durch." Seine Freundin schaut nachdenklich. Man fühle sich schon etwas seltsam, sagt sie, "wenn wir hier in einem so schönen Hotel sind und diesen Menschen geht es so schlecht."

Situation der Flüchtlinge auf Kos

Der erste Eindruck

Zelte von Flüchtlingen auf der Promenade von Kos-Stadt.

33 Grad, tiefblaues Meer und eine kräftige Brise: Alles ganz normal, sagt eine Reiseleiterin, als sie ihre Gäste auf der griechischen Insel Kos begrüßt. Es herrsche Tourismusalltag wie jedes Jahr. Das sagt sie zwei Mal und fügt hinzu, dass die Gäste im Norden der Insel von den Flüchtlingen nichts mitbekämen. Außer den Touristen beherbergt die kleine Ägäisinsel derzeit Flüchtlinge, die von der Türkei aus übersetzen, sich in der Inselhauptstadt Kos registrieren lassen und weiter nach Westeuropa wollen. Weil es Tausende sind, kam es in Kos zu chaotischen Szenen. Die Bilder gingen um die Welt - und jetzt werden die Touristen zögerlich.

Dramatisch sei es noch nicht, sagt die Reiseleiterin. Aber die Buchungen für September lägen zurück und es kämen Stornierungen rein. Und das nach einem schwierigen Frühjahr, in dem wegen der Kreditkrise die Buchungen um die Hälfte eingebrochen waren. Erst seitdem klar sei, dass Griechenland im Euro bleibe, liefen die Buchungen wieder normal.

800.000 bis eine Million Gäste pro Jahr verbringen ihren Urlaub auf Kos - Tourismus ist die wichtigste Wirtschaftsbranche für Griechenland.

Noch am Segelhafen von Kos-Stadt ist von Flüchtlingen nichts zu sehen, zwei-, dreihundert Meter weiter kommen die ersten Iglu-Zelte in den Blick. Über gut anderthalb Kilometer lang ziehen sich die Zelte an der Promenade entlang, bis hin zum Anleger, wo einmal am Tag die große Fähre anlegt. Diesen Anleger wollen die Flüchtlinge im Blick behalten, deshalb bewegen sie sich kaum aus dem Hafen von Kos fort. Erscheint der Schiffs-Koloss am Horizont, erfasst ein Sog die Promenade - die Menschen strömen zum Anleger in der Hoffnung, dass sie die Insel verlassen können, weiter Richtung Westen.

Unsere Autorin

Tatjana Coerschulte

Tatjana Coerschulte (50) arbeitet in der Nachrichtenredaktion der HNA. Gebürtig kommt sie aus dem Sauerland, hat Geschichte und Politikwissenschaften in Münster studiert. Seit drei Jahren arbeitet sie im Nachrichtenressort, davor war sie lange Jahre für die HNA in Göttingen unterwegs. Am Montag ist sie nach Kos aufgebrochen, um sich die Lage vor Ort anzuschauen. Bis Mittwoch wird sie Eindrücke sammeln und darüber aktuell hier auf HNA.de und in der gedruckten Zeitung berichten.

Hier liegt Kos

 

Berichte aus dem Archiv:

Der Leidensweg der Migranten in der Ägäis

(Bericht vom 21. August)

Frühmorgens am Strand von Kos: Auf Schlauchbooten, morschen Kähnen, sogar mit Jet-Skis kommen die Flüchtlinge von der nahen türkischen Küste herüber. Kleinkinder, schwangere Frauen, junge Männer. Wer es auf die griechische Insel geschafft hat, jubelt: "Ich danke Gott, dass ich es bis hier in Europa geschafft habe", sagen viele Neuankömmlinge.

Auf den Inseln im Osten der Ägäis kommen immer neue Migranten an, auf die niemand vorbereitet ist. Die Gemeinden und Verwaltungen sind überfordert, die Helfer verzweifelt. Der Bürgermeister der Ferieninsel Kos, Giorgos Kyritsis, warnt angesichts der unhaltbaren Zustände gar vor "einem Blutvergießen". Die desolate wirtschaftliche Lage in Griechenland erschwert die Situation zusätzlich.

Für die Migranten beginnt in Griechenland ein neuer Alptraum. Die Behörden müssen die Menschen registrieren. Räume dafür gibt es nicht, draußen brennt die griechische Sommersonne unerbittlich. Tagelang harren sie vor den Polizeistationen aus. Viele fallen in Ohnmacht. "Dehydriert" oder "Sonnenstich", das sind die häufigsten Diagnosen.

Wer ein "Freiheitspapier" ergattert, ist einen Schritt weiter. So nennen die Migranten das Blatt Papier mit Namen, Foto und dem Abdruck des rechten Zeigefingers. Es ist der Startpunkt für eine neue Odyssee.

