Drei Fragen zu Demenz:"Heute spricht man darüber"

+

Hameln. Deutschlands erstes Demenzdorf steht in Hameln. Dazu drei Fragen über Demenz an den Kasseler Neurologem Prof. Dr. Martin Ohlmeier.

Mutter, Großvater, die alte Patentante - jeder kennt jemanden mit Demenz. Ist der Verlust, denken, sich erinnern und orientieren zu können eine neue Volkskrankheit?  Martin Ohlmeier: Nein, dementielle Erkrankungen gab es immer. Unsere Lebenserwartung ist aber im Zuge des medizinischen Fortschritts immer größer geworden. Die Folge: In der älter werdenden Gesellschaft erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken. Hinzu kommt, dass in den letzten 15 bis 20 Jahren psychiatrische und psychische Erkrankungen zunehmend enttabuisiert werden. Das heißt: Man spricht heute darüber.

Dauernd Namen oder Geburtstage vergessen - wann muss man zum Arzt gehen? 

Ohlmeier: Wenn Sie mit Mitte 50 anhaltend schwere Gedächtnisstörungen entwickeln, wirkt sich das u. a. zunehmend auch auf Ihre Leistungsfähigkeit an der Arbeit aus. Spätestens dann werden Sie einen Arzt aufsuchen. Wichtig ist aber: Nicht jeder mit Gedächtnisstörung hat eine Demenz. Gründe hierfür können z. B. auch Überlastung, Stress, Leistungsmaximierung sein. Auch eine Depression kann Symptome aufweisen, die einer Demenz ähneln. Ein diagnostisches Unterscheidungskriterium ist: Eine Demenz wird nicht besser - Depressionen lassen sich dagegen sehr gut behandeln.

Was halten Sie als Spezialist von Demenzdörfern? 

Ohlmeier: Diese Konzepte haben große Bedeutung in der aktuellen Versorgungsdiskussion - gerade auch in Zeiten auseinanderfallender Familienstrukturen, die ihre Alten nicht mehr so mittragen wie früher. Solche Einrichtungen versuchen den Spagat, Betroffene einerseits würdevoll zu versorgen, ihnen zu helfen, andererseits, sie zu begleiten und Beziehung zu gestalten. Demenz ist ja nicht heilbar, allenfalls zeitlich zu bremsen. Es geht im humanistischen Sinne auch darum, Alleinsein zu verhindern, den Betroffenen ihre Würde und Individualität zu bewahren.

Zur Person:

Prof. Dr. Martin Ohlmeier (49) ist Direktor des Ludwig-Noll-Krankenhauses, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kassel. Der Neurologe und Facharzt für Psychiatrie stammt aus Freiburg und studierte in Göttingen Medizin. Ohlmeier ist verheiratet und hat vier Kinder.

Lesen Sie dazu auch:

- Erstes deutsches Demenzdorf in Hameln: Im Dorf des Vergessens

- Kommentar zu Deutschlands erstem Demenzdorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.