Bei der Kommunalwahl am 11. September in Niedersachsen tritt ein Kandidat aus dem Nachbarland an

Niederländer will Bürgermeister werden

Import aus dem Nachbarland: Der Niederländer Frans Willeme will Bürgermeister in Niedersachsen werden. Foto: dpa

Nordhorn. Ein Niederländer will Bürgermeister in Deutschland werden. Bei der Kommunalwahl am 11. September schicken CDU, FDP und die lokale Wählerinitiative „Pro Grafschaft“ in der 54 000-Einwohner-Grenzstadt Nordhorn den 58-jährigen Frans Willeme ins Rennen - durchaus mit Erfolgschancen.

Für Rentner Johann Vosmann ist die Sache klar. „Wir fahren Fahrrad in Holland, wir tanken Diesel in Holland, wir kaufen Käse in Holland. Warum“, fragt der 76-Jährige verschmitzt, „wählen wir dann nicht auch einen Bürgermeister aus Holland?“

Vosmann schlendert über den Wochenmarkt im Nordhorner Stadtteil Blanke und steckt sich am Wahlkampf-Kaffeebus von Willeme einen grünen Sticker an. „Frans kann’s“, steht darauf. „Meine Stimme hat er“, kündigt der Senior an. „Meine auch“, pflichtet ihm seine Schwägerin Carla Vosmann an. Die 71-Jährige ist selber aus den Niederlanden, wohnt aber seit den 50-er Jahren mit Unterbrechungen in Nordhorn - eine von 2600 wahlberechtigten Bürgern der Grenzstadt mit niederländischem Pass. „Aber nicht weil er aus Holland ist“, fügt sie eilig an. „Sondern weil er viel Erfahrung hat und sein Geschäft versteht.“

Willeme war 20 Jahre Bürgermeister jenseits der Grenze, im fünf Kilometer entfernten Denekamp und dessen Nachfolgegemeinde Dinkelland mit rund 14000 Einwohnern. Nach einem schmutzigen Krach mit drei Verwaltungsbeamten wurde er gefeuert: Mehrere Tausend Menschen demonstrierten damals vor dem Rathaus gegen den Rauswurf.

Jetzt will er es auf deutscher Seite wagen. „Bürgermeister ist der schönste Scheiß-Beruf der Welt“, sagt er mit breitem Akzent.

Der Vater von drei erwachsenen Kindern war jahrelang Präsident des deutsch-niederländischen Verbundes Euregio, setzte Akzente der Verständigung zwischen den ehemals verfeindeten Nachbarn. So lud Willeme am 4. Mai 1994 seinen damaligen Nordhorner SPD-Kollegen Friedel Witte zum „Tag der Befreiung“ ein. Die Freundschaft hat bis heute gehalten. Offen ruft Sozialdemokrat Witte zur Wahl Willemes am 11. September auf, sehr zum Ärger seiner Genossen. Diese haben den 44-jährigen Thomas Berling als Nachfolger des ausscheidenden SPD-Amtsinhabers aufgestellt.

Als Geschäftsführer des erfolgreichen Tierparks ist Berling zwar eine anerkannte lokale Größe, gilt aber als zu spröde. In der CDU gab es zunächst Vorbehalte gegen den Holland-Import, diese sind aber längst verstummt.

Möglich macht die in Europa und Deutschland einzigartige Kandidatur eine Besonderheit des niedersächsischen Kommunalwahlrechts. Danach sind EU-Bürger als Bürgermeister und Landräte selbst dann wählbar, wenn sie ihren Wohnsitz nicht im Wahlbezirk haben.

Von Peter Mlodoch

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