Auf dem Kasernengelände zwischen Park Schönfeld und Auestadion wurde Funkverkehr offenbar ausgewertet - Historiker-Kommission eingesetzt

Die Nazi-Vergangenheit des BND: Auch Spuren nach Kassel

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Zur Imagepflege verkaufte der BND in Berlin zeitweise Souvenirs in einem Andenken-Shop: Kappen, T-Shirts und Unterhosen beispielsweise mit lustiger Aufschrift.

Berlin. Es dürfte das dunkelste Kapitel in der Geschichte des deutschen Auslandsgeheimdienstes sein: 55 Jahre nach Gründung des Bundesnachrichtendienstes (BND) soll eine unabhängige Kommission, „die Entstehungs- und Frühgeschichte des BND erforschen.

Einer Vergangenheit mit direkten Linien in die Nazizeit. Auch das "Personal- und Wirkungsprofil von 1945 bis 1968 einschließlich des Umgangs mit seiner Vergangenheit" soll erforscht werden.

Der 1979 gestorbene frühere Wehrmachtsgeneral und späterer BND-Chef Reinhard Gehlen hatte unter Hitler als Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“ jahrelang Informationen über die Rote Armee zusammengetragen. Nach dem Krieg machte ihn das für die Amerikaner wertvoll. Auch deshalb sah man beim Aufbau einer Spionagetruppe unter US-Fittichen schon mal darüber hinweg, wen Gehlen da so anwarb. Der CIA-Russland-Experte Harry Rositzke: „Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten. Hauptsache, er war Antikommunist.“

Der FAZ-Journalist Peter Carstens hatte Einblick in die Akten der "Organisationseinheit 85": Sie hat in den 60er-Jahren die Nazi-Verstrickungen des BND-Personals untersucht. Die Ergebnisse seiner Recherchen veröffentlichte die FAZ im März 2010. Hier die Links:

„Ein besonderer Personenkreis“

Braune Kellergeister

Eine „zweite Entnazifizierung“

Auch der Spiegel hat damals berichtet:

Wie der BND seine eigenen Nazis jagte

Zuweilen fanden sich alte Bekannte aus Nazi-Tagen. Schon in den 1960er-Jahren gab es dazu eine interne Untersuchung der „Org 85“ unter dem damals 30-jährigen Hans-Henning Crome, die aber lange im Panzerschrank blieb. Erst Anfang 2010, als BND-Präsident Ernst Uhrlau geheime Akten freigab, wurde auch der Öffentlichkeit klar: Etwa 200 der damals 2450 Mitarbeiter Gehlens hatten eine Nazi-Vergangenheit. In der SS, bei der Gestapo und beim SD, dem Sicherheitsdienst der SS. 146 Spione überprüfte die„Org 85“ genauer. Darunter war auch ein früherer Kripo-Mann, der mit einem Sonderkommando nach dem deutschen Einmarsch Tausende Polen erschoss und später als Referatsleiter bei der Gestapo in Kassel Juden und Kommunisten jagte. 71 der durchleuchteten Spione mussten wegen „nachweisbarer Teilnahme an NS-Gewaltdelikten“ gehen.

Und das sind die Fachleute, die braune und andere frühe Akten des BND sichten sollen: Jost Dülffer von der Uni Köln, ein Experte für NS-Zeit, Kalten Krieg und Adenauer. Rolf-Dieter Müller, wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam hat die alliierten Bombenangriffe auf Dresden mit aufgearbeitet. Klaus-Dietmar Henke (Uni Dresden) leitete früher die Abteilung Bildung und Forschung der Stasiunterlagen-Behörde. Wolfgang Krieger (Uni Marburg) gilt als Geheimdienst-Experte.

