Das letzte Treffen

NSU-Prozess: Mundlos-Mutter spricht über Sohn

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Im NSU-Prozess gegen die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe hat sich die Mutter von Uwe Mundlos über das letzte Treffen mit ihrem Sohn geäußert.

München - Im Münchner NSU-Prozess hat die Mutter des mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos geschildert, wie ihr Sohn 1998 in den Untergrund ging.

Eine Tages, erzählt Ilona Mundlos, sei ihr Sohn in die Kaufhalle gekommen, wo sie arbeitete. „Mutti, es ist was passiert. Ich muss fort, ich brauch' Geld“, habe Uwe gesagt. Was eigentlich passiert ist, erfährt sie später aus der Zeitung: Die Polizei hatte eine Garage durchsucht, die Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gemeinsam nutzten. Die Ermittler fanden eine fertige und vier im Bau befindliche Rohrbomben, insgesamt etwa anderthalb Kilogramm TNT-Gemisch und zahlreiche rechtsradikale Schriften.

Zwei Tage später kam ihr Sohn nochmals vorbei. „Mutti, mit den Waffen habe ich nichts zu tun“, habe er gesagt. Es drohten ihm sieben Jahre Haft. „Es dauert zehn Jahre, dann ist das verjährt, dann kann ich wieder kommen.“ So schildert Ilona Mundlos die letzte Begegnung mit ihrem Sohn Uwe, am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht München. „Seitdem habe ich nie wieder von ihm gehört.“

13 Jahre später erhält Ilona Mundlos einen Anruf, morgens um acht. Es meldet sich eine Beate. Sie erkennt die Stimme nicht. „Na die Beate vom Uwe.“ Es sei etwas Schlimmes passiert: „Der Uwe ist nicht mehr, der Uwe lebt nicht mehr.“

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten sich nach einem Banküberfall in Eisenach erschossen, um der Festnahme zu entgehen. Es war das Ende des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Der Gruppe werden zehn Morde zugerechnet, dazu zwei Sprengstoffanschläge und zahlreiche Banküberfälle.

Man kann aus verschiedenen Perspektiven versuchen zu verstehen, wie eine solche Terrorgruppe entstehen konnte - und welche Bedingungen beförderten, dass sie sich so lange im Untergrund hielt. Der Prozess in München hat ein paar Erklärungsansätze ergeben: Eine lebendige Neonazi-Szene in Jena, unter den Augen des Verfassungsschutzes, der seine Beobachtungsobjekte indirekt mitfinanzierte; ein Umfeld, in dem es „ganz normal“ ist, irgendwie „rechts“ zu sein und in dem sich niemand an einem Hitlerporträt im Zimmer stört; selbstgewisse Ermittler, die bei Morden an Ausländern an alles Mögliche denken, aber nicht an Fremdenfeindlichkeit.

Wahrscheinlich lohnt auch ein Blick auf die Familien, wenn man verstehen will, warum gerade diese drei Menschen einander über fast 20 Jahre in einer unheilvollen Ménage à trois verbunden blieben: Beate Zschäpe kannte ihren leiblichen Vater nicht; mit ihrer zeitweise alkoholkranken Mutter kam sie nicht gut zurecht.

Uwe Böhnhardts älterer Bruder verunglückte tödlich, als Uwe zehn war; die genauen Umstände wurden nie geklärt. Seine Mutter sagte, „dass wir danach ganz besonders auf den Uwe aufgepasst haben“. Noch vor Gericht verteidigte die pensionierte Lehrerin das Andenken ihres Sohnes dermaßen resolut, dass auch der routinierte Richter Manfred Götzl seine Mühe mit ihr hatte.

Der NSU-Prozess: Zentrale Fragen rund um das Verfahren

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Der Auftritt von Uwe Mundlos' Vater im Dezember sorgte für Empörung: Der frühere Informatik-Professor beschimpfte den Richter, den Verfassungsschutz und stellte seine Familie in eine Reihe mit den Familien der Opfer.

Ilona Mundlos berichtete am Donnerstag vergleichsweise sachlich, wie ihr Sohn in dem Vier-Personen-Haushalt in Jena aufwuchs. Viel mitbekommen hat sie allerdings nicht: Uwes älterer Bruder ist schwerst behindert, er brauchte ihre ganze Aufmerksamkeit. Uwe hingegen habe sie „etwas aus den Augen verloren“, sagt die 63-Jährige. „Ich habe keine Freizeit mit ihm verbracht, wenn ich ehrlich bin.“

Dass ihr Sohn zum fanatischen Rechtsextremisten wurde, habe sie nicht mitbekommen. „Ich habe nur irgendwann gesehen, dass er diese Springerstiefel hatte“, sagt sie. Einmal kam er in einer Braunhemd-Uniform nach Hause. „Da habe ich gesagt: Das will ich nie wieder sehen. Da hat er gesagt: Gut.“ Als er Hausverbot in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bekommt, findet sie das zwar schlimm - aber was genau passiert ist, will sie von ihm nicht wissen.

Es bleibt noch ein anderes Bild von der Vernehmung der Ilona Mundlos. Uwe habe sich gut mit seinem behinderten Bruder verstanden, sagt sie. Robert, der Ältere, „war ein bisschen der Führende“, Uwe habe das ausgeführt, was sein Bruder körperlich nicht machen konnte. „Und wenn sie eingeschlafen sind, haben sie sich die Hände gehalten.“

dpa

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