Patient darf Hasch anbauen

Fragen und Antworten: Gericht erlaubt Cannabis-Zucht für Therapie bei MS

Sie brachte MS mehr ins öffentliche Bewusstsein: Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (55, SPD), leidet seit über 20 Jahren an Multipler Sklerose. Foto:  dpa

Berlin/Leipzig. Bis zu 200 000 Menschen in Deutschland leiden an Multipler Sklerose (MS). Ihre Situation schildert eine gestern in Berlin vorgestellte Studie des Instituts für Gesundheit und Sozialforschung (Iges).

Gleichzeitig erlaubte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einem 52-Jährigen, der seit 30 Jahren an MS leidet, für therapeutische Zwecke selbst Cannabis anzubauen. Fragen und Antworten:

Worum geht es bei dem Grundsatz-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts?

Ein an MS erkrankter Mann wollte die Erlaubnis, Cannabis zu Hause züchten zu dürfen. Nur damit ließen sich die Symptome seiner Krankheit lindern. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte lehnte dies ab. Weil der Anbau von Cannabis in Deutschland verboten ist, kämpfte der Patient für eine Ausnahmegenehmigung.

Wie begründet das Gericht seine Entscheidung?

Wenn keine andere Therapiemöglichkeit zur Verfügung stünde, müsse einem Patienten über den Eigenanbau der Zugang zu Cannabis ermöglicht werden. Es helfe dem 52-Jährigen, der an spastischen Lähmungen, Sprachstörungen und Depressionen leidet. Hanf aus der Apotheke könne er sich aus Kostengründen nicht leisten (Aktenzeichen: BVerwG 3 C 10.14). Es gibt in Deutschland mehr als 600 Patienten, die Cannabis als Medikament verwenden dürfen. Sie müssen es aber in der Apotheke kaufen. Die Kosten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nicht.

MS ist unheilbar. Wie äußert sich die Krankheit?

Die ersten Symptome dieser Erkrankung des zentralen Nervensystems sind harmlos. Ein Kribbeln im Bein zum Beispiel. Doch das Leiden kommt zumeist in Schüben. Schmerzen, Spastik, Störungen der Sexualität sowie der Darmfunktion und Depressionen sind häufige Krankheitsbilder. Manche Patienten haben Hör- oder Sehprobleme. Manche Patienten spüren wenig, andere sind auf den Rollstuhl angewiesen.

Gibt es Risikogruppen für diese Erkrankung?

Frauen erkranken rund drei Mal so häufig wie Männer, und das meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Ein prominentes Beispiel ist Malu Dreyer. Bei der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz wurde MS im Alter von 34 Jahren festgestellt. Als man ihr 1994 die Diagnose mitteilte, galt MS als nicht behandelbar. Heute lassen sich die Auswirkungen der Krankheit besser beherrschen. Betroffene leben aber im Schnitt sieben bis 14 Jahre kürzer als die Allgemeinbevölkerung.

Wie sieht die Therapie bei MS aus?

Entscheidend für den Krankheitsverlauf ist eine frühe Therapie. Patienten sollten rasch mit so genannten verlaufsmodifizierenden Medikamenten behandelt werden. Sie können die Schwere und Häufigkeit von weiteren Schüben verringern. Nach den Erkenntnissen des Iges-Instituts erhält nur gut jeder zweite Patient im Jahr seiner Erstdiagnose eine solche Therapie.

Gibt es genug Fachärzte in Deutschland?

In Hamburg kommen auf 100 000 Einwohner elf solcher Spezialisten. Im Land Brandenburg sind es mit 4,4 weniger als halb so viele. Wegen der gestiegenen Fallzahlen seien neue Bedarfsplanungen notwendig, sagt Uwe Meier vom Berufsverband der Neurologen.

Wie reagieren Patienten auf die Diagnose MS?

Dem Weißbuch zufolge nimmt nur gut jeder Dritte die verzögernden Medikamente über zwei Jahre ein. Als Abbruchgründe nennen sie Nebenwirkungen und eine vermutete Wirkungslosigkeit. Viele Betroffene versuchen außerdem, ihre Erkrankung so lange wie möglich zu verschweigen.

Weißbuch „Multiple Sklerose - Versorgungssituation in Deutschland“, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, ist ab Mai 2016 erhältlich. 

Hintergrund: Jeder 10. Jugendliche hat schon gekifft

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von zwölf bis 25 Jahren ist Cannabis nach wie vor die mit Abstand am meisten konsumierte illegale Substanz. Das geht aus einer aktuellen Studie der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), hervor.

Fast jeder zehnte zwischen zwölf und 17 Jahren hat demnach Cannabis probiert. Bei den 18- bis 25-Jährigen sind es 34,5 Prozent. Ecstasy und Amphetamine haben vier Prozent der jungen Erwachsenen probiert. Bei den „Legal Highs“ liegt die Quote bei 2,2 Prozent. 0,6 Prozent geben an, Crystal Meth probiert zu haben.

15,9 Prozent der männlichen und 12,5 Prozent der weiblichen Jugendlichen trinken sich mindestens einmal im Monat in einen Rausch, bei den 18- bis 25-Jährigen seien es bei Männern 44,6, bei Frauen 32,9 Prozent.

Cannabis als Arzneimittel

Die Geschichte: Nach heutigem Kenntnisstand wird die heilende Wirkung von Cannabis erstmals vor 4700 Jahren in einem chinesischen Buch über Kräuterkunde beschrieben. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde Cannabis in der Medizin als Arzneimittel eingesetzt, später aber durch künstlich hergestellte Wirkstoffe wie Aspirin ersetzt.

Die Substanz: Hauptverantwortlich für die Wirkung von Cannabis-Produkten ist Tetrahydrocannabinol (THC). Es wirkt beruhigend, stimulierend, es kann Halluzinationen erzeugen, Brechreiz lindern und den Puls beschleunigen. Ebenfalls in Hanf enthalten ist Cannabidiol (CBD). Es mindert die Wirkung von THC, wirkt ebenfalls schmerzlindernd, angstlösend, leicht beruhigend, Augeninnendruck senkend, antiepileptisch und antibiotisch. Ein weiterer Wirkstoff ist Cannabinol (CBN).

Die Therapie: Cannabis wirkt muskelentspannend und kann damit durch Spasmen verursachte Schmerzen bei MS oder Epilepsie ebenso dämpfen wie Missempfindungen, Zittern oder Koordinationsstörungen. In der Krebstherapie wird es gegen Schmerzen eingesetzt, um den Appetit anzuregen und Übelkeit zu dämpfen, gleiches bei Aids. THC mindert den Augeninnendruck und wird gegen Grünen Star (Glaukom) eingesetzt. Es soll auch bei Migräne, Depressionen, Rheuma, ADHS und Tourette-Syndrom helfen.

Die Medikamente: Dronabinol, Cannabisdiol, Sativex und Cannabisblüten. Bei Dronabinol erstatten die Krankenkassen in der Regel die Kosten nicht; Beispiel: 550 Milligramm kosten etwa 400 Euro, reicht etwa einen Monat. Cannabisdiol, Kostenbeispiel: 130 Euro für 750 mg, reicht zwei Tage bei alleiniger Anwendung. Sativex: zugelassen für MS-Therapie, wird den Patienten erstattet. Kostenbeispiel: 230 bis 340 Euro.

www.cannabis-med.org, www.alternative-drogenpolitik.de, www.bfarm.de

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