Opposition: Wir erwarten mehr von Wulff

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Die Opposition will Bundespräsident Christian Wulff nicht so leicht davonkommen lassen

Berlin - Kurz vor Weihnachten geht Christian Wulff doch noch an die Öffentlichkeit und entschuldigt sich. Die Regierungsparteien wollen einen Schlussstrich ziehen, doch der Opposition reicht das nicht.

Die Opposition fordert nach der Entschuldigung von Bundespräsident Christian Wulff weiter Aufklärung in der Kreditaffäre. Wulffs Stellungnahme habe in der Sache nichts Neues gebracht, bemängelte der niedersächsische SPD-Fraktionsvorsitzende Stefan Schostok. „Von einem Inhaber des höchsten Amtes im Staat ist mehr zu erwarten.“ Der Grünen-Fraktionschef in Hannover, Stefan Wenzel, sagte: „Das Verhalten von Herrn Wulff empfinde ich nicht als ausreichend souverän, der Aufklärungsbedarf bleibt.“

Dagegen sprachen sich Vertreter der Bundesregierung dafür aus, die Diskussion um Wulff nun zu beenden und zu drängenden Sachthemen zurückzukehren. In Zeitungsinterviews warnten Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) vor möglichem Schaden, den das Amt des Bundespräsidenten ansonsten nehmen könnte.

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Wulff hatte sich am Donnerstag nach massivem Druck für seinen zögerlichen Umgang mit der Kreditaffäre entschuldigt. Er hatte sein 2008 aufgenommenes 500 000-Euro-Privatdarlehen bei der Unternehmergattin Edith Geerkens im März 2010 mit Hilfe der BW-Bank abgelöst. Sein Anwalt Gernot Lehr erläuterte am Freitag die Konditionen: “Der Zinssatz für den rollierenden Geldmarktkredit orientierte sich wie üblich am Euriborzinssatz zuzüglich Aufschlag und betrug zuletzt 2,1 Prozent“, erklärte er. “Während der Laufzeit dieser kurzfristigen Einzelkredite trug Christian Wulff das Risiko der weiteren Zinsentwicklung allein.“ Seit kurzem seien die Zinsen höher: “Der Anfang Dezember vereinbarte Sollzinssatz für das zu tilgende Hypothekenbankdarlehen (Volltilgerdarlehen) mit einer Laufzeit von 15 Jahren beläuft sich auf 3,56 Prozent, der effektive Jahreszins beträgt danach 3,62 Prozent.“

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Neben seiner Entschuldigung betonte Wulff, er wolle sein Amt weiter gewissenhaft fortführen. Dafür bitte er die Bürger um ihr Vertrauen. Zuvor war Wulffs Sprecher und langjähriger enger Vertrauter Olaf Glaeseker von seinen Aufgaben entbunden worden. Wulff bedauerte das, Gründe nannte er aber nicht.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nannte Wulffs persönliche Erklärung längst überfällig. Nun bleibe die weitere politische Aufarbeitung abzuwarten. SPD-Vizefraktionschef Hubertus Heil sagte, die Trennung von seinem Sprecher sei kein Ersatz für die Aufklärung in der Sache. Es müsse geklärt werden, ob Wulff seinerzeit gegen das niedersächsische Ministergesetz verstoßen habe. Aus Sicht der Grünen-Fraktionschefin Renate Künast ist die Entschuldigung unzureichend.

Dagegen sprach sich die stellvertretende CDU-Vorsitzende Schavan dafür aus, die Debatte um Wulff nun zu beenden. „Der Bundespräsident hat Informationen gegeben und sich für sein Verhalten entschuldigt. Jetzt sollten wir zu dem zurückkehren, was wirklich wichtig ist“, sagte die Bundesbildungsministerin der Zeitung „Welt am Sonntag“ (Weihnachtsausgabe). Mit der Art, wie gerade über den Bundespräsidenten diskutiert werde, könne man jedes politische Amt beschädigen.

Pressestimmen zur Rede von Bundespräsident Wulff

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Ähnlich äußerte sich Bundesfinanzminister Schäuble. „Wir haben ein hohes Interesse daran, dass das Amt des Bundespräsidenten unbeschädigt bleibt“, sagte er der „Bild am Sonntag“. „Daher halte ich ein gewisses Maß an Zurückhaltung für sinnvoll.“

Auch die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, hält Wulffs Erklärung für ausreichend. „Seine Entschuldigung verdient Anerkennung, deshalb sollte nun Ruhe in die Debatte einkehren“, sagte sie der Zeitung „Die Welt“ (Freitag).

Aus Sicht des Bonner Politikwissenschaftlers Gerd Langguth ist die Glaubwürdigkeit des Präsidenten „nur temporär beschädigt“. Langguth sagte der „Passauer Neuen Presse“ (Freitag): „Er hat jetzt die Chance, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.“ Als großen Befreiungsschlag betrachtet der Politologe die Erklärung Wulffs aber noch nicht.

dpa

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