Zusatzangebote verwirren

Ärztliche Igel-Leistungen: Viele fühlen sich bei Extras überfordert

Privat bezahlte Vorsorge: Die Glaukom-Früherkennung ist die häufigste Igel-Leistung. Der Nutzen der Untersuchung ist allerdings umstritten. Foto:  dpa

Berlin. Jeder zweite Patient, der in Arztpraxen Selbstzahlerleistungen in Anspruch nimmt, fühlt sich bei der Entscheidung unter Zeitdruck. Jeder vierte Patient Und jeder zweite fühlte sich nicht über die Risiken einer Igel-Leistung informiert.

Das geht aus einer Umfrage zu den Individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) hervor, die der Verbaucherzentrale Bundesverband am Montag in Berlin vorstellte. An der Online-Umfrage beteiligten sich über 1700 Patienten.

Als Igel-Leistungen werden rund 350 Untersuchungen und Therapien bezeichnet, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen werden. Nach der Umfrage sind die häufigsten Igel die Glaukom-Früherkennung (Grüner Star), Ultraschalluntersuchungen, PSA-Wertbestimmungen (Prostata-Krebs-Früherkennung) und zahnärztliche Behandlungen. Laut Verbraucherschutz setzen Ärzte in Deutschland insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr mit Igel um.

Bei der Umfrage gab nicht einmal jeder fünfte Patient (17 Prozent) an, von sich aus nach Igel gefragt zu haben. 82 Prozent erklärten, vom Arzt oder dessen Mitarbeitern darauf angesprochen worden zu sein. Obwohl für Igel eine schriftliche Vereinbarung mit Kosten- und Leistungsübersicht vorgeschrieben ist, erhielten 44 Prozent sie nicht. Jeder fünfte Patient bekam keine Rechnung.

„Viele Ärzte nutzen das Vertrauen der Patienten aus, wenn sie vom Helfer zum Verkäufer werden“, sagte Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, am Montag. Er forderte die Bundesregierung auf, das Patientenrechtegesetz nachzubessern, damit Igel strengeren Regeln unterliegen. Mit dem Gesetz beschäftigt sich der Gesundheitsausschuss des Bundestags am 22. Oktober.

Unterschiedlich bewertet wird etwa die Glaukom-Früherkennung. Der Grüne Star ist laut Berufsverband der Augenärzte Deutschlands die zweithäufigste Ursache für Blindheit. „Wir können mit der Tatsache leben, dass die Kassen keinerlei Vorsorgeuntersuchungen im Bereich der Augenheilkunde bezahlen“, sagte Sprecher Dr. Georg Eckert auf Anfrage dieser Zeitung. „Die Patienten verstehen mittlerweile sehr gut, dass nicht mehr alles finanziert werden kann, auch wenn es sehr sinnvoll ist.“ Schlimmer sei, dass „schlecht informierte Kreise“ die Untersuchung in Zweifel zögen.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, warf den Verbraucherzentralen wissenschaftliche Ungenauigkeit vor. Sie sollten bei unzulässigem Verhalten „Ross und Reiter“ nennen.

Hintergrund: Der "Igel-Monitor"

Die Internetseite „Igel-Monitor“ informiert Patienten ausführlich über Igel-Leistungen und wie sie damit umgehen sollten. Die Seite wird seit gut zehn Monaten angeboten vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen. Aufsichtsbehörde ist das Bundesgesundheitsministerium.

Der Monitor beschreibt und beurteilt jede Igel-Leistung in zwei Versionen: allgemeinverständlich für Patienten und mit Studien belegt für Fachleute. So heißt es etwa bei der Lichtallergie gegen Winterdepression: „tendenziell positiv“, Nebenwirkungen „unbedenklich“. Die Glaukom-Früherkennung bewertet der Monitor als „tendenziell negativ“. Studien hätten gezeigt, dass die Augeninnendruckmessung ein Glaukom nicht zuverlässig diagnostizieren könne.

Der Igel-Monitor rät Patienten grundsätzlich, sich Zeit zu nehmen, um sich zu informieren: „Sie sollten bedenken, dass Igel bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht dringend sind.“ (coe)

www.igel-monitor.de

Von Tatjana Coerschulte

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