“Mehr als ein Trikot“

Erdogan-Eklat um Özil und Gündogan: Ex-Bayern-Star lehnte die Einladung ab

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Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun (v.l.).

Mit einem Foto leisten die Stars Özil und Gündogan dem türkischen Präsidenten Erdogan Wahlkampfhilfe. Harte Kritik kommt aus der Politik und von Twitter - etwas vorsichtigere vom DFB. Und auch die CSU meldet sich zu Wort.

Update vom 15. Mai 2018 - 14.03 Uhr: Emre Can hat als deutscher Nationalspieler ebenfalls türkische Wurzeln. Er spielt wie Özil und Gündogan in England - Can beim beim FC Liverpool. Obwohl ihm nach Informationen der Welt aber ebenfalls eine Einladung zum PR-Termin mit Erdogan vorlag, soll er abgesagt haben.

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Damit wäre eines widerlegt: Dass der Respekt vor dem Heimatland der Eltern es gebiete, der Einladung eines Präsidenten zu folgen. Das hatten Özil und Gündogan behauptet.

Emre Can.

Update vom 14. Mai 2018 - 21.01 Uhr: Nun hat sich auch die CSU im Eklat um die beiden Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil zu Wort gemeldet. Der offizielle Twitter-Account der Partei postete ein Bild mit dem Trikot der deutschen Nationalmannschaft und dem folgenden Text: „Mehr als ein Trikot. Ein Bekenntnis zu unserem Land.“ Außerdem kritisierte die CSU im geposteten Text, dass, wer das Trikot der Nationalmannschaft trage, sich auch zu den Werten des Landes bekennen und nicht Wahlkampf für einen Despoten machen solle, der die Pressefreiheit und Menschenrechte einschränke. Eine klare Ansage.

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Update vom 14. Mai 2018 - 20.21 Uhr: Das Foto der deutschen Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat hohe Wellen geschlagen. Doch nicht nur Politiker und der DFB kommentierten den Schnappschuss, auch auf Twitter sorgte die Wahlkampfhilfe für Erdogan für Kritik. Einige User ließen es sich aber auch nicht nehmen, einen Witz über den Eklat zu machen. Hier finden Sie die besten Reaktionen:

Twitter-User Benny Illinger konstruierte gar eine ironische Parallele zur Kruzifix-Debatte um Markus Söder - der bayrische Ministerpräsident hatte in den vergangenen Wochen viel Kritik einstecken müssen, weil er Kreuze in öffentlichen Behörden aufhängen lassen möchte. Zum Bild von Özil und Erdogan schreibt der Twitter-Nutzer: „Söder: ‚Haha, Kreuzze in allen Häusern aufhängen - eine blödere Idee hat niemand!‘ Özil: ‚Hold my beer‘.“ Übersetzt: „Halte mein Bier“, was in diesem Fall so viel zu bedeuten hat wie: „Warte nur ab, mir fällt da schon was ein.“

Twitter-User Matthias Peschl plädiert gar für die Nichtnominierung der beiden Kicker, die sich für die „Propaganda“ von Recep Tayyip Erdogan hätten missbrauchen lassen.

Update vom 14. Mai 2018 - 18.51 Uhr: 

Der deutsche Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan hat Kritik

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun (v.l.).

an einem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zurückgewiesen. „Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen“, teilte Gündogan mit, der Erdogan am Sonntag zusammen mit seinem deutschen Teamkollegen Mesut Özil in London getroffen hatte. „Als deutsche Nationalspieler bekennen wir uns zu den Werten des DFB und sind uns unserer Verantwortung bewusst“ erklärte Gündogan weiter. „Fußball ist unser Leben und nicht die Politik.“

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Man habe den Präsidenten auf einer Veranstaltung einer türkischen Stiftung getroffen. „Aus Rücksicht vor den derzeit schwierigen Beziehungen unserer beiden Länder haben wir darüber nicht über unsere sozialen Kanäle gepostet“, betonte Gündogan. „Aber sollten wir uns gegenüber dem Präsidenten des Heimatlandes unserer Familien unhöflich verhalten? Bei aller berechtigten Kritik haben wir uns aus Respekt vor dem Amt des Präsidenten und unseren türkischen Wurzeln - auch als deutsche Staatsbürger - für die Geste der Höflichkeit entschieden.“

Update vom 14. Mai 2018 - 18.07 Uhr: Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat die Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan aufgefordert, sich von den Bildern mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu distanzieren. „Das, was die zwei da vorgelegt haben, spottet jeder Beschreibung, das geht gar nicht“, sagte Özdemir am Montag in Berlin. Nationalspieler seien Vorbilder und sollten sich auch so verhalten. „Ich erwarte von den beiden, dass sie sich jetzt klar äußern, sich distanzieren.“ Sie hätten sich „hergegeben für eine billige Propagandashow für einen Despoten, für einen autoritären Herrscher“.

Update vom 14. Mai 2018 - 17.46 Uhr: Die AfD-Politikerin Alice Weidel findet, Mesut Özil und Ilkay Gündogan sollten nicht zum deutschen Kader für die Fußball-WM in Russland gehören. Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion schrieb am Montag auf Facebook als Reaktion auf ein gemeinsames Foto der beiden Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: „Gündogan & Özil zuhause lassen!“

Weidel schrieb, der Vorfall sei ein „trauriges Beispiel dafür, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist“.

Im Juni stehen in der Türkei Wahlen an - Erdogan im Wahlkampf

London/Frankfurt am Main - Vielleicht schlägt Bundestrainer Jogi Löw gerade die Hände über dem Kopf zusammen - und mit ihm so einige Politikinteressierte in Deutschland, aber auch der Türkei. 

