Neue Mobilfunkfrequenzen können TV-Empfang stören - Drahtlos-Mikros fallen aus

Neue Mobilfunkfrequenzen: Klötzchen auf dem Bildschirm

Blitzschnell im Internet - auch für Deutschlands abgelegenste Dörfer soll das kein Wunschtraum bleiben. Möglich macht’s die derzeit laufende Versteigerung, mit der die Bundesnetzagentur neue Mobilfunkfrequenzen auf den Markt bringt. Doch diese können den TV-Empfang stören.

T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus bieten mit - sie sollen Computernutzer per Funk ins Netz holen, an denen wegen teurer Leitungskosten bislang keiner Interesse hatte.

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Störung des DVB-Empfangs durch LTE, Messung und Abhilfe (PDF)

Elektromagnetische Verträglichkeit von Breitbandkabelnetzen und Mobilfunknetzen (PDF)

Besserversorgung des platten Landes in Sachen Internet - das ist die politische Vorgabe, die der Bund an die Frequenz-Neuvergabe knüpft. In Wahrheit setzen die Mobilfunker aber vor allem auf Geschäfte mit neuen Internet-Anwendungen auch und vor allem in Ballungsräumen. Den öffentlichen Kassen soll die Versteigerung einen Milliardenbetrag bringen. Neben den Gewinnern steht auch schon fest, wo mögliche Verlierer des großen Frequenzenhandels sitzen: vor Bildschirmen des digitalen Fernsehens über Kabel und DVB-T-Antenne, außerdem in Theatern, Konzertsälen und Kirchen.

Experten sagen eine „Gnadenfrist“ von etwa einem Jahr voraus, bis Netze stehen und die Endgeräte im Handel sind. Wenn die Nutzer der neuen LTE-Technik dann surfen gehen, können Fernsehbilder in der Umgebung sich schlimmstenfalls zu Streifen- und Klötzchenmustern verzerren oder sogar „festfrieren“. Auch akustisch, so haben Tests des Münchener Instituts für Rundfunktechnik (IRT) gezeigt, droht Ärger: Der Ton kann zwitschern oder ganz ausfallen.

Das Problem: Die Frequenzen ab Kanal 61 im Bereich 790 bis 862 Megahertz (Mhz), die jetzt den Internetdiensten zugeschlagen werden, brachten früher das gute alte analoge Antennenfernsehen ins Haus. Ganz in der Nähe dieses Frequenzbandes, vereinzelt sogar mittendrin, senden Kanäle des „Nachfolgers“ DVB-T. Damit droht Kuddelmuddel von Internet- und TV-Signalen. Hans-Joachim Kamp, Vorstand des Elektronikgeräte-Herstellerverbands ZVEI: „Schlimmstenfalls muss man sich künftig vor der Tagesschau mit seinen Nachbarn absprechen.“

Als zumindest störgefährdet gelten Programme auf den Kanälen 52 bis 60. Die finden sich mit etlichen Dritten auch in unserer Region. Höheres Risiko sieht Rainer Rabe, Technik-Experte der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR), für Nutzer von DVB-T-Zimmerantennen. Denen könnte der Internetfunk von LTE-Geräten sogar den Empfang auf allen Kanälen vermiesen - selbst aus der Nachbarwohnung. Ein Problem vor allem der Ballungsräume wie Rhein-Main und Kassel. Allzu schwarz malt Rabe für die Region aber nicht. Und dass der ZVEI von Störgefahren für bundesweit 24 Millionen Haushalten spricht, hält er für maßlos übertrieben.

Düster hingegen Rabes Prognose für alle, die drahtlose Mikrofone einsetzen - in Theatern, Kirchen und anderswo: Sie funken in den Kanälen, die jetzt versteigert werden und müssen umrüsten.

Von Wolfgang Riek

Sender im Harz müssen Kanal 65 räumen

Drei DVB-T-Sender im Harz, mit denen der NDR auf Kanal 65 vor allem Programme der Dritten verbreitet, werden infolge der Frequenzneuvergabe abgeschaltet - genauso wie ein Sender auf dem Feldberg, der Rhein-Main auf Kanal 64 mit Tele5, Eurosport, rheinmaintv und Bibel-TV versorgt. Die Programme landen auf neuen Kanälen, die sich per Sendersuchlauf finden lassen. • Sender, die auf störgefährdeten Kanälen arbeiten (58, 59), finden sich bei Göttingen und im Harz, außerdem im Habichtswald und auf dem Meißner (55). TV-Probleme in der Region halten Experten aber für eher klein und beherrschbar - zum Beispiel mit hoch abgeschirmten Kabeln und speziellen Empfängerfiltern. • Störpotenzial für Kabelkunden sieht LPR-Mann Rabe eher aus Konflikten zwischen Internet per Kabel und LTE-Funk.

Drahtlose Mikros außer Gefecht

• „Selbst ein lautlos geschaltetes LTE-Handy könnte dafür sorgen, dass der Pastor in der Kirche weg ist“, sagt LPR-Experte Rainer Rabe mit Blick auf die Umnutzung der jetzt versteigerten Funkfrequenzen. „Weg“ heißt, falls der Gottesmann ein drahtloses Mikro nutzt, ohne Verstärkung. • Eine Umrüstung der Mikrofonanlagen ist möglich, aber kostspielig: Ein kleines Dreispartenhaus, so der Deutsche Bühnenverein zu möglichen Belastungen der Theater, müsste um die 300 000 Euro ausgeben. • Die Bundesregierung habe den Ländern im Rahmen des Verordnungsverfahrens zwar zugesichert, unter einen Teil der Umrüstungskosten zu übernehmen. Es zeichne sich allerdings ab, dass die Ausgaben letztlich an Ländern und Kommunen hängenblieben, warnt der Bühnenverein. (wrk)

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