Noch ein Sprengstoffattentat?

NSU-Prozess: Rätsel um weiteren Anschlag

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Die Angeklagte Beate Zschäpe (2.v.r.) steht am Dienstag, 11. Juni 2013, im Gerichtssaal in München zwischen ihren drei Anwälten Anja Sturm (von links nach rechts), Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer.

München - Zehn Morde, zwei Bombenanschläge - und nun geht womöglich ein drittes Sprengstoffattentat in einer türkischen Kneipe auf das Konto der NSU-Terroristen. Dieser Anschlag in Nürnberg wurde bei einer bundesweiten Prüfung möglicher NSU-Verbrechen nicht mit einbezogen.

Die Bundesanwaltschaft prüft Hinweise auf einen weiteren möglichen Anschlag der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Am Dienstag hatte einer der Angeklagten im Münchner NSU-Prozess über Andeutungen zu einem Sprengstoffattentat in Nürnberg berichtet. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sagte am Mittwoch, er habe deshalb Kontakt mit der Anklagebehörde aufgenommen. Diese solle nun die Umstände abklären, gegebenenfalls Vernehmungen durchführen und dem Gericht die nötigen Akten zur Verfügung stellen.

Nach Aussage des Angeklagten Carsten S. hatten die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos davon gesprochen, dass sie „irgendwo in Nürnberg in einem Laden eine Taschenlampe hingestellt“ hätten. Tatsächlich wurde im Juni 1999 bei der Explosion einer Rohrbombe in einer türkischen Gaststätte in Nürnberg ein 18-jähriger Putzmann verletzt. Nach Zeitungsberichten hatte er einen etwa 30 Zentimeter großen Sprengsatz gefunden, den er für eine Taschenlampe hielt. Sie explodierte, als er sie anknipsen wollte.

Damals vermutete niemand einen rechtsextremen Hintergrund. Wie bei anderen NSU-Verbrechen wurde offenbar zeitweise in Richtung Schutzgeld-Kriminalität ermittelt. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa gehört der Rohrbombenanschlag auch nicht zu den Fällen, die dem Bundeskriminalamt (BKA) im Vorjahr zur Prüfung auf eine mögliche Beteiligung der NSU-Terroristen vorgelegt wurden.

„Wir versuchen zu verifizieren, um welche Tat es sich handeln könnte“, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft am Mittwoch. „Wir konzentrieren uns dabei derzeit vor allem auf den Fall in Nürnberg.“ Beim Bayerischen Landeskriminalamt, das damals mit dem Fall befasst war, liefen die Recherchen auf Hochtouren. „Wir sind dabei, den zugrundeliegenden Sachverhalt aufzuklären“, sagte ein Sprecher.

Carsten S. wurde am Mittwoch erneut stundenlang vernommen. Der 33-jährige Szene-Aussteiger belastete den Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Der Ex-NPD-Funktionär, der Ehefrau und zwei Töchter hat, ist wie Carsten S wegen Beihilfe zu neun Morden an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft angeklagt. Carsten S. hat zugegeben, die Waffe besorgt zu haben, mit der diese Morde wahrscheinlich verübt wurden; Wohlleben soll an dem Waffenkauf beteiligt gewesen sein.

Warum Carsten S. erst jetzt über den möglichen Anschlag in Nürnberg berichtet habe, fragte der Vorsitzende Richter Götzl. „Es geht mir speziell darum, was es mit Herrn Wohlleben auf sich hat“, fügte er hinzu. „Ich habe angenommen, ich nehme den Kindern den Vater mit meinen Aussagen“, antwortete Carsten S.

Die Verhandlung hatte am Mittwochvormittag erst mit knapp eineinhalbstündiger Verzögerung begonnen. Einer der Angeklagten sei „unpässlich“, begründete eine Gerichtsmitarbeiterin die Verzögerung. Spekulationen, dass die Hauptangeklagte Beate Zschäpe Probleme hatte, wurden nicht bestätigt. Die Bundesanwaltschaft legt Zschäpe Mittäterschaft bei allen Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zur Last.

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Unterdessen wurde bekannt, dass Beate Zschäpe Briefkontakt mit einem anderem Gefangenen aus der rechten Szene gehabt haben soll. Wie der Sender „SWR Info“ berichtet, wurde der Brief Zschäpes in der Zelle eines Strafgefangenen in Bielefeld gefunden. Dieser habe der verbotenen „Hilfsorganisation Nationaler Gefangener“ (HNG) angehört. In dem 30 Seiten langen Brief schreibe Zschäpe über den Alltag in der Haft, das Essen und das Verhältnis zu dem Empfänger. „Zu letzterem Thema wird sie sehr persönlich und intim, scheint sich in eine Phantasiewelt hineinzuschreiben“, schreibt der ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt.

Sie beschreibe, wie sie mit dem Hubschrauber von Zwickau nach Karlsruhe zum Ermittlungsrichter geflogen wurde. Der Ausblick sei grandios gewesen, sie habe die weihnachtliche Stimmung genossen. Mit ihrer Rolle als Angeklagte beschäftige sich die 38-Jährige in dem Brief jedoch nur am Rande.

dpa

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