Bertelsmann-Studie

Kitas in Niedersachsen: Mehrheit der Einrichtungen nicht kindgerecht

Bunte Stifte in einem Kindergarten.
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Niedersachsen: Fast jede Kita hinkt im Ländervergleich hinterher

Viele Kitas in Niedersachsen scheinen nicht mehr kindgerecht, so laut eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Experten fordern nun Veränderungen.

  • Viele Kita-Gruppen in Deutschland sind zu groß
  • Fast jede Kindertagesstätte in Niedersachsen hinkt im Ländervergleich hinterher
  • Stimmen für eine neue Gesamtstrategie werden laut

Göttingen/Hannover – In vielen Kindertagesstätten in Niedersachsen sind die Bedingungen nicht (mehr) kindgerecht: Die Gruppen sind zu groß, es gibt zu wenig Personal, also Fachkräfte. Das ist das auf Niedersachsen heruntergebrochene Fazit aus dem jährlich von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“.

In Niedersachsen sind laut Studie 78 Prozent aller Kita-Gruppen zu groß. Damit ist das Land Spitzenreiter der Negativ-Ländertabelle. In den Krippen, wo Kinder unter drei Jahren betreut werden, beträgt die Quote 77 Prozent. Kinder über drei Jahren treffen auch noch schlechtere Bedingungen: 88 Prozent der Gruppen in Niedersachsen sind zu groß.

Fast jede Kita in Niedersachsen hinkt im Ländervergleich hinterher

Kathrin Bock-Famulla, Bildungsexpertin der Bertelsmann-Stiftung, übt folglich Fundamentalkritik und fordert: „Niedersachsen sollte sich in allen Bereichen verbessern“, da die Personalausstattung noch nicht kindgerecht, und das Qualifikationsniveau der Fachkräfte zu niedrig sei.

Für Maria Schmidt ist es nicht verwunderlich, dass Niedersachsen im Ländervergleich der frühkindlichen Bildung und Betreuung hinterherhinkt. Die Göttinger Stadträtin, zuständig auch für die Kindertagesstätten, sagt: „Es muss etwas verändert werden, die Vorgaben des Landes sind 30 Jahre alt.“ Diese Bestimmungen aus den 90er-Jahren sehen vor, dass in Krippen zwei Fachkräfte (staatliche Erzieherin) und weniger eine intensiv ausgebildete Drittkraft (Sozialpädagogische Assistentin) 15 Kinder betreuen. Das Verhältnis steht bei 1:5. Die Bertelsmann-Stiftung legt als eigenen Maßstab den Betreuungsschlüssel von drei Kindern in der Krippe und 7,5 Kinder im Kindergarten pro Fachkraft an. Die Realität bei fast jeder Kita in Niedersachsen liegt bei 1:10 oder mehr.

Maria Schmidt

Niedersachsen: Schlechtes Finanzmanagement aufgrund von „Gute-Kita-Gesetz“?

Ursache für die schlechte Personalquote ist laut der Göttinger Dezernentin Schmidt der Fachkräftemangel. Die Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin müsse attraktiver gemacht werden. „Für eine Ausbildung zu bezahlen, das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Vor allem, wenn Fachkräfte fehlen. Das Land habe Fehler gemacht, viel Geld aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ des Bundes für Beitragsfreiheit in den Kitas verwendet. „Man hätte die Beiträge belassen, stattdessen mehr Geld in Qualität und Personal stecken sollen.“ Zumal, weil die Ganztagesangebote ausgebaut wurden, der Betreuungsbedarf also gewachsen sei.

Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie-Niedersachsen, die mit den Kirchen 1200 Einrichtungen und etwa ein Fünftel aller Kitas in Niedersachsen trägt, betont, dass das Land mit dem Geld den Personalschlüssel hätte verbessern müssen. Lenke fordert nun eine „Gesamtstrategie für den Ausbau der Personalressourcen“, also einen Fahrplan, der vorgibt, wie die Ausbildungskapazitäten und die beruflichen Rahmenbedingungen für pädagogische Fachkräfte verbessert werden sollen. Die Mitarbeit der Diakonie daran bietet Lenke ausdrücklich an. Für ihn gehört auch ein Anheben des Ausbildungsniveaus als Ziel dazu.

Kita-Gruppen sind häufig zu groß - und das nicht nur in Niedersachsen

Eine solche Qualitätsoffensive fordern auch die Grünen: „Die Landesregierung muss die Probleme in den Kitas endlich ernst nehmen, damit Niedersachsen nicht länger hinter dem Bundesschnitt zurückfällt“, so der familienpolitische Sprecher Volker Bajus.

Die Bertelsmann-Stiftung zeigt aber nicht nur auf Niedersachsen, sie kritisiert die Situation in Gesamt-Deutschland. Statistisch nämlich sind rund 54 Prozent aller Kita-Gruppen in Deutschland zu groß – treffen zu wenige Erzieherinnen auf zu viele Kinder. Maria Schmidt jedenfalls hat einen Wunsch: „Einen besseren Personalschlüssel, im Übrigen auch für die Grundschulen. Eine Lehrerin für 26 Schüler, das ist auch nicht gerade prickelnd.“ (Thomas Kopietz)

Video: Jede zweite Kita zu groß - Personalmangel auch in Bayern

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