Billiger als künstliche Produkte

Kragen aus Hundefell: Kunstpelze in Wahrheit oft echte Tierhaare aus China

Echtes Fell oder nicht: Mützen und Kragen an Jacken und Mänteln bestehen oft nicht aus künstlichen Produkten, sondern echten Tierhaaren aus China. Diese sind in der Produktion billiger. Foto: dpa
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Echtes Fell oder nicht? Mützen und Kragen an Jacken und Mänteln bestehen oft nicht aus künstlichen Produkten, sondern echten Tierhaaren aus China. Diese sind in der Produktion billiger.

Für die einen ist es ein Statussymbol und zur Schau getragener Luxus, für die anderen ein blutbeflecktes Zeichen von Tierquälerei. Das Tragen von Pelzen nimmt wieder zu.

Dabei geht es weniger um ganze Mäntel oder Jacken, sondern vor allem um Kragen und Mützen. Das Pikante an der Sache: Viele Menschen tragen Kleidung mit Pelzbesatz, ohne es zu wissen. Die Deklarierung ist oft mangelhaft.

Das geht unter anderem aus einem Report hervor, den die „Fur Free Alliance“ (Anti-Pelz-Allianz - eine internationale Kooperation von 40 Tierschutzorganisationen) im Europaparlament vorgestellt hat. Danach sind in Deutschland 51 Prozent der Pelzwaren nicht korrekt ausgezeichnet, in Großbritannien sind es sogar 93 Prozent.

Auch im unteren Segment

Pelzprodukte sind entgegen landläufiger Meinung häufig preiswerter als Kunstfell und werden auch im unteren Preissegment verwendet. Henriette Mackensen, Fachreferentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund erklärt: „Gerade bei billigen Kleidungsstücken vermuten Käufer fälschlicherweise, dass es sich nicht um echten Pelz handelt“. Dabei gebe es schon für zehn Euro Produkte mit echtem Fell. Sie fordert deshalb klarere Kennzeichnungsregeln. Für den Verbraucher müsse erkennbar sein, um welche Tierart es sich handele, woher sie stamme, wie sie gehalten und getötet wurde. Mackensen: „Allein diese Informationen würden viele Verbraucher vom Kauf abschrecken.“

Ähnlich äußerte sich Denise Schmidt von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“. Sie verwies auf Umfragen, nach denen 86 Prozent der Verbraucher Echtpelze ablehnten. Sie seien auf eine klare Kennzeichnung der Ware angewiesen. „Wenn eine Mütze als 100 Prozent Acryl etikettiert ist, obwohl die Bommel aus Echtpelz besteht, ist das Verbrauchertäuschung“, so Schmidt.

Hinweis keine Vorschrift

Die EU-Textilkennzeichnungsverordnung (1007/2011) schreibt keinen eindeutigen Hinweis auf Echtpelz vor. Sie verlangt lediglich, dass Pelze, Leder, Federn und Daunen den Wortlaut „enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs“ auf den Etiketten tragen müssen. Handtaschen, Schuhe und Schlüsselbundzubehör mit echtem Tierfell müssen überhaupt nicht gekennzeichnet werden.

Das Fell kommt nach Angaben des Tierschutzbundes häufig vom Marderhund aus China (siehe Artikel unten). Es ist billiger in der Herstellung als künstliches. China ist der weltweit größte Pelzhersteller, die Hälfte aller Pelzprodukte weltweit kommt von dort. Während es in Deutschland und in der EU Tierschutzgesetze zur Haltung und Zucht gibt, sind solche Bestimmungen in China unbekannt.

Die europäische Pelzindustrie will sich aus Imagegründen von der chinensischen unterscheiden und hat deshalb bereits 2007 das Siegel „Origin Assured“ (gesicherte Herkunft) geschaffen. Es soll dem Kunden garantieren, dass der Pelz aus einem Land kommt, in dem nationale Verordnungen oder Standards bei der Produktion eingehalten werden.

Allerdings gibt es nach Recherchen des Norddeutschen Rundfunks kein unabhängiges Kontrollsystem. Das Label prüfe weder, ob sich Pelzfarmen an Tierschutzbedingungen halten noch setze es sich für verbesserte Richtlinien zum Tierschutz ein.

So erkennt man echte Pelze

Echte Pelze und Kunstpelze sehen sich oft täuschend ähnlich. Der Deutsche Tierschutzbund gibt Tipps, wie sich die Unterschiede erkennen lassen.

