„Neuartiges in das Leben holen“

Psychologe erklärt: Darum ist Zeitempfinden je nach Situation unterschiedlich

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Moderne Uhren: Die Zeit wird exakt gemessen, per Atomuhr sogar auf die Millionstel-Sekunde genau. Dennoch ist das Zeitempfinden je nach Lebenslage völlig verschieden.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum die Zeit gefühlt im Urlaub schneller vergeht als im Alltag, warum ältere Menschen den Lauf der Zeit als schneller empfinden als jüngere? Im Interview erklärt Zeitforscher Marc Wittmann die Gründe dafür und rät, auch mal nichts zu tun.

Gerade in der Vorweihnachtszeit sagen viele Menschen: „Schon wieder ein Jahr vorbei. Das geht ja immer schneller“. Woran liegt das? 

Marc Wittmann: Der Hauptfaktor für das Empfinden von längerer Zeitdauer ist das Gedächtnis. Je mehr emotionale Erinnerungen und Gedächtnisinhalte ich an einen bestimmten Zeitraum habe, desto länger kommt mir die Zeitdauer vor. Wer wenig erlebt, hat den Eindruck, die Zeit ist schnell vergangen, weil er sich kaum etwas gemerkt hat.

Ist das der Grund dafür, dass man die erste Hälfte eines Urlaubs als länger empfindet als die zweite? 

Wittmann: Genau. In den ersten Tagen sieht man viel Neues, einen anderen Ort, neue Eindrücke - das speichert sich in unserem Gedächtnis ab. Das kommt uns dann unheimlich lang vor. Die späteren Tage vergehen gefühlt schneller, weil man alles kennt und die Neuartigkeit fehlt.

Leben wir zu wenig in der Gegenwart? 

Wittmann: Ja. Gerade wir Mitteleuropäer sind sehr zukunftsorientiert. Wir planen alles. Wir leben nicht in der Gegenwart, weil wir in Gedanken schon wieder bei der nächsten Aktion, dem nächsten Termin sind. Deshalb erleben wir die Dinge nicht so intensiv, das Gedächtnis speichert sie nicht so tief ab.

Empfinden ältere Menschen eher, dass die Zeit schnell vergeht, als jüngere? 

Wittmann: Ja. Wir werden grundsätzlich immer routinierter in unserem Leben. Am Anfang des Lebens hat alles den Charakter der Neuartigkeit. Im Kinder- und Jugendalter passiert alles zum ersten Mal, ist unheimlich wichtig und wird emotional erlebt.

Gibt es Beispiele? 

Wittmann: Das erste Mal allein ohne die Eltern in die Ferien zu fahren. Das ist ein tolles Ereignis. Als Erwachsener geht man irgendwann zum fünfzigsten Mal in Urlaub. Das kann gar nicht mehr den Neuartigkeitswert haben, den es in der Jugend hatte. Vergleichen Sie mal die Lebensspanne zwischen 12 und 16 Jahren mit der zwischen 52 und 56 Jahren. Im ersten Fall ist das ein dramatischer Wandel. Mit 12 ist man fast noch ein Kind, mit 16 fast schon erwachsen. Im zweiten passiert nicht mehr viel.

Warum nicht? 

Wittmann: Weil viele Menschen dieser Altersgruppe morgens ins Büro gehen, dann nach Hause kommen und fernsehen. Der nächste Tag ist genauso, so geht es immer weiter. Wenn man nach ein paar Wochen zurückblickt, ist überhaupt nichts passiert, aber die Zeit ist vergangen.

Was kann man tun, um seine Zeit sinnvoller zu empfinden? 

Wittmann: Man muss versuchen, die Routine zu verlieren, eine Neuartigkeit in sein Leben zu holen, sich anders zu positionieren. Nicht immer mit denselben Leuten zusammen sein, sondern versuchen, andere kennenzulernen, eine Fremdsprache lernen, ein anderes Urlaubsziel auswählen.

Nun ist jede Stunde definitiv 60 Minuten lang. Warum empfinde ich eine Stunde beim Zahnarzt länger, als wenn ich im selben Zeitraum ein spannendes Buch lese? 

Wittmann: Die Frage ist, ob ich von der Zeit abgelenkt bin oder darauf fokussiere. Wenn ich einen spannenden Krimi lese, achte ich nicht auf die Zeit. Das ist beim Zahnarzt, von dem ich schnell wieder weg will, anders.

Viele Menschen sind ständig aktiv, twittern, mailen, bloggen. Ist das sinnvoll? 

Wittmann: Wir können die Zeit ja nicht sehen, nicht hören, nicht schmecken. Es gibt sie nur in unserer Innenwelt. Wir selbst generieren sie. Wenn uns langweilig wird, dann vor uns selbst. Deshalb lenken viele sich ab, zücken schon ihre Smartphones, wenn sie nur zehn Minuten in der Bahn sind.

Sollte man sein Leben entschleunigen, einfach mal nichts tun? 

Wittmann: Ja. Wenn ich mich immer nur ablenke, erfahre ich mich selbst nicht. Viele wichtige Gedanken zum eigenen Leben oder auch zu wichtigen Projekten kommen nur, wenn man einmal nichts tut.

Viele ältere Menschen verklären die Vergangenheit, sagen, dass früher alles besser war. Woran liegt das? 

Wittmann: Wir sparen gern negative Dinge aus, wollen uns daran nicht mehr erinnern. Viele, die in der Gegenwart nicht unbedingt glücklich sind, picken das Positive aus der Vergangenheit heraus und erinnern sich nur daran.

Von Peter Klebe

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