Staatsanwaltschaft prüft

Ein neuer Fall Demjanjuk? 28 mögliche Fälle von NS-Kriegsverbrechern

Wegen Beihilfe zum Mord an 28 000 Juden verurteilt: John Demjanjuk starb im vergangenen Jahr im Alter von 91 Jahren. Nun könnte es neue Fälle geben.

Kassel/Ludwigsburg. Diese Informationen waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Doch wie jetzt bekannt wurde, haben NS-Fahnder sieben Frauen ermittelt, die im Zweiten Weltkrieg im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau als Wachpersonal tätig gewesen sein sollen.

Die Frauen gehören zu den 28 Tätern, mit denen sich bundesweit 14 Staatsanwaltschaften beschäftigen. Darunter seien auch „einige Hochkaräter" von der Dimension des bekannten NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk, sagte Klaus Däschler von der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg unserer Zeitung.

Demjanjuk war im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 28 000 Juden im Vernichtungslager Sobibór im südöstlichen Polen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, kam aber auf freien Fuß und starb 2012 mit 91 Jahren.

Das Bekanntwerden der Infos sei eigentlich eine Katastrophe, sagt Däschler, der als Hauptkommissar zum Ermittlerteam der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen gehört, das die mutmaßlichen NS-Verbrecher jetzt ermittelte. Es könnte nun aber zu Problemen bei den Ermittlungen kommen.

Unbeschwert in der Freizeit: .Zu sehen sind Nazi-Offiziere und Helferinnen der SS. Aufgenommen wurde das Bild in einem Erholungsheim namens Solahütte, 30 Kilometer entfernt von Auschwitz. Das Bild wurde zwischen Mai und Dezember 1944 aufgenommen. Fotos: dpa / U.s. Holocaust Memorial Muse

Grundlage der Ermittlungen waren dabei Dokumente aus diversen Archiven. Die Vorprüfung sei dann an die Staatsanwaltschaften der Länder weitergegeben worden. Diese müsse nun entscheiden, ob Ermittlungsverfahren eröffnet werden. Wie die Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, weiß Däschler dabei nicht.

In Hessen wird von den Staatsanwaltschaften Hanau und Frankfurt gegen zwei Männer ermittelt. In Niedersachsen laufen Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Hannover gegen vier Männer. Ende November hatte Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, 30 Fälle an elf Bundesländer abgegeben, zwei Täter sind aber schon tot. Die Behörde war zuständig für die Vorermittlungen. Den Beschuldigten wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Bei diesen Fällen sei aus Dokumenten deutlich geworden, dass einige der beschuldigten Personen in Birkenau gewesen seien. Es habe sich dabei auch um Hundeführer im im Konzentrationslager gehandelt.

Unter den Personen befänden sich auch solche, die bei Tötungen dabei gewesen seien, sagte Däschler. Das gelte aber nicht für alle 30 Fälle.

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Die Ermittlungen gegen mutmaßliche NS-Verbrecher aus den Konzentrationslagern stützten sich hauptsächlich auf Dokumente aus dieser Zeit: Es werde dann beispielsweise verglichen, wann eine Person zu einer Einheit gehörte und ob diese dann Zeitpunkt eines ankommenden Zugs mit Deportierten in einem Konzentrationslagers vor Ort war.

Augenzeugenberichte gebe es kaum mehr, da die Menschen zu alt sind und das Gedächtnis nach 70 Jahren trügen könne, sagte Däschler.

Hintergrund: Warum jetzt Fälle aufgerollt werden

Einige Archive stehen erst seit einigen Jahren offen“, sagt Klaus Däschler. Insbesondere Archive aus Russland und östlichen Staaten. Zudem habe das Verfahren gegen John Demjanjuk eine Veränderung bewirkt. Das Landgericht München war im Mai 2011, obwohl keine Augenzeugen Demjanjuk identifizieren konnten, aufgrund von Akten und Gutachten von dessen Schuld überzeugt. Das Gericht entschied also, ohne einen Einzelnachweis zu führen, sagt Däschler.Bis zu diesem Urteil hätte es meist eines Augenzeugens bedurft, der die Tat bezeugen konnte. Das sei nun nicht mehr unbedingt nötigt, sagte Hauptkommisar Däschler.

Von Max Holscher

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