Papst Franziskus kritisiert Übersetzung des Vaterunsers - doch sie ist korrekt

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Generalaudienz: Papst Franziskus am vergangenen Mittwoch im Vatikan. Neben ihm sitzt Erzbischof Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses und Privatsekretär Benedikts XVI.

Der Papst hat die deutsche Übersetzung des Vaterunsers kritisiert. Er stört sich an dem Vers "Und führe uns nicht in Versuchung". Fragen und Antworten. Von HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa.

Was kritisiert der Papst an der deutschen Übersetzung des Vaterunsers? 

Er kritisiert die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. In einem Interview mit dem italienischen Sender TV2000 sagte Franziskus vor Kurzem eher beiläufig, „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ wäre besser, denn: „Ich bin es, der fällt, aber es ist nicht er, der mich in Versuchung geraten lässt.“ Ein Vater mache so etwas nicht. „Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“ Führt Gott in Versuchung? Eine uralte Diskussion - dieser stellte sich auch schon Joseph Ratzinger.

Ist die deutsche Formulierung also eine falsche Übersetzung des griechischen Originaltextes?

Nein, sie ist richtig. Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, hat das in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ noch einmal betont. Söding: „Bei Matthäus und bei Lukas steht exakt dieselbe Wendung; sie geht auf die Logienquelle zurück, die älteste Sammlung von Jesusworten“, so Söding. Der Sinn sei „unzweideutig“. Freilich sind die griechischen Texte erst geschrieben worden, als Jesus lange tot war. Er selbst muss aramäisch gesprochen haben. Eine Änderung der Bitte im Vaterunser hätte also theologische Gründe, aber keine sprachlichen oder übersetzerischen.

Kann der Papst sich nicht auf die Bibel berufen? 

Theologisch mit Blick auf viele andere Stellen sehr wohl. Aber eben hier an der fraglichen Stelle gerade nicht. Allerdings gibt es eine interessante Abweichung zwischen Lukas- und Matthäusevangelium. Der Autor des Matthäus-Evangeliums hat den im Lukas-Evangelium fehlenden Zusatz angefügt „sondern erlöse uns von dem Bösen“. Das könnte darauf hindeuten, dass auch er schon die Möglichkeit, der neutestamentarische Gott als liebender Vater könne seine Kinder in Versuchung führen, anstößig fand und mildern wollte.

Wieso kommt der Papst jetzt auf seine Kritik? 

Er greift damit die Diskussion dieses Themas unter französischen Katholiken auf. Die Bischöfe dort haben die französische Übersetzung des Vaterunsers erst vor kurzem überarbeiten lassen. Statt wie früher auch bei uns soll die fragliche Stelle daher in Frankreich seit Neuestem so gebetet werden: „Und lass uns nicht in die Versuchung eintreten“ (Et ne nous laisse pas entrer en tentation).

Welche Reaktionen rief die Kritik des Papstes hervor? 

Ablehnende. Gerade erst 2016 erschien die Revision der im katholischen Bereich verbreiteten Einheitsübersetzung, Seit Ende 2016 verfügbar ist auch die neu revidierte Lutherübersetzung. Die daran beteiligten Wissenschaftler sahen offensichtlich kein Problem in der altbekannten Übersetzung und schlossen sich ihr an. Auch der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf und die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Margot Käßmann sowie eine Reihe anderer Theologen lehnten Änderungen am Text des Vaterunsers ab. Einen Kommentar zur Kritik am Vaterunser lesen Sie hier.

Was dürfte den Papst wohl bewegt haben? 

Er will anscheinend mögliche Stolpersteine zwischen Gott und den Glaubenden aus dem Weg räumen. Ob er gut beraten ist, dabei ausgerechnet bei dem wohl wirkmächtigsten und bekanntesten Gebet der Kirche anzusetzen, dass darüber hinaus auch noch direkt von Jesus selbst gelehrt worden sein soll, ist eine andere Frage.

Vaterunser auf Aramäisch

Der syrische Christ Sami Barsoum ist heute Vorsteher der aramäisch-christlichen Gemeinde Jerusalems. Der Abkömmling aramäischer Christen aus der Türkei, die während den Christenverfolgungen 1915 von dort nach Jerusalem flohen, machte sich während seines Berufslebens als Schneider auch für prominente Kunden einen Namen. Bei einem Treffen mit Barsoum in Jerusalem im Frühjahr 2017 bat ihn Tibor Pézsa, Redakteur unserer Zeitung, das Vaterunser in der Sprache Jesu, auf Aramäisch, zu sprechen.

Verschiedene Versionen des Vaterunser

Das Vaterunser ist das bekannteste Gebet aller Christen. Der Text geht laut Bibel auf Jesus selbst zurück. Neben dem Evangelium nach Lukas 11,2-4 findet sich die bis heute gebräuchliche Gestalt des Vaterunser bei Matthäus (6,9-13), dort in Jesus’ berühmter Bergpredigt unweit des Sees Genezareth. In der revidierten Lutherbibel 2017 lautet der Text:

Unser Vater im Himmel / dein Name werde geheiligt. / Dein Reich komme. / Dein Wille geschehe, / wie im Himmel, so auf Erden. / Unser tägliches Brot gib uns heute. / Und vergib uns unsere Schuld, / wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. / Und führe uns nicht in Versuchung, / sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich / und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.

In der Luther-Übersetzung ist der Text über die Zeiten sehr stabil geblieben. Die vom Papst kritisierte Passage lautete schon in den Luther-Bibeln des 19. Jahrhunderts fast genau so wie heute: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.

In der auf einfache, verständliche Sprache angelegten „Gute Nachricht Bibel“ (seit 1968) heißt es: Lass uns nicht in Gefahr kommen, dir untreu zu werden, sondern rette uns aus der Gewalt des Bösen.

In der „Bibel in gerechter Sprache“ (2006) steht: Führe uns nicht zum Verrat an dir, sondern löse uns aus dem Bösen.

In der Volxbibel (2012), die sich an Jugendliche richtet, lautet der Text: Pass auf uns auf, damit wir nicht irgendwelchen fiesen Gedanken nachgeben und dir auch so untreu werden

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