Denn im Juni stehen in der Türkei wichtige vorgezogene Neuwahlen an. Und während Auftritte türkischer Regierungspolitiker im Wahlkampf in Deutschland ein echtes Politikum sind, haben zwei von Löws Nationalspielern öffentlichkeitswirksam mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert.

Özil und Gündogan posieren - heikle Widmung auf Gündogans Trikot

Erdogans Partei AKP verbreitete die Fotos und ein Video am Montag auf Twitter. Zu sehen sind Ilkay Gündogan und Mesut Özil neben Erdogan. Das Treffen schien klar freundschaftlichen Charakter zu haben. 

Denn Gündogan und Özil sind nicht etwa im kritischen Gespräch mit dem türkischen Präsidenten zu sehen - sondern unter anderem bei der Übergabe ihrer Vereinstrikots an Erdogan. Özil posierte lächelnd mit seinem Arsenal-Trikot mit der Nummer 11, Gündogan hielt zusammen mit Erdogan das Man-City-Dress mit seiner Nummer 8 in die Kamera. Mit dabei war auch Everton-Profi Cenk Tosun.

Besonders deutlich positioniert sich Gündogan: Auf seinem Trikot stand dem Bericht zufolge in türkischer Sprache geschrieben: „Mit großem Respekt für meinen Präsidenten."

Grindel findet Foto „nicht so gut“ - Bierhoff kündigt Aussprache an

DFB-Präsident Reinhard Grindel rügte Özil und Gündogan für das Treffen - für die Verhältnisse des sonst betont unpolitischen und im Umgang mit seinen Stars eher vorsichtigen DFB - hart. "Der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden", schrieb Grindel am Montag bei Twitter. "Deshalb ist es nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für seine Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen." Der DFB-Chef schrieb weiter: "Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen."

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff kündigte eine Aussprache mit den Spielern an, die fixe Kandidaten der DFB-Elf für die WM in Russland sind. „Die beiden waren sich der Symbolik und Bedeutung dieses Fotos nicht bewusst, aber natürlich heißen wir die Aktion nicht gut und besprechen das mit den Spielern“, sagte Bierhoff am Montag, betonte jedoch auch: „Ich habe nach wie vor überhaupt keine Zweifel an Mesuts und Ilkays klarem Bekenntnis, für die deutsche Nationalmannschaft spielen zu wollen und sich mit unseren Werten zu identifizieren.“

Özdemir rät Stars, die Begriffe „Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nachzuschlagen“

Auch der türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir kritisierte die Fußball-Stars heftig. "Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag", sagte der langjährige Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen dem SID am Montag: "Es sitzt in Berlin, nicht in Ankara."

"Anstatt Erdogan diese geschmacklose Wahlkampfhilfe zu leisten, wünsche ich mir von den Spielern, dass sie sich aufs Fußballspielen konzentrieren", sagte Özdemir. Er riet Özil und Gündogan, "noch einmal die Begriffe Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nachzuschlagen".

„Wird Deutschland sie rauswerfen?“

Der Journalist Ali Özkök, der unter anderem vom Kreml-nahen Medium RT Deutsch als Redakteur gelistet wird, nutzte ein Video des Treffens umgehend als Steilvorlage für Kritik an deutschen Medien sowie indirekt der Bundesregierung - und für eine provokante Frage.

„Wird Deutschland sie rauswerfen, jetzt, da sie einen ‚Diktator‘ getroffen haben, wie die deutschen Medien regelmäßig behaupten?“, formulierte Özkök seine rhetorische Frage auf Twitter.

Streit um Wahlkampf-Auftritt von AKP-Politikern in Deutschland

Dass es soweit kommt, scheint eher unwahrscheinlich. Gleichwohl bewegen sich die beiden deutschen Nationalspieler mit dem Treffen auf heiklem Terrain. Denn die Bundesregierung will jegliche Wahlkampfhilfe für Erdogan bewusst vermeiden - und der DFB gibt sich generell unpolitisch, zuletzt beispielsweise beim Streit um einen möglichen Boykott der WM in Russland.

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So sorgte ein geplanter Auftritt des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu bei der Gedenkfeier für einen Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Familie in Solingen am 29. Mai unlängst bereits für Verstimmungen. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte im April betont, die Bundesregierung werde keine Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsvertreter in Deutschland zulassen, stellte aber klar, der Auftritt falle nicht unter dieses Verbot.

Wahl am 24. Juni - Nominierung des WM-Kaders am Dienstag

Am 24. Juni wird in der Türkei erstmals zeitgleich das Parlament und der Präsident gewählt. Damit soll der von Erdogan betriebene und vor gut einem Jahr per Verfassungsreferendum beschlossene Umbau zum Präsidialsystem abgeschlossen werden. Der Präsident soll künftig Staats- und Regierungschef und mit deutlich mehr Macht ausgestattet sein. 

Beim Wahlkampf zum Verfassungsreferendum hatte Erdogan mit Nazi-Vergleichen an die Adresse Deutschlands für Empörung gesorgt. Für Kritik sorgt immer wieder auch Erdogans Innen- und Außenpolitik - von der Inhaftierung kritischer Journalisten bis zum Einmarsch im syrischen Afrin. Erdogan hatte Berichten zufolge Wahlkampfauftritte in Deutschland ausgeschlossen - hat nun aber offenbar einen anderen Zugangskanal zur deutschen Öffentlichkeit gefunden.

Löw nominiert sein vorläufiges Aufgebot für die WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) am Dienstag in Dortmund. Özil und Gündogan gelten als gesetzt.

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fn (mit dpa und SID)

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