Mouhanad Khorchide im Interview

Islam-Lehrer: Man muss den Koran im historischen Kontext sehen

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Bildet Islam-Lehrer von morgen aus: Mouhanad Khorchide (45), Leiter des Zentrums für islamische Theologie in Münster. Jetzt war er in der Kasseler Kirchengemeinde Sankt Familia zu Gast.

Der Münsteraner Islam-Lehrer und Autor Mouhanad Khorchide will das zeitlos Gültige vom Vergänglichen im Koran trennen. Mit ihm sprach Tibor Pézsa.

Herr Khorchide, Sie lehren den Koran als Zeugnis der liebenden Hinwendung Gottes zu den Menschen, als Botschaft der Toleranz und Barmherzigkeit. Warum müssen Sie dann gelegentlich Polizeischutz bekommen? 

Mouhanad Khorchide: Der Koran wurde ja im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel verkündet. Wer ihn heute verstehen möchte, im 21. Jahrhundert, kann dies nur, wenn er den Koran in seinem historischen Kontext sieht. Fundamentalisten, die es übrigens im Islam und im Christentum gibt, sagen dagegen: Für das richtige Verständnis kommt es nicht auf den historischen Kontext an, sondern auf den Wortlaut der heiligen Texte. Die Logik der Fundamentalisten ist: Gott ist nicht von Kontexten abhängig. Sein Wort gilt ewig, wortwörtlich.

Da wird einem wohl schnell Gotteslästerung vorgeworfen? 

Khorchide: So ist es. Manche Fundamentalisten werten allein schon den Versuch, Gottes Wort im historischen Kontext seiner Offenbarung zu lesen, als Abtrünnigkeit, als todeswürdiges Verbrechen. Daher braucht dann einer wie ich schon mal Polizeischutz.

„Manche Fundamentalisten werten allein schon den Versuch, Gottes Wort im historischen Kontext seiner Offenbarung zu lesen, als Abtrünnigkeit, als todeswürdiges Verbrechen. Daher braucht dann einer wie ich schon mal Polizeischutz.“

Wenn der Koran im muslimischen Verständnis als Selbstoffenbarung Gottes gilt - wo ist dann noch Raum für eine Interpretation? 

Khorchide: Das hängt ganz davon ab, ob man die Offenbarung des Korans als Monolog Gottes ansieht oder als Dialogangebot Gottes mit uns Menschen, seinen Geschöpfen. Im Fall des Korans: Als Akt der Kommunikation Gottes mit der Gemeinde des siebten Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel.

Was wäre, wenn man den Koran als Monolog Gottes ansieht? 

Khorchide: Das wäre eine Rede Gottes mit sich selbst, eine Selbstrede in der Ewigkeit. Wenn man es so sieht, dann kann man den Koran nur wortwörtlich nehmen, so wie die Fundamentalisten es tun. Aber warum sollte Gott auf diese Weise nur mit sich selbst reden?

Sie fassen also den Koran als Dialog Gottes mit den Menschen auf? 

Khorchide: Ja, als Gottes Wort an die Menschen, als Kommunikation mit den Erstadressaten im siebten Jahrhundert, die mich aber heute einholen will. Wenn etwa in Sure 16 von Pferden, Eseln und Mauleseln als Transportmittel die Rede ist, dann verweist das ganz klar auf den historischen Kontext, nicht auf ein modernes großstädtisches Umfeld.

Was erklären Sie denn Ihren Studierenden, dass die vielen Stellen im Koran, wo Andersgläubige verächtlich gemacht werden oder mit dem Tode bedroht, nicht nur keine Wahrheit sind, sondern schlicht grundgesetzwidrig? 

Khorchide: Ich zeige ihnen zunächst, dass es über Andersgläubige sehr widersprüchliche Aussagen im Koran gibt. In der zweiten und in der fünften Sure zum Beispiel wird Nichtmuslimen wie Christen und Juden sogar das ewige Heil versprochen.

Haben wir es also anhand dieser Widersprüche mit einem Gott zu tun, der es mal so, mal so sieht? 

Khorchide: Nein, ich sage meinen Studierenden: Man kann diese Widersprüche nur aus den jeweiligen geschichtlichen Zusammenhängen verstehen, welche in den Texten kommentiert werden. Man kann den Koran nur verstehen, wenn man ihn als Akt der Kommunikation in einem bestimmten historischen Kontext interpretiert.

Der Koran also nur als ein Buch der Geschichte? 

