Opfer als Lügner abgestempelt

Schwere Vorwürfe: Der britsche Premier Edward Heath (1916 - 2005) soll Jungen missbraucht haben. Foto: dpa

London. Der frühere britsche Premier Heath soll Kinder missbraucht haben und von Behörden gedeckt worden sein.

Die Polizei wählte für ihre Pressekonferenz einen Ort aus, dessen prachtvolle Größe allein viel über die Ausmaße der Untersuchungen aussagt. Vor dem herrschaftlichen Anwesen des ehemaligen britischen Premierministers Sir Edward Heath stand der Beamte und berichtete von den schier unfassbaren Anschuldigungen: Der Ex-Regierungschef, von 1970 bis 1974 im Amt, soll Jungen missbraucht haben. Und wie bereits in den zahlreichen Missbrauchsfällen, die in den letzten Jahren die Insel erschüttert haben, soll auch der 2005 gestorbene Politiker von den zuständigen Behörden gedeckt worden sein.

Doch der Skandal wäre ungleich größer, immerhin hat das Thema nun die Downing Street erreicht. Der Polizeichef aus der Grafschaft Wiltshire hatte Anfang der Woche mögliche Zeugen und Opfer „eines Verbrechens oder sexuellen Übergriffs von Sir Ted Heath“ aufgerufen, sich zu melden. Eine Reihe von Anrufen seien danach eingegangen, bestätigte die Behörde.

Mittlerweile laufen Ermittlungen gegen den lebenslangen Junggesellen in fünf Grafschaften. Neben Wiltshire, London, Kent und der Kanalinsel Jersey bestätigte auch die Grafschaft Hampshire, dass sie Vorwürfen gegen den ehemaligen Parteivorsitzenden der konservativen Tories nachgehe. Davon gibt es offenbar genug, will man den Medien im Königreich glauben. Ein 65-Jähriger behauptet, so schreibt der „Telegraph“, er sei 1961 als zwölfjähriger Strichjunge von dem Abgeordneten Heath in dessen Wohnung vergewaltigt worden. Als der Jugendliche kurz danach Sozialarbeitern von dem Missbrauch erzählte, sei er als „Lügner und Fantast“ abgestempelt worden. Auch anderen Vorwürfen wurde nie nachgegangen. So habe eine Frau, die ein illegales Bordell führte und vor Gericht gestellt werden sollte, in den 90er- Jahren gedroht, im Falle einer Anklage gegen Heath auszusagen. Angeblich ließ man daraufhin von ihr ab.

Jetzt aber soll alles aufgearbeitet werden. Keiner werde verschont, heißt es immer wieder, auch nicht das Establishment. Die Regierung hat einen Ausschuss unter Vorsitz der neuseeländischen Richterin Lowell Goddard eingesetzt. Die Ermittlungen zu Edward Heath werden von der unabhängigen Untersuchungskommission IPPC geleitet. Es ist eine beispiellose Ermittlungsreihe, die der Staat mit rund 18 Millionen Pfund unterstützt.

Es geht nicht nur darum, was hinter den altehrwürdigen Mauern von Westminster abgelaufen ist. Die Fälle durchziehen die höchsten Kreise und die Vorwürfe gegen einflussreiche Politiker stellen lediglich einen Teil des Gesamtproblems um Kindesmissbrauch dar. Mittlerweile werden alle Gesellschaftsschichten durchkämmt: die Kirche und Justiz, Krankenhäuser, das Parlament, das Showbusiness und die Polizei.

Medien kritisieren, dass die britische Kultur der Zurückhaltung und Höflichkeit ihren Teil zu dem Skandal beigetragen hat. Zahlreiche Opfer gingen zur Polizei, doch sie fanden kaum Gehör. Nun stehen der britischen Öffentlichkeit zahlreiche weitere schreckliche Enthüllungen bevor.

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