Journalist Uwe Vetterick fürchtet um den Ruf seiner Stadt

Pegida in Dresden: "Der Ton ist härter geworden, die Reden hetzerischer"

Sie kann sich nicht wehren: Die weltberühmte, nach ihrem Architekten Gottfried Semper benannte Oper in Dresden bildet immer wieder den Hintergrund für Pegida. Aber die Menschen in der Oper haben sich gewehrt (kleines Bild) Fotos: dpa

Montags ist Pegida-Demo in Dresden, auch heute wieder. Der Chefredakteur der Sächsischen Zeitung, Uwe Vetterick, will die Teilnehmer der Proteste nicht über einen Kamm scheren.

Aber dass Pegida der Kulturstadt an der Elbe schadet, steht für ihn fest:

Herr Vetterick, bei Dresden denkt man fast nur noch an Pegida und die inzwischen extremistischen Auswüchse. Ist Dresden sozusagen die Hauptstadt der Bewegung?

Uwe Vetterick: Es ist die Stadt, wo sie ihren Ausgang genommen hat – leider. Und wo sie heimisch zu werden droht. Außerhalb Dresdens, glaube ich, gibt es inzwischen keine nennenswerte Bewegung mehr.

Aber es kommen viele von außerhalb zu den Demos? 

Vetterick: Eben, darum. Pegida in Dresden ist zum Event in diesem gesellschaftlichen Milieu geworden mit Demotouristen, die das auch mal erleben wollen. Dabei ist Pegida durchaus heterogen. Es gibt Leute aus dem nationalkonservativen Milieu, die politisch sonst keine Heimat haben; es gibt Menschen, die Angst haben vor der Flüchtlingskrise; es gibt generell Frustrierte; und es gibt auch Neonazis. Letztere sind aber klar nicht die Mehrheit.

Die Fernsehbilder sind schon erschreckend. 

Vetterick: Das Fernsehen sucht die spektakulären Bilder. Die vielen eher unauffälligen Menschen, die da mitlaufen, rücken nur selten ins Bild.

Warum gehen die trotz Neonazis mit? Warum ist die Beschimpfung der „Lügenpresse“ schon Allgemeingut? 

Vetterick: Die Gegnerschaft der Medien ist ein wichtiges verbindendes Element bei Pegida. Wobei da zwischen den Medien nicht differenziert wird. Ich selbst stelle fest, dass die Draufsicht auf Pegida je simpler ist, je weiter die Medien weg sind von Dresden. Hat früher niemand gemerkt, ist aber heute im Netz leicht zu verfolgen. Auch für die Pegida-Leute und Mitläufer.

Im Netz verlieren viele Leute jegliche Hemmungen, wenn es gegen Flüchtlinge geht. Nazi-Methoden sind nicht mehr tabu, sondern werden offen gepostet. Man traut sich plötzlich wieder. Beängstigt Sie das?

Vetterick: Die Kommentare im Netz waren schon immer grenzwertig. Die Anonymität des Internets befeuert diese unsägliche Form der Auseinandersetzung. Früher spielte sich das am Stammtisch ab, es ist also nicht ganz neu. Aber das macht es auch nicht besser.

Dass die Bewegung sich insgesamt radikalisiert hat, ist aber auch richtig? 

Vetterick: Auf jeden Fall. Der Ton ist härter geworden, die Reden hetzerischer und die Aggressivität hat spürbar zugenommen, sowohl verbal als auch tätlich. Und zwar gegenüber Journalisten, Gegendemonstranten, Politikern und auch gegenüber der Polizei. Andererseits sind bei der Hetzrede von Akif Pirinçci am vergangenen Montag massenweise Leute weggegangen. Ob sie alle empört waren, ist die Frage. Manchen war es schlicht zu nervtötend, sich diese Tiraden anzuhören.

Reagieren die Behörden zu lasch angesichts der zunehmenden Aggressivität? 

Vetterick: Wenn es sich nicht um eindeutige Straftaten handelt, ist die Polizei gut beraten, sich zurückzuhalten. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Ich meine, das Problem ist eher der Totalausfall des Dresdner Bildungsbürgertums, das faktisch nicht sichtbar wird auf der Straße. Das ist in anderen Städten anders.

Und woher kommt das? 

Vetterick: Man bleibt in seinen Häusern am Elbhang und steigt nicht runter in die Straßen der Stadt, um Gesicht zu zeigen. Vielleicht liegt dies daran, dass Dresden als Residenzstadt keine widerständige, bürgerschaftliche Tradition entwickelt hat. Man sitzt daheim, denkt, „das ist nicht mein Dresden“, und hofft, es geht vorbei. Widerstand gegen Pegida kommt eher von den Zugezogenen.

Ist die Zivilgesellschaft in den neuen Bundesländern generell weniger ausgeprägt? 

Vetterick: Das denke ich nicht. Man muss nur nach Leipzig schauen, dort gab es von Anfang an Widerstand in der Bürgerschaft gegen Legida. Was wir erleben, ist ein Dresdner Phänomen. Zu dem auch gehört, dass es nirgends sonst einen so charismatischen, schlau-verschlagenen Anführer gibt wie Lutz Bachmann.

Schaden Bachmann und Pegida der Stadt? 

Vetterick: Natürlich. Die TU Dresden sagt, dass sie inzwischen Schwierigkeiten hat, ausländische Forscher zu gewinnen. Auch der Tourismus geht zurück. Pegida hat ganz klar negative Effekte. Und es gibt auch viele Dresdener, die sich deshalb Sorgen machen. Denn wahr ist auch, dass Dresden 530.000 Einwohner hat, das heißt über 500.000 gehen nicht zu den Demos. Dresden ist nicht Pegida. Dresden ist eine lebens- und liebenswerte Stadt. Jedenfalls an 6,75 von 7 Tagen in der Woche. Den Montagabend muss man halt aushalten.

Uwe Vetterick (46) ist seit 2007 Chefredakteur der Sächsischen Zeitung. Der gebürtige Greifswalder hatte zuvor unter anderem bei der Bild-Zeitung gearbeitet, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Vor dem Job in Dresden gehörte er der Chefredaktion des Züricher „Tages-Anzeigers“ an. Vetterick, verheiratet und Vater eines Kindes, lebt in Radebeul.

Lesen Sie auch:

- Pegida bald unter Verfassungsschutz-Beobachtung?

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.