Sven Sommer, Göttinger Polizist, half beim Aufbau einer afghanischen Polizei

Permanente Anspannung

Polizeiausbildung in Afghanistan: Ein deutscher Polizist berät einen afghanischen Ausbilder bei der Schulung von afghanischen Polizisten in einem Trainingslager in Masar-i-Scharif. Foto: dpa

Göttingen. Ein Jahr war der Göttinger Polizist Sven Sommer freiwillig in Masar-i-Scharif in Afghanistan, um dort eine afghanische Polizei mit aufzubauen. „Die größten Probleme waren die klimatischen Bedingungen“, erinnert sich der 42-Jährige an seinen Einsatz.

Bei 50 Grad und voller Polizeiausrüstung sei es normal gewesen, zehn Liter Wasser am Tag zu trinken. Auch über kulturelle Unterschiede wunderte sich der Göttinger am Anfang. „Man muss sich erst daran gewöhnen, dass man zunächst über Familie und Wetter spricht, bevor man zum Dienstlichen kommt“, schmunzelt er. Die unterschiedliche Mentalität sei für beide Seiten eine Herausforderung gewesen.

In Bosnien und im Kosovo

Sommer, der sich bereits in Bosnien und im Kosovo engagiert hatte, wurde in der Fremde freundlich aufgenommen: „Man hält dort sehr große Stücke auf die Deutschen und auf unsere Arbeit.“ Ziel ist es, eine rechtsstaatliche Polizei aus afghanischen Bürgern aufzubauen.

Zurzeit befinden sich 25 niedersächsische Beamte in Afghanistan, um die angehenden Polizisten zu schulen. Das Konzept sieht acht Wochen Training für die niedrigen Hierarchiestufen, umfassendere Ausbildungskonzepte für die Leitungspositionen vor.

Doch die Ausbildung der Afghanen stellt die deutschen Polizisten auch vor Probleme: „Der Hintergrund der Leute, die in die afghanische Polizei einsteigen, ist geprägt durch mangelnde Schulbildung und das Kriegsszenario, das man seit gut dreißig Jahren dort hat“, erklärt Sommer.

Daher sei auch die Vorbereitung der deutschen Mitarbeiter wichtig: mindestens acht Dienstjahre müsse ein Interessent vorweisen, wenn er in eine Auslandsmission möchte. Körperliche Fitness, Englischkenntnisse und Einweisungskurse sind die Voraussetzungen, um als deutscher Polizist ins Ausland zu gehen.

Bei der Arbeit in Afghanistan gehe es um ganz andere Dinge als bei einer Streifenfahrt in Göttingen. „Wir sind zwar nie in eine Schießerei gekommen, trotz allem ist aber eine permanente Anspannung da“, beschreibt Sommer die Atmosphäre. Die Unterbringung erfolgte in einem besonders gesicherten Gebäude, die Bundeswehr begleitete die Polizisten bei Fahrten in die Umgebung.

Dort bekam Sommer einen Eindruck von der afghanischen Realität: Die medizinische Versorgung sei nur im Ansatz vorhanden, in den überfüllten Schulen mangele es an Heften und Stiften, berichtet er. Zudem gebe es noch immer viele afghanische Kollegen, die bei der Arbeit getötet werden. Dennoch ist Sommer optimistisch, dass in Afghanistan eine rechtsstaatliche Struktur aufgebaut werden kann und hält die Mission für den richtigen Weg: „Ein Staatssystem kann sich nur wirklich demokratisch etablieren, wenn eine funktionierende Polizei da ist, der man vertrauen kann.“ Dazu gehört auch der Bau solider Standorte. „Die Gesichter der afghanischen Kollegen zu sehen, als sie ihre Wache wieder bekommen haben, das war ein schönes Erlebnis“, freut sich Sommer über den Erfolg.

Dennoch hat sich der junge Göttinger entschieden, aus privaten Gründen zunächst in der Heimat zu bleiben.

Andrea Tiedemann

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.