Akteneinsicht heißt nicht, dass die geheimsten Geheimnisse aufgedeckt werden. Das wissen auch die Forscher. Vor jeder Veröffentlichung will der BND prüfen, ob deutsche Sicherheitsinteressen oder Persönlichkeitsrechte beeinträchtigt sein könnten. Historiker Müller sagt, man müsse vorsichtig sein „gegenüber Augenzeugen und Insidern. Desinformation gehört ja zum Geschäft eines Geheimdienstes.“ (dpa/ap)

BND in der Region

BND-Präsident Ernst Uhrlau sieht das Aktenstudium der Historiker so: „Wir öffnen ein Fass, von dem wir nicht wissen, was drin ist.“ Ein anderes Fass haben Ex-BND-Mitarbeiter Norbert Juretzko und Geheimdienstexperte Wilhelm Dietl 2004 mit dem Buch „Bedingt dienstbereit“ geöffnet, das geheime Liegenschaften und Decknamen des BND veröffentlichte.

Eine lange Liste von BND-Adressen, die es ins Internet-Lexikon Wikipedia geschafft hat, nennt auch Kassel: Getarnt als „Heckenrose-Kurfürst“ soll auf dem Kasernengelände zwischen Park Schönfeld und Auestadion in einem schwer gesicherten Block der Funkverkehr des Ostblocks ausgewertet worden sein, den Lauschantennen auf dem Meißner einfingen. Nach außen lief die Einrichtung als Bundesstelle für Fermeldestatistik (BFSt). Technische Details werden auf www.geheime-welten.de diskutiert. Das Gebäude wird derzeit abgerissen, der BND wollte sich auf HNA-Anfrage nicht äußern. (wrk)

SS-Leute auf der Lohnliste und im Visier des BND

Erst jüngst stellte sich heraus, dass der „Schlächter von Lyon“, der berüchtigte NS-Verbrecher Klaus Barbie, zeitweise Agent des BND war. Der seinerzeit unter dem falschen Namen Altmann in Südamerika lebende ehemalige SS-Offizier hatte dem BND 1966 Berichte über geflüchtete NS-Angehörige aus Bolivien geliefert. Barbie war zwischen 1942 und 1944 Gestapo-Chef in Lyon und verantwortlich für die Deportation vieler Juden. Einsicht in BND-Akten zum Thema Barbie hatten der „Spiegel“ und der Mainzer Geschichtsstudent Peter Hammerschmidt - nach langem Kampf um Zugang: Hammerschmidt fand auch heraus, dass die Staatsanwaltschaft Kassel Anfang der 60er-Jahre zeitweise nach Barbie fahndete.

Eine Verwandte in Bettenhausen hatte der Polizei den Südamerika-Tipp gegeben. Oder der Fall des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann: „Bild“ berichtete kürzlich unter Berufung auf BND-Akten, der Geheimdienst solle schon acht Jahre vor Eichmanns Verhaftung über dessen Aufenthaltsort informiert gewesen sein. Auslöser der frühen Nazi-Überprüfung beim BND war die Enttarnung von Heinz Felfe: Im Dritten Reich SS-Obersturmführer war der gelernte Feinmechaniker nach dem Krieg kurzzeitig Spion für den britischen Geheimdienst MI6, ließ sich dann vom sowjetischen KGB und kurz darauf von der Organisation Gehlen anwerben.

1961 wurde Felfe enttarnt, 1963 zu 14 Jahren Haft verteilt, 1969 über Herleshausen bei einem Agentenaustausch in den Osten entlassen. Später war der 2008 gestorbene Felfe Kriminalistik-Professor in Ostberlin. (dpa/ap/wrk)

Neue Spionage-Jobs unter US-Führung

Die Organisation Gehlen ist die Vorläuferin des Bundesnachrichtendienstes (BND). Ihr Gründer, Ex-Wehrmachtsgeneral Reinhard Gehlen (1902-1979) gründete unter US-Führung 1946 den neuen deutschen Auslandsnachrichtendienst. Eingestellt wurden neben früheren Wehrmachtsoffizieren auch Ehemalige aus SS, Gestapo und Sicherheitsdienst der SS. Standort war zunächst Oberursel in Hessen, ab 1947 Pullach bei München. Im Herbst 1949 nahm die Organisation Gehlen Kontakt zur Bundesregierung auf und belieferte in Absprache mit der CIA von 1950 an deutsche Stellen. 1956 übernahm die Bundesregierung unter Konrad Adenauer (CDU) Gehlens Truppe offiziell: Gehlen leitete den BND bis 1968. (dpa/ap)

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