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Baby-Pause statt Nato-Beitritt: Finnlands Verteidigungsminister geht in Elternzeit

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Von: Jens Kiffmeier

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Genehmigt trotz Nato-Beitritt: Finnlands Verteidigungsminister Antti Kaikkonen geht in Elternzeit.
Genehmigt trotz Nato-Beitritt: Finnlands Verteidigungsminister Antti Kaikkonen geht in Elternzeit. © Steinach/Scanpix/Imago/Montage

Aus Angst vor Putin drängt Finnland in die Nato. Doch Verteidigungsminister Antti Kaikkonen geht erst mal in Elternzeit. Seine Landsleute lässt das kalt.

Berlin – Der Ukraine-Krieg hat in Finnland viel verändert. Das Land verbindet eine 1340 Kilometer lange Grenze zu Russland. Doch seit dem Überfall von Putins Armee auf die Ukraine fühlen sich die Skandinavier nicht mehr sicher. Im Eiltempo drängt Finnland zusammen mit Schweden auf einen Nato-Beitritt. Doch mitten im Aufnahmeprozess macht der wichtigste Mann erst einmal Baby-Pause. Denn Verteidigungsminister Antti Kaikkonen geht in Elternzeit. In Deutschland wäre das für einen Politiker weiterhin undenkbar. Die Finnen jedoch jubeln, berichtet kreiszeitung.de.

Trotz Nato-Beitritt: Finnlands Verteidigungsminister geht für zwei Monate in Elternzeit

Kind statt Kabinett: Antti Kaikkonen teilte seinen Entschluss selber auf Twitter mit. „Kinder sind nur einen Moment lang klein, und ich möchte mich nicht nur auf Fotos daran erinnern“, zitiert der Spiegel den finnischen Verteidigungsminister, der im vergangenen Juli zum zweiten Mal Vater geworden ist. Vom 6. Januar bis Ende Februar soll die Elternzeit dauern. In dieser Zeit wird der Politiker komplett abwesend sein. Die Amtsgeschäfte übernimmt dann der Abgeordnete Mikko Savola. Während der eigentliche Amtsinhaber sich ausschließlich um seine Familie kümmert, steuert der Vertreter den wichtigen Nato-Beitritt.

Elternzeit mitten im Nato-Beitrittsprozess: Antti Kaikkonen ist der erste Minister mit Baby-Pause

Elternzeit wird in Finnland hochgeschätzt. In dem skandinavischen Land haben Väter grundsätzlich Anspruch auf 54 Tage Vaterschaftszeit. Rund 80 Prozent der finnischen Männer machen davon nach Regierungsangaben auch Gebrauch, ob teilweise oder komplett. Doch in den Reihen der Politik ist der Schritt von Kaikkonen noch eher ungewöhnlich. Zwar sind bereits mehrere Politikerinnen in Regierungsämtern in Elternzeit gegangen – aber der Minister ist in Finnland jetzt einer der ersten Männer mit Kabinettsstatus.

In Finnland selber stößt die Entscheidung laut Medienberichten durchaus aus Zustimmung. „Wir unterstützen stolz die Entscheidung von Antti Kaikkonen“, erklärte Annika Saarikko, Finanzministerin und Chefin der Zentrumspartei laut dem Spiegel. Die Möglichkeit dazu stehe jedem offen. Dass die Baby-Pause mitten im Nato-Beitrittsprozess stattfinde, sei nicht weiter hinderlich, hieß es.

Finnlands Nato-Beitritt: Türkei stellt sich noch quer

Der Ukraine-Krieg hat Schweden und Finnland in die Arme der Nato getrieben. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine brachen die beiden Länder mit ihrer jahrzehntelangen Tradition der militärischen Bündnisneutralität und stellten den Antrag auf Nato-Mitgliedschaft. Der Prozess läuft bereits seit Mai 2022. Jedoch muss jedes der 30 Nato-Mitgliedsländer den Beitritt ratifizieren. Doch die Zustimmung von Ungarn und der Türkei steht noch aus. Vor allem der türkische Präsident Erdogan macht sein Ja von einigen Zugeständnissen abhängig.

Nato-Beitritt von Finnland: Trotz Bedrohung von Russland und Putin erhält Kaikkonen viel Zuspruch

Die innerparteiliche Unterstützung ist nicht überraschend. Ob Norwegen, Schweden oder eben Finnland – grundsätzlich gilt Skandinavien im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten als äußerst familienfreundlich. Zwar gibt es auch in Deutschland die Elternzeit und die Quoten für Männer, die ihr Recht auf Vaterschaftszeit ausnutzen, steigen langsam aber stetig. Aber insbesondere für Politikerinnen und Politiker bleibt es hierzulande schwierig, sich aus ihren Amtsgeschäften zurückzuziehen. Denn dafür fehlt die gesetzliche Grundlage.

Kristina Schröder und Danyal Bayaz: In Deutschland haben Politiker keinen Anspruch auf Elternzeit

2011 bekam Kristina Schröder (CDU) als erste Ministerin im Amt ein Kind. Doch nur wenige Wochen nach der Geburt kehrte sie an den Schreibtisch zurück. Denn einen Anspruch auf Elternzeit hatte sie als Abgeordnete nicht. Zwar können sich die Minister von Staatssekretären bei einigen Aufgaben vertreten lassen, doch formal müsste ein anderes Kabinettsmitglied die Leitung des Hauses übernehmen.

Dass sich daran innerhalb von zehn Jahren wenig geändert hat, zeigte sich auch im Sommer 2021. Damals zog sich Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) ein wenig aus der Tagespolitik zurück, nachdem er mit seiner Partnerin und der Grünen-Landtagsfraktionschefin Katharina Schulze ein Kind bekommen hatte. Doch offiziell war das keine Elternzeit. Zwar trat der Minister weniger in Erscheinung, aber er führte seine Amtsgeschäfte vom Homeoffice aus.

Sigmar Gabriel als Vorreiter: SPD-Chef trickste bei seiner dreimonatigen Vaterschaftszeit

Sigmar Gabriel (SPD) hatte es da schon einfacher. 2012 verschwand der damalige SPD-Chef für drei Monate von der Bildfläche, um sich in Vollzeit um seine Tochter zu kümmern und seiner Ehefrau den Wiedereinstieg in den Beruf zu erleichtern. Allerdings hatte der spätere Vizekanzler zu dieser Zeit kein Regierungsamt inne und nutzte für den Großteil seiner Auszeit die parlamentarische Sommerpause. Doch auf solche Tricksereien ist man in Finnland eben nicht angewiesen. (jkf)

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