  • Das Fell anpusten: Echte Haare bewegen sich im Luftzug leichter, Kunsthaare sind starrer. Echtes Fell glänzt meist stärker als künstliches.
  • Das Fell auseinanderklappen: Ist im Untergrund Leder erkennbar, handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen echten Pelz. Eine gewobene Textilstruktur deutet hingegen auf ein Kunstprodukt. Das Problem bei diesem Test: Teils werden echte Haare und künstliches Textilgewebe gemixt und dann miteinander vernäht.
  • Die Feuerprobe: Dieser Test ist nur bei Produkten möglich, die man bereits gekauft hat. Dann kann man ein paar Haare abzupfen, anzünden und daran riechen. Entsteht ein Geruch nach verbranntem Horn und zerfällt das Haar zu Asche, ist es echt. Kunsthaar riecht chemisch nach verbranntem Plastik, es bleibt ein kleiner Klumpen zurück.
  • Laboruntersuchung: Letztendliche Klarheit bringt eine Untersuchung im Labor, die für Laien nicht machbar ist.
  • Positive Labels: Der Bundesverband Verbraucher Initiative in Berlin empfiehlt für Textilien, die unter fairen und umweltfreundlichen Bedingungen hergestellt wurden, Labels wie GOTS, Naturtextil IVN zertifiziert Best sowie das Fairtrade-Zeichen.

China tötet pro Jahr 70 Millionen Tiere

Allein in China werden Jahr für Jahr geschätzt 70 Millionen Tiere wegen ihres Fells getötet. Die Pelze kommen aus dem Norden des Landes, wo auf Tausenden von Farmen Marderhunde und andere Tiere gezüchtet werden, um sie für ihr Fell zu töten. Das Wort Hund taucht in Produktbeschreibungen in Deutschland nicht auf, Hundeliebhaber sollen nicht vergrault werden. Viele Produzenten machen stattdessen aus dem im englischen „raccoon dog“ genannten Tier kurzerhand einen „Raccoon“ – übersetzt Waschbär. Diese wiederum sind in Deutschland eher verpönt. Allerdings hat der Waschbär mit dem Marderhund außer der ähnlichen Kopfform wenig gemeinsam.

In Freiheit possierlich, für die Fellproduktion gequält. Der Marderhund

Nach einer Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks, der sich auf einer der Farmen in China umgesehen hat, leben die Marderhunde in kleinen Käfigen. Dort haben sie keinen festen Boden unter den Pfoten, sondern nur den Draht der Käfige.

Die Gewinnrechnung mutet zynisch an: Diejenigen, die den Tieren das Fell teils bei lebendigem Leib über die Ohren ziehen, sollen gerade mal umgerechnet 70 Cent pro Marderhund erhalten. Damit sich die Arbeit lohnt, arbeiten die Männer möglichst schnell. Deshalb wird offenbar nicht darauf geachtet, ob die Tiere wirklich tot sind, wenn sie gehäutet werden. Für 70 Euro kann ein Händler ein Fell auf dem Markt verkaufen. Vier bis fünf Euro bekommt ein Fabrikant für eine Mützenbommel, elf bis dreizehn Euro für einen Fellkragen. Zwischen 40 und 70 Euro kostet eine Stickmütze mit echter Pelzbommel dann hier in Deutschland.

Grauenhafte Methoden gibt es nach Informationen des Nachrichtenportals Spiegel online auch in Finnland. Dort sollen Füchse in engen Käfigen gehalten und so gemästet werden, dass sie sich kaum noch bewegen können. In der Natur wiegen sie 3,5 Kilogramm, in der Zucht 20 Kilogramm.

Andere Wege geht Norwegen. Dort hat die Regierung angekündigt, bis zum Jahr 2025 alle Pelztierfarmen zu schließen. Tierschützer feiern das als Erfolg, der Züchterverband spricht von einem „großen Schritt in die falsche Richtung“. Den Tieren gehe es in Norwegen viel besser als in anderen Ländern. In Deutschland gibt es nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums noch zwei Nerzfarmen.

Zahlen und Fakten

  • Die Pelzhändler in Deutschland machen nach Angaben von Susanne Kolb-Wachtel, Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts, einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro. Außen vor seien dabei Importe, die über Agenturen in China gelaufen seien. Wirtschaftsprüfer nennen ein Marktvolumen von 3,5 Milliarden Euro.
  • Der Lobbyverband Deutsches Pelz Institut sieht ein signifikantes Wachstum der Branche, die weltweite Pelzzucht werde ausgeweitet. China produziert pro Jahr 35 Millionen Nerz-Felle, weitere 1,9 Millionen kommen aus Russland. USA und Kanada zusammen züchteten 7,5 Millionen Nerz-Felle im Wert von 325 Millionen Euro.
  • Die Discounter Aldi Nord und Aldi Süd sowie Galeria Kaufhof schlossen sich nach Angaben von FashionUnited im März 2015 einer Kampagne der Tierschutzorgansisation Vier Pfoten an und erklärten sich bereit, auf jegliche Produkte, die Pelz enthalten, zu verzichten.
  • Der Deutsche Tierschutzbund hat eine Liste von Läden, Firmen und Ketten zusammengestellt, die offiziell keine Pelze mehr anbieten, unter anderem C&A, Deichmann, Hugo Boss, Asos, Armani, Calvin Klein, H&M, Peek & Cloppenburg, S. Oliver, Jack Wolfskin und Zara. Der Tierschutzbund weist darauf hin, dass Nebenprodukte der Fleischgewinnung davon ausgenommen sein können. Eine Liste der pelzfreien Warenhäuser gibt es hier. In Kassel schließt Ende April das letzte Pelzgeschäft.

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