Flüchtlinge aus Syrien fahren am 21. August in einem Boot zur griechischen Insel Kos. Sie versuchen von dort aus nach Westeuropa zu kommen.

Tagelang warten die Flüchtlinge dann auf eine Fähre, die sie zum griechischen Festland bringen wird. In der Hochsaison sind die Touristen-Schiffe ausgebucht. Der griechische Staat setzt seit dieser Woche zusätzliche Fähren ein, die ausschließlich Migranten von den Inseln aufs Festland bringen.

Zu Tausenden kommen sie seitdem in die Hafenstadt Piräus. Sie finden Unterkunft für ein paar Tage bei Verwandten oder in Billighotels. Wer kein Geld hat, muss im Freien ausharren. Ein kleines Aufnahmelager im Athener Stadtteil Votanikos kann nur rund 800 Menschen aufnehmen.

Die lange Reise geht dann weiter. Kleine Bus-Reiseagenturen machen goldene Geschäfte. Für 30 bis 35 Euro kann man bis zur griechisch-mazedonischen Grenze fahren - der Übergang Gevgelije ist etwa 550 Kilometer entfernt. Auch Taxifahrer reiben sich die Hände. "Es gibt auch reiche Migranten. Für 500 Euro fahre ich gerne bis an die Grenze", sagt ein 25 Jahre alter Chauffeur. Er hat es schon dreimal in dieser Woche gemacht, sagt er. Wohin die Migranten wollen? "Germanía (Deutschland)", antwortet der Taxifahrer.

Das Leiden der Flüchtlinge geht an der Grenze weiter. Am Freitag setzte die mazedonische Polizei Tränengas ein, um Hunderte Migranten an der Einreise zu hindern, wie das griechische Fernsehen zeigte. An die 2000 Menschen sitzen dort fest. Die meisten von ihnen sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet und hoffen auf ein friedliches Leben in Westeuropa. (dpa)

Aufgebrachte Einwohner bewerfen Verteidigungsminister mit Eiern

(Bericht vom 21. August)

Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos ist am Freitag auf der Insel Kos von aufgebrachten Bürgern mit Eiern und Wasserflaschen beworfen worden. Rund 200 Insulaner protestierten, weil das Militär nicht eingesetzt wird, um die gewaltige Flüchtlingswelle aus der Türkei zu stoppen. Zudem bringt die Regierung nach ihrer Ansicht die Migranten nicht schnell genug zum Festland, wie örtliche Medien weiter berichteten.

Kammenos, zugleich Chef der rechtspopulistischen Partei der Unabhängigen Griechen, warf der Türkei vor, das Rückführungsabkommen mit der EU nicht einzuhalten. Er habe sogar Informationen, wonach die türkischen Behörden den Flüchtlingsstrom nach Griechenland förderten. In den vergangenen Tagen waren Tausende Migranten auf den Ostägäis-Inseln angekommen. Die Behörden dort sind völlig überfordert. Am Freitagabend wurde eine Fähre in Piräus mit fast 2000 Migranten aus den Inseln erwartet.

Fähre bringt 3000 Migranten nach Piräus

(Bericht vom 19. August)

Um die Lage auf Kos zu entspannen, hat die Fähre "Eleftherios Venizelos" die griechische Ferieninsel am Mittwoch mit rund 1800 Migranten an Bord zunächst in Richtung Thessaloniki verlassen. Am Abend wurde aber bekanntgegeben, dass die Fähre nach Piräus fahren werde. Der Grund sei, dass viele Migranten noch nicht registriert sind und Hunderte andere sich mit Verwandten in Athen und Piräus verabredet haben, die auf sie dort warten, berichtete das greichsiche Fersnehen unter Berufung auf die Küstenwache.

Wie das staatliche Fernsehen (ERT1) weiter meldete, nahm die Fähre auf dem Weg zum Festland Hunderte Flüchtlinge von den Inseln Leros und Kalymnos auf. Am Abend wurde das Schiff in Lesbos erwartet, um weitere Migranten an Bord zu nehmen.

Rund 1200 Migranten kamen am Mittwochmorgen an Bord einer anderen Fähre aus Lesbos im griechischen Hafen von Kavala in Nordgriechenland an. Diese Migranten werden mit Bussen zur Grenze mit Mazedonien gebracht, berichtete das Staatsfernsehen.

Flüchtlinge campieren auf der Promenade in Kos-Stadt, gegenüber die Flaniermeile mit Cafés und Shops.

