Ohne Zweifel in den Untergang

Vor 100 Jahren: Österreichs Kaiser wollte Krieg gegen Serbien führen – Es wurde ein Weltkrieg daraus

+
Kaiser Franz Joseph I.

Im Idyll von Bad Ischl unterzeichnete Kaiser Franz Joseph I. vor 100 Jahren die Kriegserklärung an Serbien. Der greise Monarch an der Spitze eines zerstrittenen Vielvölkerstaats riskierte einen Befreiungsschlag - und verlor alles.

Den Schreibtisch von Franz Joseph I. zieren die Büste der jungen Kaiserin, Uhren, ein Barometer und ein vom Zar geschenkter elektrischer Zigarrenanzünder. An der Wand hängt ein Aquarell, das den Franz-Joseph-Gletscher in Neuseeland zeigt. Des Kaisers Lieblingssessel aus rotem Stoff ist völlig durchgesessen und abgewetzt. Genau hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

Im Biedermeier-Ensemble seines Arbeitszimmers in der kaiserlichen Sommer-Residenz in Bad Ischl unterzeichnet der 84-Jährige am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn an Serbien. Der Erste Weltkrieg nimmt seinen Lauf. „Ich habe alles geprüft und erwogen“, behauptet der Kaiser im Aufruf „An meine Völker“. Falsch, sagt die Geschichte dazu.

Hintergrund:

Am Ende zerfällt Österreich-Ungarn

Die Bilanz des Ersten Weltkriegs für Österreich-Ungarn: Durch die Niederlage zerfällt die Monarchie, 90 Prozent des ursprünglichen Territoriums gehen verloren.

Aber nicht so sehr der Gebietsverlust hat laut Historiker Rathkolb die Stimmung getrübt. Für die Deutsch-Österreicher sei es vielmehr schlimm gewesen, dass die Siegermächte eine Vereinigung mit der Weimarer Republik verboten. Eine Hypothek mit Spätfolgen in der Nazizeit: Das erkläre den Jubel beim Anschluss an Hitler-Deutschland im Jahr 1938, meint Rathkolb. (dpa)

Dass die weltverändernde Unterschrift im Idyll eines Kurorts geleistet wurde, war nach Überzeugung des Wiener Historikers Oliver Rathkolb gewollt. „Die Entscheidung in der Sommerfrische signalisiert einen Patron, der alles im Griff hat, sie unterstreicht die Hoffnung, dass es bei einer eher lokalen Strafexpedition gegen Serbien bleibt.“ Wenige Tage später hatten Europas Großmächte mobilisiert, steht die Donaumonarchie fast von Anfang an auf verlorenem Posten.

Das Land sei für diesen Krieg in keiner Weise gerüstet gewesen, sagt Rathkolb. Die Militärausgaben Wiens waren vor 1914 deutlich gesunken, ganz im Gegensatz zu denen Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reichs. Bisher hatte der Kaiser dem Drängen der Generalität widerstanden, auf dem Balkan einen Präventivkrieg zu führen. Nach dem Attentat von Sarajevo ist seine Geduld mit den Serben, die nach einem eigenen Großreich streben, zu Ende. Der Historiker Christopher Clark hat dafür durchaus Verständnis: „Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn ein Präsident in spe von einer in Teheran ausgebildeten Schwadron ermordet wird?“, fragt er in einem Interview.

Seit vielen Jahren ist der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zu jener Zeit einer Zerreißprobe ausgesetzt. Praktisch alle einzelnen Kronländer streben im Zeichen des Nationalismus nach Unabhängigkeit. Das Reich mit seinen 50 Millionen Bürgern vereint zwölf Völker - von Galizien (heute Ukraine) über Böhmen (Tschechien) bis nach Triest (Italien).

Der Krieg und die Hoffnung auf den starken deutschen Verbündeten verheißen angesichts der internen Konflikte einen Befreiungsschlag. „Es ist ein letzter Versuch, auf einem sinkenden Schiff noch einmal die Segel zu setzen und das Ruder herumzureißen“, meint Rathkolb. Und tatsächlich schweißt auch in Österreich-Ungarn die Kriegsbegeisterung fast alle zusammen.

„Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn ein Präsident in spe von einer in Teheran ausgebildeten Schwadron ermordet wird?“

Der Wiener Historiker Oliver Rathkolb.

An allen Fronten hat die Armee des Vielvölkerstaats allerdings ein Problem, das keine andere Nation kennt: Offiziere, die meist Deutsch sprechen, und Mannschaften, die oft kein Deutsch verstehen.

Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner meint: „Die Offiziere mussten zwar die Sprache ihrer Truppenkörper lernen, aber in den blutigen ersten Kriegswochen wurden viele von ihnen getötet. Reserveoffiziere, die die Regimentssprachen oft kaum beherrschten, traten an die Stelle der Gefallenen. Das machte die Sache nicht leichter.“ Am Ende waren eine Million Soldaten des Kaisers gefallen, zwei Millionen verwundet und 1,6 Millionen in Kriegsgefangenschaft geraten.

Kaiser Franz Joseph stirbt 1916 nach 68 Regierungsjahren. Sein Großneffe Karl I. besteigt den Thron. Dessen Versuche, einen Separatfrieden auszuhandeln, scheitern. Der Untergang des Reiches ist besiegelt. (dpa)

Von Matthias Röder 

Zur Person: Kaiser Franz Joseph I.

• Franz Joseph I., am 18. August 1830 auf Schloss Schönbrunn geboren, war von 1848 bis zu seinem Tod 1916 Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Mit seiner Regierungszeit von beinahe 68 Jahren übertraf er die eines jeden anderen Habsburgers.

• 1853 lernte er in seiner Sommerresidenz Bad Ischl seine erst 15-jährige Cousine Elisabeth, genannt Sisi, kennen. Franz Joseph verliebte sich in sie, am 24. April 1854 heirateten beide in der Wiener Augustinerkirche. Elisabeth bekam vier Kinder, darunter Kronprinz Rudolf, der sich 1889 das Leben nahm. Kaiserin Elisabeth starb am 10. September 1898 in Genf, ermordet von einem italienischen Anarchisten.

• Der 86-jährige Franz Joseph starb mitten im Krieg am 21. November 1916. Nachfolger wurde sein Großneffe Karl I., der Enkel seines Bruders Karl Ludwig. Er regierte nur noch zwei Jahre bis zum Zerfall der Monarchie.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.