HNA-Interview

Interview: Politikwissenschaftler über den Konflikt Syrien-Türkei

In Rauchwolken gehüllt: Das Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei in den vergangenen Tagen. Foto:  dpa

Stehen wir an der Schwelle einer Eskalation im syrischen Bürgerkrieg? Wir haben mit Volker Perthes über die aktuelle Entwicklung gesprochen.

Verschärft sich der Konflikt zwischen Syrien und der Türkei? Und wer könnte ein Interesse daran haben?

Volker Perthes: Wir befinden uns in einer Eskalationsspirale. Ich denke, dass die Spannungen anhalten, möglicherweise sogar zunehmen werden. Aber weder die Türkei noch die Regierung Syriens haben ein Interesse an einem Krieg.

Wird die Nato ihrem Mitgliedsland Türkei zur Seite stehen müssen?

Perthes: Die Nato hat bereits ihre Solidarität mit der Türkei erklärt. Auch wenn es zu weiteren Angriffen kommen sollte, wird diese Solidarität aufrecht erhalten werden. Zu diesem Zeitpunkt ist es so, dass die Türkei auf einen Angriff Syriens militärisch reagiert. Derzeit gibt es keine weiteren Angriffe. Sollte sich dies ändern, wird sich die Türkei wahrscheinlich erneut an die Nato wenden und möglicherweise auch Unterstützung anfordern.

Könnten davon auch deutsche Soldaten betroffen sein?

Perthes: Noch handelt es sich um eine Auseinandersetzung im Bürgerkrieg. Die syrische Armee versucht einen Grenzposten zurückzuerobern, den die Rebellen in Besitz genommen haben. Bei einer solchen Auseinandersetzung kommt es vor, dass auch ein Nachbarland verwickelt wird. Aber natürlich hat Syrien kein Recht auf türkisches Gebiet zu feuern, insofern reagiert die Türkei zurecht auf diesen Beschuss. Aber die beiden Länder befinden sich derzeit nicht an der Schwelle eines Krieges.

Wie sehen sie die Rolle der Nachbarländer?

Perthes: Alle Staaten im Umfeld sind von diesem Bürgerkrieg betroffen oder sogar aktiv involviert. Betroffen sind in erster Linie der Libanon und Jordanien. Der Libanon mit ernster Sorge, dass die Auseinandersetzungen dorthin überschwappen könnte. Die Türkei, Saudi-Arabien und Katar sind aktiv beteiligt, da sie die Rebellen unterstützen. Ebenso Irak und Iran, da diese Länder auf der Seite der syrischen Regierung stehen.

Was müsste passieren, um eine weitere Eskalation zu vermeiden?

Perthes: Ich denke, dass ein Krieg nicht im Sinne der syrischen Regierung ist. Ein Krieg würde die eigene Position nur weiter schwächen. Internationale Beobachter sind der Ansicht, dass das syrische Regime sich nicht mehr sehr lange wird halten können gegenüber der inneren Opposition. Ein externer Krieg würde dem Regime erst recht nicht nutzen.

Wäre es auch im Interesse Syriens, den Bürgerkrieg schnellstmöglichst zu beenden?

Perthes: Es ist im Interesse aller Syrer, denn jeder Tag bringt neues Leid und neuen Hass. Nur: Die kämpfenden Gruppen wollen den Krieg in unterschiedlicher Art und Weise beenden. Das Regime glaubt, dass es noch siegen kann, die Rebellen sind überzeugt, dass sie siegen werden. Insofern sind die bewaffneten Kräfte nicht daran interessiert, die Kämpfe schnell zu beenden.

Falls Assad gestürzt werden sollte, welche Szenarien gibt es für die Nachfolge?

Perthes: Es hängt davon ab, wie lange es dauert, bis es zu einem Regierungswechsel in Damaskus kommt. Je schneller es geschieht, desto größer ist die Chance, dass es einen organisierten, friedlichen politischen und materiellen Wiederaufbau gibt. Je länger es dauert, desto größer ist die Gefahr, dass es eine Fragmentierung des Landes gibt und der Staat nicht mehr als Staat funktioniert, sondern in von konkurrierenden Milizen gehaltene Teile zerfällt.

Zur Person Volker Perthes

Volker Perthes

Der 54-Jährige ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er hat Politikwissenschaften an der Universität Duisburg studiert und auch dort promoviert. Anschließend forschte er in Damaskus und lehrte unter anderem an der Amerikanischen Universität Beirut. Perthes ist in Duisburg geboren und lebt in Berlin.

Von Kathrin Meyer

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