Interview: Joachim Starbatty plädiert für eine kleinere, einheitlichere Währungsgemeinschaft

AfD-Ökonom: „Nicht der Euro ist das Problem“

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Griechische Kuckucksuhr

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat neue Rettungsmilliarden für Griechenland angekündigt. Darüber sprachen wir mit dem bekannten Euro-Kritiker und Autor Joachim Starbatty. Wir trafen ihn auf einer Wahlkampfveranstaltung für die AfD in Kassel.

Herr Starbatty, was haben Sie eigentlich gegen den Euro?

Joachim Starbatty: Nicht der Euro ist das Problem, sondern die Zusammensetzung der Eurozone. Nur eine Währungsunion der Gleichen funktioniert. Sonst haben Sie sofort die Probleme, welche heute die Eurozone spalten. Griechenland, Spanien, Irland haben sehr unterschiedliche Probleme. In der Eurozone haben sie aber nicht die Möglichkeit zu der jeweils angemessenen Politik, insbesondere der eigentlich nötigen Abwertung ihrer Währung.

Was halten Sie von der Ankündigung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, den Griechen weitere Milliarden zu überweisen?

Starbatty: Zunächst einmal muss man festhalten, dass dieses Geld nicht Griechenland rettet, sondern nur den Konkurs verschleppt. Griechenland ist ein Fass ohne Boden. Wenn man dort jetzt wieder Geld hingibt, obwohl man weiß, dass es nicht zurückkommt, dann gibt man auch die früheren Kredite verloren. Das heißt, der nächste Schuldenschnitt steht bevor, und das wird viel Geld kosten.

Der Bundesfinanzminister will einen Schuldenerlass für die Griechen aber in jedem Fall vermeiden. Fürchten Sie nicht wie er das Wiederaufleben der Krise in ganz Europa?

Starbatty: Wir haben die Wahl zwischen einem Ende mit Schrecken oder einem Schrecken ohne Ende. Bei dem ersten griechischen Schuldenschnitt werden die Banken getroffen, bei dem nächsten werden die Steuerzahler bluten. Da reden wir über zweistellige Milliardenbeträge, die Herr Schäuble in seine Bilanz aufnehmen muss.

Was schlagen Sie vor?

Starbatty: Die Erhaltung des Euro in einem konsolidierten Kern. Die schwachen Länder steigen aus, erholen sich und kommen wieder dazu, wenn sie die nötige Kraft gewonnen haben. Das Entscheidende muss immer sein: Nicht Banken, sondern Länder retten. Dann können wir auch einen Teil unserer Investitionen retten. Wenn es aber so weiterläuft wie bisher, dann ist alles weg. Wir reden über 600 Milliarden Euro.

Hätte ein Zerfall der Eurozone nicht chaotische Folgen für die deutsche Wirtschaft?

Starbatty: Wenn der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel sagt, ein konsolidierter Euro würde um 30 Prozent aufwerten, dann heißt das, dass alle anderen Länder in der ehemaligen Eurozone abwerten müssten, wenn sie rausgingen.

Was bedeutet, dass sie sich keine deutschen Produkte mehr leisten könnten...

Starbatty: Schauen Sie bitte zunächst auf die Schwierigkeiten, welche die Länder in der Eurozone haben, deren Währung heute dreißig Prozent überbewertet ist. Deutsche Produkte werden ja weltweit weiter benötigt. Und wir reden nicht über Bananen, wo jederzeit ein anderer Lieferant einspringen könnte, sondern über Hochtechnologie.

Mit einer Aufwertung würden ja auch die Vorprodukte billiger, die wir importieren. Die Einstandspreise würden niedriger. Das Entscheidende aber ist: Die Kaufkraft der deutschen Konsumenten würde steigen, die Leute hätten auf einen Schlag dreißig Prozent mehr im Portemonnaie. Wissen Sie, wo die Aufwertung liegen geblieben ist, auf die Deutschland mit dem Euro verzichtet hat?

Wo?

Starbatty: Bei den DAX-Vorständen. 170 Prozent Plus seit dem Jahr 2000. Das ist die Wahrheit. Wir wollen den europäischen Rechtsstaat wiederhaben, den die Staats- und Regierungschefs beiseite gefegt haben. Wir wollen die freiheitliche Demokratie wiederhaben. Wenn Frau Merkel sagt, zu ihrer Politik gebe es keine Alternative, dann heißt das: Sie braucht kein Parlament mehr. Was gibt es dann noch zu diskutieren?

Etwa die friedliche und freiheitliche Einigung Europas?

Starbatty: Als Angela Merkel 2012 in Athen war, musste sie von 7000 Polizisten geschützt werden. Als Konrad Adenauer in den 50er Jahren in Athen war, reichten sieben Polizisten. So sieht heute unser Europa aus.

Zur Person

Prof. Dr. Joachim Starbatty (73) wurde 1940 in Düsseldorf geboren. Der 2006 emeritierte Volkswirt klagte schon in den 1990er Jahren gegen den Euro. Noch unentschieden ist eine Klage von ihm gegen den Milliardenkredit für die Griechenland-Hilfe vor dem Bundesverfassungsgericht. Starbatty ist Mitglied der Partei "Alternative für Deutschland" (AfD), für die er bei der Bundestagswahl als Spitzenkandidat in Berlin kandidiert.

Von Tibor Pézsa

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