Pädagogin über Grenzüberschreitungen bei ersten Liebesbeziehungen

Interview: Die Gewalt und die erste Liebe

Verzweifelt: Viele Jugendliche erleben in ihrer ersten Liebe nicht nur schöne Momente. Eine Studie der Fachhochschule Fulda zeigt, dass junge Menschen zwischen 14 und 18 Jahren in ihren ersten Liebesbeziehungen oftmals Gewalt ausgesetzt sind. Foto: dpa

Die Fachhochschule Fulda hat in einer Studie herausgefunden, dass 60 Prozent aller Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in ihrer ersten Liebesbeziehung körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Wir fragten dazu Hochschulprofessorin Dr. Beate Blättner.

Ist Gewalt in ersten Liebesbeziehungen (Teen-Dating-Violence) eine Erscheinung der letzten Jahre oder gibt es dies unter Teenagern schon immer?

Beate Blättner: Wir haben keine Langzeituntersuchung gemacht, können dazu also nichts aussagen. Wahrscheinlich gibt es Grenzverletzungen bei den ersten Verabredungen oder Liebesbeziehungen nicht erst seit gestern, aber die Formen und Kontexte können sich geändert haben, vielleicht auch das Ausmaß.

Zieht sich das durch alle Gesellschaftsschichten?

Blättner: Wir haben verschiedene Schultypen einbezogen und bei allen Formen von Gewalt gefunden. Es könnte sein, dass unterschiedliche Subkulturen mit verschiedenen Lebens- und auch Gewaltformen entstanden sind, das zumindest lassen die Daten vermuten. Dass in bestimmten Gesellschaftsschichten Gewalt gar nicht vorkommt, ist aber unwahrscheinlich.

Wie äußert sich diese Form der Gewalt?

Blättner: Wir haben emotionale, körperliche und sexualisierte Grenzverletzungen unterschieden. Das geht von Kontrollverhalten, Demütigungen, Zwang und Drohungen über den Druck, sexuelle Handlungen auszuüben, die man nicht will, bis zu Prügel und Vergewaltigungen.

Was sind die Folgen für die Opfer?

Blättner: Eine durchschnittlich schlechtere Lebensqualität. Es wurde auch von Konzentrationsschwierigkeiten und Verhaltensänderungen berichtet oder auch Gedanken, es sei besser, man sei nicht mehr da.

Hat diese Form von physischer und psychischer Gewalt Auswirkungen auf die Entwicklung der Jugendlichen?

Blättner: Die größte Gefahr besteht darin, dass Gewalt übernommen wird. Das bedeutet, dass diejenigen, die bereits im Jugendalter Gewalt erleben, auch später wieder Opfer von Partnergewalt werden. Das muss nicht immer der Fall sein. Es gibt auch junge Frauen, die derartige Erfahrungen gut bewältigen können, und selbstbewusst und stark ins spätere Leben sehen. Aber dass die Gefahr der Übernahme besteht, das wissen wir aus der Literatur. Grundsätzlich können viele psychische Probleme junger Menschen von Gewalterfahrungen herrühren, ob das nun Essverhaltensstörungen, Substanzmittelmissbrauch oder selbstverletzendes Verhalten sind.

Gibt es Anzeichen für Eltern, an denen sie Gewalt an ihren Kindern bemerken können?

Blättner: Wenn Jugendliche sich Eltern nicht öffnen, dann ist es schwer, Anzeichen zu finden, da Veränderungen in der Pubertät sehr vielfältige Ursachen haben können.

Und wie können Eltern darauf reagieren?

Blättner: Egal ob Jugendliche Gewalterfahrungen gemacht haben oder nicht, ist es wichtig, dass Eltern deutlich machen, dass es für Gewalt, Grenzverletzungen und respektlosen Umgang miteinander keine Toleranz geben kann.

Dafür ist es sehr wichtig, dass Kinder und Jugendliche zu Hause die Erfahrung machen können, dass Gewalt zwischen den Eltern und zwischen Eltern und Kindern nicht vorkommt und auch anderen Menschen gegenüber Respektlosigkeit null Toleranz hat.

Was kann man als Eltern unternehmen, um Kinder zu stärken und zu schützen, dass sie nicht anfällig für Teen-Dating-Violence sind?

Blättner: Am meisten können andere Jugendliche tun, denn die von uns befragten Schülerinnen und Schüler haben, hypothetisch gefragt, wo sie sich Hilfe suchen würden, an allererster Stelle Freundinnen und Freunde genannt.

Warum ist das Thema Gewalt in Liebesbeziehungen bisher bei uns im Vergleich zu anderen Ländern noch so wenig erforscht?

Blättner: Es gibt in den angloamerikanischen Ländern eine längere Forschungstradition zu zwischenmenschlicher Gewalt, speziell zu Partnergewalt, und dafür existieren etablierte Strukturen der Forschungsförderung. Da wird die Forschung dann auch schneller auf Teen-Dating-Violence als Gewaltform aufmerksam. In Deutschland ist dies Thema bisher nur vereinzelt wahrgenommen worden.

Zur Person

Prof. Dr. Beate Blättner (54) wurde in Nürnberg geboren. Sie studierte Pädagogik mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung und außerschulische Jugendbildung. Ihre Promotion legte sie in Erziehungswissenschaften ab. Nach 12 Jahren Praxiserfahrungen in der Gesundheitsförderung und Gesundheitsbildung übernahm sie eine Zeitprofessur in Neubrandenburg. Seit 2003 ist sie Professorin für Gesundheitsförderung an der Hochschule Fulda. Blättner hat zwei erwachsene Töchter. Sie lebt in Fulda.

Hintergrund

Dass es um eine Beziehung nicht zum Besten bstellt ist, können Betroffene an folgenden Anzeichen merken:

Man wird unfähig, soziale Kontakte zu pflegen.

Die eigene Sprache wird überwacht, um den Partner nicht zu verärgern.

Man beginnt, sich selbst zu hinterfragen und alles anzuzweifeln.

Für das gewalttätige Verhalten des Partners fühlt man sich selbst verantwortlich.

Man hört auf, Dinge zu tun, die einem vorher wichtig waren.

Hilfe

Diakonisches Werk Kassel, Psychologische Beratungsstelle, Wildemannsgasse 14, 0561/ 70974-250

Evangelische Lebensberatung, Diakonieverband Göttingen, Schillerstraße 21, Göttingen, 0551/706400. Hann. Münden, Ziegelstraße 16, 05541/981915.

Von Peter Kilian

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