Wegen Dreck und Lärm

Kommunen bekämpfen ganze Saatkrähen-Kolonien

Laupheim. Sie kommen gern im Dutzend oder als Hundertschaft und bringen - wenn sie sich dauerhaft niederlassen - ganze Straßenzüge in Rage. Saatkrähen lieben das Stadtleben. Quer durch Deutschland versuchen Kommunen, die Vogel-Kolonien loszuwerden - mit dürftigem Erfolg.

Im schwäbischen Laup-heim besiedeln die schwarzen Vögel seit 1991 die alten Bäume des Schlossparks. Gestresste Anwohner interessiert dort weniger, dass die Saatkrähe unter strengem Naturschutz steht und 1986 mal Vogel des Jahres war. Das Krächzen, ein heiseres „Krra“ oder „Korr“, nervt.

Wäsche hängt man rund um den Park lieber nicht raus - von oben pladdert weißer Vogelkot. Deshalb wird auf dem nahen Alten Friedhof auch unter dem Schutz von Regenschirmen beerdigt, deshalb hat die Stadt einen Spielplatz im Park geräumt.

Was haben die Laupheimer nicht alles versucht, um die Krähenkolonie loszuwerden: Radau aller Art, schwarze Tücher und Uhu-Attrappen in die Bäume gehängt, mit Falken angegriffen. Böller, die über den Nestern explodieren, und Nester aus den Bäumen zu holen, das war noch am erfolgreichsten, sagt Stadtsprecher Andreas Braun. Aber nur kurz: Die schlauen Vögel lassen sich nicht vertreiben, ziehen höchstens ein kleines Stück auf neue Bäume um. Und bringen es im Park der 20 000-Einwohner-Stadt nach 346 Nestern im Vorjahr auf nun 412.

Georg Walcher vom örtlichen Naturschutzbund versucht die Wogen zu glätten. In den 80er-Jahren seien viele Brutbäume gefällt, fast alle Wiesen der Gegend zu Äckern umgebrochen worden.

Saatkrähen hätten vermehrt auf den Feldern Nahrung suchen müssen, seien massiv verfolgt worden. Dann hätten sie spitzgekriegt, dass Horste in der Stadt nicht beschossen würden. Die Rückgewöhnung, so Walcher, sei mühsam und werde dauern.

Auch in Elmshorn (Schleswig-Holstein): Dort holte die Feuerwehr am 14. März, dem letzten Tag vor der Brutschutzzeit, Nester aus den Bäumen. Naturschutzbehörden hatten das ausnahmsweise genehmigt - tags darauf bauten die Saatkrähen neu.

Kempten in Bayern testet eine Drohne: Sie erschreckt die schwarzen Vögel mit Lärm vom MP3-Player und mit Lichtblitzen. Klappt, sagt Bauhofchef Uwe Gail, ist aber kein Allheilmittel.

In Soest/NRW spalten 1000 Brutpaare die Stadt in zwei Lager. Der Verhaltensbiologe Diederik van Liere will als Nothelfer die Vögel nun behutsam aussiedeln.

Leer (Ostfriesland) setzt auf Bretter im Krähenbaum. Mit langem Seilzug kann man die von unten gegeneinander krachen lassen: Klappt, weil es klappert - war aber nur bis zur Brutzeit gestattet.

Das nahe Jever musterte die Klatschen wieder aus - mehrfach krachten sie zu Boden, knapp vorbei an Fußgängern. Das Schießen von Saatkrähen, selbst wenn es manchen Jäger juckt, geht schon lange nicht mehr.

Auch eine Idee aus Mindelheim in Bayern machte vor über 20 Jahren öffentlich vor allem Ärger. Die Feuerwehr soll damals versucht haben, Nester von den Bäumen zu spritzen.

Hintergrund

Einst als Unglückboten verrufen 

Saatkrähen zählen zur Unterordnung Singvögel. Sie werden über 40 Zentimeter hoch und sind am weißen Schnabelgrund zu erkennen. Die Tiere stehen unter Naturschutz. Alle Versuche, sie - wie auch immer - zu vertreiben, werden nur ausnahmsweise gestattet. Die Vögel ernähren sich von kleinen Tieren und Früchten. Einst galten sie als Unglücksboten.

• In Hessen sind Saatkrähen vor allem im Süden des Landes zu finden. Knatsch gab oder gibt es unter anderem in Fulda, Münster bei Dieburg und Limburg: Dort währt rund um die Annakirche der Ärger schon 20 Jahre. Devise der Kritiker: Menschenschutz vor Tierschutz. Naturschützer kämpfen um Kompromisse und Koexistenz.

• In Niedersachsen sind die Bestände von 65 000 Brutpaaren im Jahr 1850 auf 2000 im Jahr 1970 abgestürzt. Längst geht’s aufwärts, Niedersachsens größte Kolonie mit 1600 Paaren brütet in Scharrel/Cloppenburg. Niedersachsen lässt derzeit ein Konzept zur Beilegung von Konflikten um Saatkrähen entwickeln.

• In Wien überwintern Hunderttausende Saatkrähen. Massenspektakel in Bild und Ton vom Friedhof Ottakring:

zu.hna.de/krähenkonzert

• Bayerns Saatkrähenkonzept:

Link: zu.hna.de/krähenkonzept

Von Wolfgang Riek

Rubriklistenbild: © Rolf_Haid

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