Neue Methode zum Schutz von Spenderorganen entwickelt

Norbert Weissmann

Gießen. Wer nach einem Spaziergang in der eisigen Kälte mit kalten Fingern in die beheizte Wohnung zurückkehrt, kennt den brennenden Schmerz in den Händen, der mit dem wieder einsetzenden Blutfluss entsteht.

Dieses Winterphänomen lässt sich auf die Transplantationsmedizin übertragen - hier allerdings mit lebensgefährlichen Folgen.

Hintergrund

Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) deutschlandweit 2272 Nieren und 298 Lungen verpflanzt. Aus Sicht der Forscher sind sind die Ergebnisse der Transplantation aber bisher noch unbefriedigend. Denn obwohl die Organempfänger täglich Medikamente einnehmen, die das eigene Immunsystem unterdrücken und damit die Abstoßung des neuen Organs verhindern sollen, funktionieren fünf Jahre nach der Verpflanzung nur noch etwa 65 Prozent der transplantierten Nieren und 40 Prozent der verpflanzten Lungen. Letztere sind zudem besonders früh von chronischen Abstoßungsreaktionen betroffen, die unter anderem durch Reperfusionsschäden hervorgerufen werden. (sob)

Einer Forschergruppe des Universitätsklinikums Gießen und Marburg ist es jetzt erstmals gelungen, eine Methode zu entwickeln, die Spenderorgane vor Reperfusionsschäden - so der medizinische Fachbegriff für das regelrechte Anbrennen der verpflanzten Organe - schützen soll. Prof. Norbert Weissmann, Leiter des internationalen Teams mit Schwerpunkt Lungenforschung, erklärt: „Wenn in einem kurzzeitig von der Sauerstoffversorgung abgeschnittenen Organ die Durchblutung wieder einsetzt, kann das Gewebe dabei weitaus schlimmer geschädigt werden, als durch Mangel selbst. “

Die Folge: Abstoßungsreaktionen oder Organversagen. „Da Reperfusionsschäden auch bei Herzinfarkten oder Schlaganfällen eine entscheidende Rolle spielen, hoffen wir, dass sich die Ergebnisse übertragen lassen.“

Bisher werden die Spenderorgane, bei denen es bei der Verpflanzung zwangsläufig zu einer Unterbrechung in der Sauerstoffversorgung kommt, heruntergekühlt, um die Aktivität der Enzyme und damit die Bildung von gefährlichen Radikalen zu verringern. Bei der neu entwickelten Methode werden die Signalwege in den Gewebezellen hingegen gezielt beeinflusst.

Vier Jahre lang haben die Wissenschaftler das Phänomen erforscht und ihre Methodik an Studien mit Mäusen getestet. Im nächsten Schritt wird nun ein Medikament entwickelt, das die Empfänger von Lungenspenden vor Abstoßungsreaktionen und Organversagen schützt. Weissmann: „Realistisch ist, dass ein solches Medikament in zwei bis drei Jahren auf dem Markt ist.“

Gewebeschonend

Mittel für Patienten, die eine Niere - das in Deutschland am häufigsten transplantierte Organ - ein Herz oder eine neue Leber bekommen, sowie für Infarkt- und Schlaganfallpatienten sollen drei bis vier Jahre später folgen: „Bei pharmazeutischen Entwicklungen lässt sich die Marktreife leider nicht konkret vorhersagen“, erklärt Norbert Weissmann.

Von Sonja Broy

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