Interview zur Mobiliät

Ohne Auto ist es für Senioren auf dem Land schwierig

Mobil sein und bleiben: Eine Frau mit Rollator an der U-Bahnstation Hauptwache in Frankfurt.
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Mobil sein und bleiben: Eine Frau mit Rollator an der U-Bahnstation Hauptwache in Frankfurt.

Mit Auto, Rad, Flugzeug oder Zug: In unserer Herbstserie „Mobilität“ berichten wir über alle Facetten rund um dieses Thema. Heute: Bedürfnisse einer zunehmend mobilen älteren Generation.

Kassel - Wer heute über 65 Jahre alt ist, ist mobiler als jede ältere Generation zuvor. Die Psychologin Dr. Antje Flade hat unter anderem für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend untersucht, wie ältere Menschen Verkehrsmittel nutzen. Im Interview erläutert sie, warum das ein Thema ist, das auch Jüngere angeht.

Warum ist es notwendig, Mobilität für Ältere als eigenes Thema zu verstehen? Ist Mobilität nicht für alle Altersgruppen gleich?
Nein, ist sie nicht, das zeigt der Blick auf das gesamte Altersspektrum. Bei Kindern gibt es völlig andere Fragestellungen zur Mobilität. Im Alter ist vieles eingeschränkt, so dass es wichtig ist, eine differenzierte Sichtweise auf das Thema zu haben. Es ist ein Unterschied, ob ein 18-Jähriger Auto fährt oder ein 80-Jähriger.
Was genau ist der Unterschied?
Angefangen von der Sensorik, einer eingeschränkten Sehfähigkeit bis hin zur Verlangsamung der Reaktionsfähigkeit. Auch die Motorik verändert sich. Ein älterer Mensch hat zum Beispiel ein Problem, wenn eine Fußgängerampel sehr schnell auf rot springt – er kann einfach nicht mehr so schnell gehen. Die Fähigkeit zum Kommunizieren ist ebenfalls eingeschränkt: Man guckt nicht mehr so genau, was die anderen machen, weil man beschäftigt ist damit, selber voranzukommen. Es wird insgesamt weniger geschaut, was um einen herum ist – aber genau das ist im Verkehr absolut wichtig. Diese Unterschiede machen es erforderlich, sich mit Mobilität für Ältere extra zu befassen.
Von welchem Alter sprechen wir genau? 65 plus?
Das ist eine Frage, die keiner präzise beantworten kann. Wenn man sich die Einteilung des Statistischen Bundesamtes anschaut, dann gibt es dort 20-40, 40-60, 60-80 sowie 80 und mehr. Ab wann fängt das Alter an? Die Spanne 60 bis 80 ist riesig. Der Anteil Älterer an der Gesamtbevölkerung nimmt aber insgesamt zu, egal wie man sie einteilt. Dadurch verändert sich die Verkehrssituation, für den Betroffenen und für die Umwelt.
Wie bewegt sich die Mehrheit der Älteren fort?
Das häufigste Verkehrsmittel ist auch bei den Älteren das Auto.
Warum?
Wegen der gleichen Vorteile wie für die anderen Altersgruppen: Man kann individuell handeln und es sind Verhaltensroutinen, die lange eingeübt sind. Man steigt auch nicht so einfach auf den ÖPNV um. Wer immer in der Stadt gewohnt hat, kennt den Umgang mit Fahrplänen, Tickets usw. Das ist etwas anderes als wenn ich im ländlichen Raum lebe und ab und zu in die Stadt komme.
Was ist mit der körperlichen Fitness?
Das kommt hinzu: Man kann im ÖPNV nicht sein individuelles Tempo bestimmen – man muss zum Beispiel schnell einsteigen können. Auch Radfahren setzt eine bestimmte motorische Fähigkeit voraus. Zu Fuß kann man lange gehen, aber eben langsamer. So ist das Auto immer noch das beste Verkehrsmittel – das Problem stellt sich dann aber für die Verkehrsumwelt, weil die älteren nicht mehr so ganz sicher sind oder sehr langsam fahren. Das ist vernünftig, aber dann sind sie für die anderen ein Hindernis.
Sie haben die Mobilität von älteren Menschen auf dem Land und in der Stadt untersucht. Worin unterscheidet sie sich?
Es gibt es auf dem Land keinen wirklich guten öffentlichen Verkehr. Man ist also stärker auf das Auto angewiesen. Für diesen Umstand gibt es den Begriff „captive driver“, also der gefangene Fahrer, weil man nicht wählen kann, ob man Auto fährt, sondern einem gar nichts anderes übrig bleibt. Das ist typisch für die ländliche Bevölkerung. Wenn man im Alter beim Autofahren auf Probleme stößt und dazu im ländlichen Raum wohnt, dann verdoppelt sich das Problem.
Wie könnten öffentliche Einrichtungen oder die Umgebung helfen?
Auf dem Land bzw. an den Stadträndern müssten Park-and-ride-Systeme fortentwickelt werden. Dann könnte man die Strecken, auf denen keine oder wenige Busse fahren, mit dem eigenen Auto überbrücken und an einem Parkhaus oder -platz umsteigen in den ÖPNV. Das setzt aber voraus, dass alles relativ altengerecht ist, also dass man leicht parken und von dort aus relativ leicht zu den öffentlichen Verkehrsmitteln gelangen kann.
Können ältere Menschen heute darauf hoffen, länger mobil zu sein als frühere Generationen?
Auch da kommt es auf den Wohnstandort an. Im ländlichen Raum wird das sehr schwierig. Selbst Taxis fahren heute nicht so weit in den ländlichen Raum. Das ist echt ein Problem. Wenn der ältere Mensch aber in der Stadt wohnt, dann kann er sich zum Beispiel ein Taxi leichter besorgen. Auch wenn er nicht mehr selbst fahren oder den ÖPNV nutzen kann, wäre er im Zweifel noch mobil. Langfristig könnte sich das ändern durch die Digitalisierung, wenn mehr Menschen wieder auf dem Land leben, weil man dort auch arbeiten kann, etwa im Homeoffice. Für die jetzige ältere Generation auf dem Land ist es schwierig, denn mit der Reurbanisierung wird es noch eine Weile dauern. (Von Tatjana Coerschulte)
Psychologin Dr. Antje Flade

Zur Person: Dr. Antje Flade

Dr. Antje Flade ist Psychologin. Von 1980 bis 2005 arbeitete sie am „Institut Wohnen und Umwelt“ in Darmstadt, einer Einrichtung der Stadt Darmstadt und des Landes Hessen. Dort hat sie unter anderem das Mobilitätsverhalten älterer Menschen untersucht. Flade hat Psychologie in Hamburg studiert, wo sie auch aufgewachsen ist. Von 1968 bis 2006 lebte sie in Darmstadt, seitdem wieder in Hamburg, wo sie freiberuflich arbeitet.

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