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Christian Wulff legte sich für Katar ins Zeug

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Teils unzumutbare Arbeits- und Lebensbedingungen: Bauarbeiter sind im Fußball-WM-Land Katar in einer Stadionbaustelle zu sehen.
Unzumutbare Arbeits- und Lebensbedingungen: Für die Bauarbeiter im WM-Land Katar bedeutete die Arbeit an Stadien und Infrastruktur eine Belastung in extremer Hitze. Viele der Arbeitsmigranten starben. Der Mindestlohn ist gering. Jetzt sind die Stadien fertig, die WM ist umstritten. © Foto: Hassan Ammar/AP/DPA

Göttingen/Hannover – Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar hat begonnen – und ist mehr denn je umstritten, auch bei Politikern in Niedersachsen

Viele Politikerinnen und Politiker in Niedersachsen wollen dennoch am Fernseher zuschauen, andere wollen die Veranstaltung durch ein Nichtbeachten und -Einschalten boykottieren. Aber: Besonders die Politik in Niedersachsen und Politiker aus den Landesregierungen pflegten in den 2000er-Jahren durchaus die Beziehungen zu Katar. Das hatte Gründe.

Christian Wulff hatte mögliche Vorteile von Kooperationen mit Katar früh erkannt. Er wurde so zu einem der „eifrigsten Pro-Katar-Lobbyisten“, wie es die „BoycottQatar-2022“-Initiatoren Bernd M. Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling in ihrem Buch „Boykottiert Katar 2022!“ beschreiben.

Christian Wulff bemühte sich um Katar

Schon vor der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland 2018 und Katar 2022, die im Dezember 2010 getroffen wurde, war der damalige Bundespräsident Christian Wulff (CDU), zuvor Niedersächsischer Ministerpräsident, aktiv. Als Landeschef von 2003 bis 2010 hatte er sich für den Einstieg Katars bei VW stark gemacht. Wulff reiste zwei Mal nach Doha, dabei war damals die Führungsspitze von VW und Porsche. Heute hält Katar 17 Prozent an VW.

Als Bundespräsident empfing Wulff 2010 den Emir von Katar samt dreier Ehefrauen im Schloss Bellevue. Es ging auch um die Präsenz von einigen Top-Unternehmen aus Deutschland in Katar. Wulffs und Deutschlands Interesse galt auch dem Zugang zu den riesigen katarischen Gasvorkommen. Wulff wusste aber auch darum, in welchem Ausmaß deutsche Unternehmen vom Aufbau der (WM-)Infrastruktur in Katar profitieren könnten und dies später auch taten. 2011 besuchte Wulff dann die Aspire Academy, ein riesiges Sport-Trainingszentrum in Katar. Später versuchte er auch, den DFB für Katar zu überzeugen, schreiben Beyer und Schulze-Marmeling.

„Ich bin bekennender Fußballfan und werde auch Spiele dieser WM im Fernsehen anschauen.“ - Stephan Weil, Ministerpräsident

Katar half der Deutschen Bank und VW

Engagiert für Katar war auch Ex-Außen- und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) aus Goslar. Das brachte ihm vom „Spiegel“ die Bezeichnung „Aufsichtsrat von Katars Gnaden ein“. Es ging um seinen Posten als Deutsche-Bank-Aufsichtsrat. Katar ist heute mit 6,1 Prozent an der Deutschen Bank beteiligt. Die Katarer halfen der Deutschen Bank finanziell, als diese 2014 eine Kapitalspritze benötigte. VW erhielt Unterstützung aus dem Mini-Wüstenstaat 2009 bei der Übernahme von Porsche. Beides geschah wohl kaum aus reiner Mildtätigkeit seitens der Katarer.

Im VW-Aufsichtsrat sitzen neben Weil auch zwei Vertreter Katars

Kontakt mit Katar hat auch der jetzige Ministerpräsident Stefan Weil (SPD), der kraft Amtes auch im Aufsichtsrat von VW sitzt – mit ihm auch zwei Vertreter Katars.

Weil will nun die umstrittene Fußball-WM in Katar im Fernsehen verfolgen. „Ich bin bekennender Fußballfan und werde auch Spiele dieser WM im Fernsehen anschauen, allen voran diejenigen der deutschen Mannschaft“, sagte er der DPA.

Sein Innenminister, der auch für den Sport zuständig ist, Boris Pistorius (SPD) will auf keinen Fall nach Katar reisen. Ausgewählte Spiele werde er sich ansehen, dennoch sei die Vergabe der WM an Katar angesichts der Menschenrechtslage ein „Sündenfall“.

Tonne (SPD) will keine WM schauen

Nicht schauen wird Ex-Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), obwohl bekennender Fußball-Fan. Gründe sind für ihn: „Der Verdacht von Schmiergeldzahlungen, Zigtausende Tote beim Bau von Infrastruktur für diese WM und nicht zuletzt ein völlig inakzeptables Menschenbild des Gastgeberlandes.“

Auch Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) will sich die WM nicht anschauen: „Für die Sportler, die sich intensiv vorbereitet haben, tut es mir leid, aber ich kann mir die WM nicht mit gutem Gewissen ansehen. Die Stadien wurden unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen erbaut und es gab dabei viele Todesopfer“, sagt Staudte. Dieser Fehler dürfe sich nicht wiederholen.

Kura hat keine Lust auf die WM

Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion, Anne Kura, hat keine Lust auf die WM – sie hält die Vergabe nach Katar für einen „krassen Fehler“.

Wiebke Osigus (SPD), Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, verfolgt die WM nicht: Für sie hat gerade „die 1. Halbzeit der neuen Legislaturperiode begonnen und anderes Priorität“.

Sebastian Lechner, Fraktionsvorsitzender der CDU, hofft auf einen Wandel in Katar, merkt aber an, dass man in der Vergangenheit immer wieder gesehen habe, „dass insbesondere autoritäre Regime die Weltmeisterschaften zur Imagepolitik missbraucht haben“. Spiele der DFB-Elf wolle er sich anschauen, sofern er Zeit habe.

Die WM-Vergabe der FIFA nach Katar steht auch aufgrund von Menschenrechtsverletzungen sowie dem autokratischen System in Katar in der Kritik. Laut Berichten zufolge sind Tausende Arbeiter ums Leben gekommen.

(Thomas Kopietz mit dpa)

Christian Wulff (CDU) im Porträt vor dem Brandenburger Tor in Berlin
Christian Wulff (CDU), Ex-Bundespräsident und Ministerpräsident von Niedersachsen hegte Kontakte zu Katar. © Christian Ditsch/dpa
Boris Pistorius im Porträt bei einer Pressekonferenz
Boris Pistorius (SPD) - Innen- und Sportminister Niedersachsen © Holger Hollemann/dpa

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