Die Ausrufung der Republik, die Pogrome gegen die Juden, der Fall der Mauer - alles geschah am 9. November

9. November: Ein deutscher Schicksalstag

Philipp Scheidemann

Der 9. November hat in der deutschen Geschichte mehrfach eine besondere Rolle gespielt. Der Tag steht für historische Umbrüche ebenso wie für barbarische Verbrechen. Der 9. November ist in gewisser Weise ein deutscher Schicksalstag. Wir schauen zurück.

Es lebe die Republik

Kurzclip: Philipp Scheidemann ruft die Republik aus

1918: Der Kaiser flieht, die Demokratie kommt
Der Weltkrieg ist verloren, die kaiserliche Armee drängt auf das Ende der Monarchie, um den Anhängern der Republik die Schuld für die Niederlage in die Schuhe schieben zu können. In Kiel meutern die Matrosen, die sich nicht mehr verheizen lassen wollen. Die Revolution greift auf Berlin über: Am 9. November geht Kaiser Wilhelm II. ins holländische Exil. Um 14 Uhr ruft der Kasseler SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann den Demonstranten von einem Fenster des Reichstages aus zu: „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen.

Video: Die Rede Scheidemanns in längerer Version

Es lebe das Neue; es lebe die deutsche Republik“. Derweil proklamiert Karl Liebknecht vom revolutionären Spartakusbund vor dem Stadtschloss die „Freie Sozialistische Republik“. Schnell entscheidet sich die SPD nun gegen die Revolution und schultert das schwere Erbe, das Monarchie und Militär hinterlassen haben: Der Versailler Friedensvertrag und die Wirtschaftskrise dienen den Feinden der Republik als Munition. (bli)

Hitlers Putsch

1923: Klägliches Ende

Das Krisenjahr der Republik: Bürgerkriegsähnliche Zustände, galoppierende Inflation, eine hilflose Reichsregierung. In München sammeln fanatische Judenhasser wie Nazi-Führer Adolf Hitler und alte Monarchisten wie General Erich Ludendorff ihre Anhänger. Am 9. November proben sie den Umsturz, marschieren Richtung Feldherrenhalle.

Schüsse fallen, 14 Putschisten sterben. Der Umsturz scheitert kläglich. Hitler flieht an den Staffelsee, wird verhaftet. Er kommt mit neun Monaten Festungshaft davon, die er in Landsberg absitzt, wo er „Mein Kampf“ schreibt. Er weiß nun, dass er sich die Macht nicht erkämpfen, sondern erschleichen muss, (bli)

Video: 9. November 1923 - Hitlers Putsch

Synagogen brennen

1938: Die systematische Judenverfolgung beginnt

In der Nacht vom 9. auf den 10. November kommt es zu massenhaften Pogromen gegen Juden. Bei den Exzessen der Nazis werden zahlreiche Menschen getötet und 30 000 festgenommen, von denen die meisten in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen deportiert wurden. Randalierer vor allem aus SA- und SS-Trupps brennen Synagogen nieder, demolieren und plündern Läden, verwüsten jüdische Friedhöfe, verprügeln Menschen oder bringen sie um – vor den Augen einer weitgehend passiven Bevölkerung.

Die Pogrome (bekannt geworden unter dem Nazi-Begriff „Reichskristallnacht“) sind die ersten in diesem Umfang organisierten und mit Massenfestnahmen begleiteten Krawalle gegen Juden in Deutschland. Entgegen der Propaganda sind die Morde und Ausschreitungen keine Reaktion des „spontanen Volkszorns“ auf die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris durch den 17jährigen polnischen Juden Herschel Grünspan. Sie sollen vielmehr die seit Frühjahr 1938 begonnene gesetzliche „Arisierung“, die Zwangsenteignung jüdischen Besitzes, beschleunigen. Hitlers NSDAP ist zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre an der Macht: Die Verfolgung der Juden hat mit seiner Machtübernahme im Januar 1933 begonnen – als schleichende und dann öffentliche Entrechtung zunächst. (wrk)

Die Mauer fällt

1989: Grenzöffnung leitete das Ende der DDR ein

stberlin Anfang November 1989. Seit Egon Krenz den langjährigen Staats- und Parteichef Erich Honecker abgelöst hat, versucht die Staatspartei SED verzweifelt, die Unzufriedenheit der Bürger zu kanalisieren. Besondere Empörung hat zuletzt ein neues Reisegesetz ausgelöst. Deshalb sitzen am Morgen des 9. November Experten im DDR-Innenministerium zusammen, um eine Lösung zu beraten. In den vorliegenden Gesetzentwurf fügen sie schließlich eigenmächtig den Passus ein: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden“.

Die Tagesschau vom 9. November 1989

Und weiter: „Genehmigungen werden kurzfristig erteilt, Versagensgründe nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt“. Diese Einzelheiten kennt SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski nicht, als er am Abend auf einer Pressekonferenz gefragt wird, ab wann das überarbeitete Reisegesetz gilt. Schabowski kramt einen Zettel hervor und erklärt um 18.53 Uhr: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich.“ Wenig später machen sich erste DDR-Bürger auf den Weg an die Grenzübergänge. Als die Menge immer größer wird, entschließen sich die Posten schließlich zur Öffnung der Tore. „Wir kommen wieder“ rufen die DDR-Bürger und immer wieder „Wahnsinn“. Die DDR ist am Ende, elf Monate später feiern die Deutschen Wiedervereinigung. (bli)

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