Auf Kos kam es am Mittwoch erneut zu Protesten. Flüchtlinge aus Irak, Pakistan und Ländern Nordafrikas protestierten gegen die Behörden-Entscheidung, zunächst Syrer aus Kos abreisen zu lassen. Die Demonstranten versammelten sich vor der Polizeistation und forderten lautstark, dass auch sie die Insel verlassen können. Ausschreitungen gab es aber nicht, wie örtliche Medien berichteten.

"Alle Migranten wollen Griechenland wieder verlassen", sagte der griechische Gesundheitsminister Panagiotis Kouroublis im Fernsehsender Skai. Er besuchte am Mittwochmorgen die Insel Lesbos, auf der seit Tagen fast 8000 Migranten ausharren. Wegen der Tourismus-Hochsaison sind alle Fähren ausgebucht.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Kreisen der Küstenwache sollen bald zwei bis drei Fährschiffe Fahrten durch die Ägäis machen, um Tausende Migranten von den Inseln aufs Festland zu bringen. Eine Fähre brachte am Mittwochmorgen mehr als 1000 Menschen nach Piräus, wie das griechische Fernsehen zeigte. Sie sagten Reportern, sie wollen in die Niederlanden, nach Deutschland oder Schweden und Norwegen weiterfahren.

Immer mehr Migranten in Griechenland

(Bericht vom 18. August)

Die wachsenden Flüchtlingszahlen stellen schon das wirtschaftlich starke Deutschland auf die Probe. Für das krisengeschüttelte Griechenland ist die Herausforderung ungleich härter. Die Vereinten Nationen fordern Unterstützung.

In Deutschland wird ein neues Allzeithoch bei den Asylbewerberzahlen erwartet. Bis zu 750.000 Flüchtlinge könnten im Laufe des Jahres 2015 den Weg nach Deutschland finden, berichtete das "Handelsblatt" am Dienstag unter Berufung auf Regierungskreise. Viele Flüchtlinge suchen derzeit in Griechenland eine Gelegenheit, nach West- und Nordeuropa weiterzureisen - viele wollen nach Deutschland, wie sie Reportern sagten.

Vor allem aus Syrien flüchten derzeit viele Menschen über das Mittelmeer in Richtung Europa. Über die Türkei kommen sie nach Griechenland, wo sie auf kleinen Ägäis-Inseln stranden. Die griechische Küstenwache griff am Dienstag wieder Hunderte Menschen auf - zumeist Syrer. Um die Lage auf den Inseln Kos und Leros zu entspannen, soll eine Fähre nun Hunderte Flüchtlinge aufs griechische Festland bringen.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR erklärte am Dienstag in Genf, seit Jahresbeginn seien rund 160.000 Migranten nach Griechenland gekommen - bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 11 Millionen. Die UN-Organisation rät der Regierung in Athen, ein Sondergremium zu schaffen, das alle Aktivitäten zur Aufnahme und Unterstützung der Flüchtlinge koordiniert. "Europäische Staaten sollten Griechenland dabei unterstützen", fordert das UNHCR.

Mit Blick auf die hohen Asylbewerberzahlen in Deutschland erklärte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, er wolle Deutschland bei der Verteilung von Flüchtlingen entlasten. "Wir müssen die Verantwortung auf mehr Schultern in Europa verteilen. Es ist langfristig nicht tragbar, dass nur zwei EU-Länder - Deutschland und Schweden - mit leistungsfähigen Asylstrukturen die Mehrheit der Flüchtlinge aufnehmen", sagte Guterres der "Welt".

In diesem Jahr wird die Zahl der Asylbewerber in Deutschland den bisherigen Höchststand aus den 90er Jahren wohl bei weitem übersteigen. Deutschlands Behörden hatten 1992 mit etwa 440.000 Asylanträgen den bisherigen Rekordstand gezählt. Die neue Prognose will Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch vorstellen. Bislang hatte das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit rund 450.000 Asylanträgen gerechnet.

Allein im ersten Halbjahr 2015 baten rund 180.0000 Menschen in Deutschland um Asyl - vor allem aus Krisenländern wie Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea, aber auch sehr viele aus Balkanstaaten wie Kosovo, Albanien oder Serbien. Länder und Kommunen klagen seit Monaten, dass sie kaum wissen, wie sie mit den wachsenden Flüchtlingszahlen fertig werden sollen. Asylbewerberunterkünfte sind überfüllt, auch das BAMF, das alle Asylanträge bearbeitet, ist überlastet.

Aus Sicht des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) sollten Flüchtlinge aus Syrien aus dem Asylverfahren herausgenommen werden. Für diese Menschen, die quasi alle ein Bleiberecht in Deutschland bekommen, sollte eine Kontingentlösung geschaffen werden, um Entlastung im Asylverfahren zu bringen, sagte Kretschmann am Dienstag. (dpa)

Rubriklistenbild: © Coerschulte

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