Papst-Besuch: Viele erwarten ein Zeichen

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Die Spannung steigt: Wenn Papst Benedikt XVI. am Donnerstag in Berlin eintrifft, werden ihm Erwartungen und Hoffnungen entgegenschlagen, die er kaum erfüllen kann. Unser Archivfoto zeigt den Papst bei einer Generalaudienz in Rom.

Kassel. Der Papstbesuch in Berlin, Erfurt und im Eichsfeld fällt mitten in eine Reformkrise der katholischen Kirche in Deutschland.

Viele Katholiken sind damit unzufrieden, dass es die Kirche nicht schafft, sich den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen. Vom Papst wird daher ein Zeichen erhofft, vielleicht sogar erwartet. Setzt er es nicht, „wäre eine große Chance vertan“, findet auch Harald Fischer, Dechant des Dekanats Kassel-Hofgeismar mit seinen 65 000 Katholiken.

Es gibt viele Themen, die Antworten benötigen, wie Kritiker wie die Organisation „Wir sind Kirche“ oder eine Berliner Pfarrer-Initiative anmahnen. Sie reichen vom Rückbau autokratischer Strukturen, der Abschaffung des Pflichtzölibats über den Zugang der Frauen zu kirchlichen Ämtern, das gemeinsame Abendmahl mit anderen Konfessionen, das Problem der wiederverheirateten Geschiedenen, der Weiterentwicklung der Sexuallehre bis zum Ende der Diskriminierung Homosexueller (siehe Hintergrund).

Die Berliner Pfarrerinitiative weist darauf hin, dass der Papst von einem katholischen, geschiedenen und wieder verheirateten Bundespräsidenten begrüßt werde. Das böte Anlass für ein Wort des Papstes, den wiederverheirateten Geschiedenen den Weg in die Kirche neu zu öffnen.

Beim Eintrag in das Goldene Buch Berlins wird neben dem Papst ein katholischer, homosexueller Regierender Bürgermeister stehen. Gelegenheit genug für die Kirche, auch mal homosexuellen Männern und Frauen wenigstens zuzuhören, finden die Berliner Pfarrer. In Berlin wurden auch die ersten Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche aufgedeckt. Die Hauptstadt wäre also der richtige Ort, um vom Papst ein Wort der Entschuldigung bei den Opfern zu hören, sagt Dechant Harald Fischer.

An erster Stelle, so Fischer, sei die Kirche aber immer noch Anwalt der Armen. Zu denen zählen sicherlich die mittlerweile 30 000 Flüchtlinge, die an den Ufern des Mittelmeers gestrandet sind.

Freiheit in der Kirche

Natürlich weiß jeder Katholik, dass Benedikt XVI. ein Konservativer ist, der sogar mit der umstrittenen Pius-Bruderschaft spricht. Auf der anderen Seite hat Dechant Harald Fischer selbst erfahren, dass man als kritischer Kopf wohl nirgendwo sonst so viel Freiheit hat, seine Meinung unbehelligt zu äußern wie in der Kirche. Nur: Ausgerechnet in der Führungsebene, bei den Bischöfen, habe man davor offenbar Angst.

Aus Kassel werden rund 300 Katholiken mit sechs Bussen ins Eichsfeld fahren, um den Papst zu sehen. Hinzu kommen nicht Gezählte in privaten Autos. „Wo Gott ist, da ist Zukunft“, lautet das Motto des Papstbesuches. In Zukunft, da ist sich Dechant Fischer sicher, werden alle heute umstrittenen Themen fester Bestandteil der Kirche sein, zum Alltag in den katholischen Gemeinden gehören. Fischer: „Das lässt sich nicht aufhalten. Wir sind jetzt nur in einer Übergangssituation.“ Und in der werden vom Papst früher oder später klare Worte erwartet. Vielleicht schon beim Besuch in Deutschland.

Von Frank Thonicke

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