Interview über die Nutzung des Internets durch die Parteien

Politikwissenschaftler Andreas Jungherr: „Netz ergänzt den Wahlkampf“

Kassel. Die deutschen Parteien setzen in den Wahlkämpfen vermehrt auf das Internet. So nutzen Politiker auch im Bundestagswahlkampf verstärkt soziale Netzwerke, um ihre Botschaften zu platzieren. Politikwissenschaftler Andreas Jungherr erklärt im Interview die Bedeutung des Internets in Wahlkämpfen.

Herr Jungherr, verlagert sich der Wahlkampf immer mehr ins Internet?

Andreas Jungherr: Die Parteien nutzen das Internet im Wahlkampf stärker als 2009, aber ich würde nicht von einer Verlagerung sprechen. Das Netz ergänzt den Wahlkampf auf einem neuen Kanal. Es ist nicht so, dass jetzt weniger Plakate deswegen gedruckt werden.

Welche Möglichkeiten bieten sich für Parteien durch diese Ergänzung?

Jungherr: Das Internet kann im Wahlkampf drei Funktionen erfüllen. Das ist zum einen die Präsenz des politischen Akteurs und der Partei im Internet. Sie können ihre Inhalte und Positionen veröffentlichen, ohne das diese von Journalisten gefiltert werden. Eine andere Funktion ist die Unterstützung der Infrastruktur durch digitale Werkzeuge. Sie können beispielsweise bei der Mobilisierung von Freiwilligen helfen.

Und welches ist die dritte Funktion?

Jungherr: Das Auftreten im Internet wird als Symbol einer Kampagne oder einer Kandidaten-Eigenschaft verstanden. In Deutschland ist dies die sichtbarste Funktion. Beispielsweise nutzen Kandidaten Online-Werkzeuge, um zu zeigen, dass sie das Internet verstanden haben und der zeitgemäßere Kandidat sind.

Welche Kanäle eignen sich am besten, um die Wähler zu erreichen?

Die neue Webseite der Bundeskanzlerin ist unter www.angela-merkel.de zu erreichen. Wenn man jedoch www.angelamerkel.de ohne Bindestrich eingibt, wird man direkt auf eine falsche Seite der SPD weitergeleitet, die nach Anfrage bei Domain-Verwalter Denic von einem Victor Stoilav aus der Ukraine registriert ist. „Das ist keine Sache der SPD. Wir haben damit nichts zu tun“, betonte ein Sprecher der SPD.

Jungherr: Die unterschiedlichen Internet-Services haben verschiedene Zielgruppen. Die Parteien und Kandidaten müssen sich überlegen, wo sie ihr Publikum finden, mit dem sie interagieren wollen. Facebook ist beispielsweise das soziale Netzwerk mit der größten Reichweite in Deutschland. Durch die Stärke des Angela-Merkel-Profils hat die CDU ein gutes Potential, um Unterstützer zu erreichen.

Auch die SPD und die Grünen nutzen Facebook intensiv. Zusätzlich verwenden diese beiden Parteien jedoch auch E-Mails sehr stark, um ihre Unterstützer zu informieren und auch für Offline-Aktionen zu mobilisieren. Zusätzlich zu ihrem Facebook-Auftritt hat zum Beispiel die FDP sehr positive Erfahrungen mit Xing gemacht. Dort sind viele Selbstständige und Firmengründer angemeldet, die in diesem sozialen Netzwerk mit und über die FDP diskutieren können.

Also haben sich die Parteien im Internet-Wahlkampf weiterentwickelt?

Jungherr: Die etablierten Parteien haben seit der Wahl 2009 in den Parteizentralen Kernpersonal aufgebaut, die mit dem Internet umgehen können. Das Personal weiß, welcher Kanal für welche Partei funktioniert.

Mittlerweile haben die Parteien ein sehr präzises Verständnis davon, mit wem sie auf welchen Kanälen kommunizieren wollen. Sie befeuern nicht mehr wie 2009 alle Kanäle.

Wofür nutzen die Parteien die sozialen Netzwerke?

Jungherr: Zum einen versorgen Parteien ihre direkten Unterstützer mit Inhalten und Botschaften, die interessant für die Wahlkampagne sind. Zum anderen hoffen sie, dass Unterstützer Inhalte teilen und sie dadurch deren Freunde erreichen, die von sich aus nicht nach politischen Inhalten im Internet gesucht hätten.

Wie wird sich der Internet-Wahlkampf entwickeln?

Jungherr: Wir werden keine Explosion der Budgets für Internet-Wahlkampf erleben. Aber wir sehen schon jetzt, dass das Internet immer stärker als Informations-Medium von der Bevölkerung genutzt wird. Für Parteien bedeutet dies, dass sie dort auch stärker präsent sein werden wollen. Sie werden in den nächsten Jahren stärker als Informationsanbieter tätig sein. Das sieht man schon jetzt auf der SPD-Webseite, die von Aussehen und Inhalt stark an ein Nachrichtenportal erinnert.

Von Manuel Kopp

Zur Person

Andreas Jungherr (31) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Politische Soziologie an der Universität Bamberg. Von 2002 bis 2009 studierte er Politikwissenschaften, Amerikanistik und Geschichte an der Universität Mainz. Zusammen mit Prof. Harald Schoen hat er in diesem Jahr das Buch „Das Internet in Wahlkämpfen“ herausgebracht. Jungherr ist ledig. (mko)

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.