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Kriege der Zukunft: Nato-Staat setzt bewaffnete Roboter ein

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Von: Tim Vincent Dicke

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Niederländische Kampfroboter
Die Niederlande setzen nun bewaffnete Kampfroboter ein – stationiert sind sie derzeit in der Nähe von Russland. © Niederländisches Verteidigungsministerium

Die Niederlande kündigen den Einsatz von bewaffneten Kampfrobotern an – in direkter Nähe zu Russland. Ein Fachmann schätzt die Entwicklung ein.

Amsterdam – Als angeblich erster Nato-Staat setzen die Niederlande auf autonome Kampfroboter, die bei Kriegshandlungen am Boden eingesetzt werden können. Wie aus einer Mitteilung des niederländischen Verteidigungsministeriums hervorgeht, handelt es sich um hybride Infanteriesysteme, die vom estnischen Verteidigungsunternehmen Milrem Robotics produziert werden.

Die Roboter seien zu Übungszwecken gemeinsam mit einer niederländischen Brigade nach Litauen verlegt worden, erklärte Oberstleutnant Sjoerd Mevissen, Kommandeur der Abteilung Robotik und autonome Systeme. „Wir haben vier bewaffnete Maschinen im Rahmen eines operativen Experiments im Einsatz“, sagte Mevissen der auf das Militär spezialisierten Nachrichtenseite Janes. „Meines Wissens haben wir so etwas im Westen noch nicht gesehen“, fügte er hinzu.

Nato setzt Killer-Roboter „unter Augen und Ohren der Russen“ ein

Die Tests seien heikel, da man unter der Beobachtung russischer Dienste stehen könnte, vermutet der Oberstleutnant. Russland führt derzeit gegen die Ukraine einen blutigen Angriffskrieg. „Die Maschinen wurden zum experimentellen Einsatz in einer operativen Einheit in einem militärisch relevanten Umfeld übergeben. Es handelt sich nicht einfach um Tests auf einem Übungsplatz. Wir befinden uns unter den direkten Augen und Ohren der Russen und damit in einer halb-operativen Umgebung.“

Wie das niederländische Verteidigungsministerium mitteilte, können die autonomen Raupenfahrzeuge, Fachleute bezeichnen sie als Tracked Hybrid Modular Infantry Systems (THeMIS), vielfältige Aufgaben übernehmen – zum Beispiel in der Logistik oder bei der militärischen Aufklärung. Doch das Ministerium macht auch deutlich, dass auf den Robotern Waffen montiert werden können. Zur Verfügung gestellte Bilder zeigen, dass die Roboter mit Maschinengewehren ausgerüstet sind.

Es handelt sich bei den holländischen THeMIS nicht um die ersten bewaffneten Roboterfahrzeuge. So hat Russland eigenen Angaben zufolge automatisierte Maschinen im Syrien-Krieg verwendet. Der Iran stellte zudem den Kampfroboter „Heidair-1“ vor. Und auch im Westen seien bewaffnete Roboter nichts Neues, sagt Dr. Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München. Er vermutet hinter der niederländischen Meldung vor allem PR. „Daran ist nichts besonders. Viele Streitkräfte trainieren das längst“, sagt er der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Die USA hätten bewaffnete unbemannte Fahrzeuge, etwa im Irak, auch schon im Krieg eingesetzt.

Autonome Waffensysteme ethisches Problem

Waffensysteme, die autonom Entscheidungen treffen können, werden in Politik und Wissenschaft intensiv diskutiert. Rein technisch wäre es wohl schon heute möglich, sie in großem Umfang zu verwenden. Was die Frage der Autonomie in Waffensystemen angeht, also das Ausführen von Funktionen ohne menschliches Zutun, so ist die zentrale Frage laut Militär-Experte Sauer: „Welche Rolle soll der Mensch zukünftig im Krieg spielen? Wann entscheidet der Mensch, wann die Maschine?“

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Viele Systeme könnten bereits jetzt die Zielsuche autonom durchführen, erklärt der Fachmann. „Das kann sehr nützlich sein, etwa bei der automatischen Abwehr von Raketen. Aber es kann auch Risiken aufwerfen – in der Ethik und beim Völkerrecht“, sagt Sauer. Deutschland sei in der Regulierungsdiskussion bei den Vereinten Nationen zwar seit Jahren aktiv, hinke mit Blick auf die Bundeswehr aber hinterher. Er fordert von der Bundesregierung, nicht nur über das Thema zu reden. Vielmehr sei es an der Zeit, dass es eine klare Leitlinie für die Bundeswehr gebe. „In den USA, Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden ist man da schon weiter.“

Technologien könnten Terrorgruppen in die Hände fallen

Vincent Boulanin vom SIPRI, dem internationalen Friedensforschungsinstitut in Stockholm, sieht gravierende Probleme auf die Weltgemeinschaft zukommen. „Wenn man die ganze Informationsverarbeitung automatisiert und der Mensch nur noch von der Maschine mit Informationen gefüttert wird, ohne dass er noch die Komplexität der Algorithmen versteht, dann wird es problematisch. Dann könnte man sagen, der Mensch kann keine rationale Entscheidung mehr treffen, weil er nicht weiß, wie die Maschine zu ihrem Schluss gekommen ist“, sagte er dem Deutschlandfunk. Zudem sei die Gefahr groß, dass die Systeme von Terrorgruppen genutzt werden.

Dieses Szenario sieht auch Dr. Frank Sauer. „Diese Technologie wird über kurz oder lang Terrorgruppen in die Hände fallen.“ Bisher seien solche Angriffe nicht aufgetreten, weil es schlicht noch einfacher und verlässlicher sei, simplere Waffen wie zum Beispiel Bomben zu nutzen. (tvd)

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