Khorchide: Nicht nur. Ich versuche, den aktuellen, spirituellen, ethischen Gehalt des Korans neu zu entdecken und zu zeigen. Also gerade das, was nicht nur Geschichte ist, das, was mich heute noch von der göttlichen Stimme im Text berührt. Dann finde ich zum Beispiel Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als zentrale Ansagen im Koran.

In Deutschland darf die Türkisch-Islamische Union (Ditib) operieren, die als staatliche Anstalt der Türkei im Islam offenbar Politik und Religion als Einheit sieht und dies hierzulande offenbar auch so lehrt. Ditib-Vertreter sollen Spitzel-Anweisungen aus der Türkei bekommen haben. Auch haben sich Ditib-Leute christen- und judenfeindlich geäußert. Wie sehen Sie das und wie sehen Sie den politischen Islam? 

Khorchide: Grundsätzlich benötigen wir in Deutschland Repräsentanten für die Muslime, die unabhängig sind und die einen Islam vertreten, der für ein friedliches und konstruktives Zusammenleben in unserer pluralen Gesellschaft sorgt. Grundsätzlich gilt weiter: Der Islam darf sich nicht politisch instrumentalisieren lassen, der politische Islam tut dies aber leider. Ihm geht es um Macht. Muslime, die so vorgehen, höhlen ihren Glauben in Wirklichkeit aus, berauben ihn seiner Spiritualität und seiner ethischen Botschaft.

Die Intoleranz des politischen Islams beschädigt ein friedliches Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft. Und sie schadet allen Muslimen. Nur sie selbst können etwas dagegen tun, indem sie aufklären, dass es im Islam um Religion und Ethik geht, nicht um Macht.

Warum fällt die Trennung zwischen Politik und Religion im Islam so schwer? 

Khorchide: Das hat mit den Ursprüngen des Islam zu tun. Mohammed war eben nicht nur Verkünder der neuen Religion. Er war auch Oberhaupt der Gemeinde. In welcher Funktion ist welche seiner Äußerungen zu verstehen? Da gibt es von Anfang an verschiedene Lesarten.

Und welche davon überzeugt Sie? 

Khorchide: Mohammed hat selbst darauf hingewiesen, dass er mal als Verkünder spricht, mal als normaler Mensch. Wir müssen heute den spirituellen und ethischen Gehalt seiner Verkündigung in den Vordergrund stellen. Juristische Äußerungen im Koran, etwa zum Erbrecht oder zu Strafen, bedürfen ganz offensichtlich der historischen Verortung.

Wer ist denn für den schlechten Ruf des Islam verantwortlich? 

Khorchide: Einerseits muslimische Terroristen und Extremisten, aber auch jene Muslime, die die Ängste der Menschen ignorieren und die nach jedem islamistischen Terroranschlag sagen, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun. All dies befördert nur den falschen Eindruck, dass es innerhalb des Islams keine Selbstkritik gibt, kein Ringen um ein angemesseneres Selbstverständnis in der heutigen Welt.

Auch eine auf Spektakuläres fokussierte Berichterstattung fördert diese einseitige Wahrnehmung des Islams. Als ob es im Islam außer Krieg und Ehrenmorden nichts anderes gebe. Was hören Sie etwa aus dem bevölkerungsreichsten muslimisch geprägten Land der Welt, Indonesien? Sehen Sie: fast nichts in dieser Art.

Der Islam darf sich nicht politisch instrumentalisieren lassen, der politische Islam tut dies aber leider. Ihm geht es um Macht.

Machen Ihnen die Studierenden in Münster Hoffnung, dass sich Ihre Islam-Interpretation durchsetzt? 

Khorchide: Auf jeden Fall. Sie machen mir viel Hoffnung. Einige von ihnen sind mit einem einseitigen Islambild aufgewachsen und suchen nach einem anderen, einem spirituelleren Verständnis.

Sie werden als Religionslehrer wichtige Multiplikatoren sein. Aber ich bin auch Realist. Das Bild des Islams wird sich nicht von heute auf morgen verändern. Sowohl unter Muslimen wie auch unter Nicht-Muslimen werden wir noch mindestens ein, zwei Generationen brauchen für ein differenzierteres Islambild.

Zur Person:

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (45) wurde 1971 als Sohn palästinensischer Eltern in Beirut geboren. Aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte er Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien, wo er 2008 promovierte. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort seit 2011 Leiter des Zentrums für Islamische Theologie. Am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster leitet er das Projekt „Historisch kritischer Korankommentar“.

Khorchide machte sich einen Namen als Autor, der für einen modernen, aufgeklärten Islam eintritt. Hiermit stieß er auf Kritik von muslimischen Verbänden wie der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Mouhanad Khorchide hat ein 17 jähriges Kind.

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