Blutigen Religionskonflikte in Afrika

Peter Scholl-Latour zu blutigen Religionskonflikten: „Stehen vor heilloser Situation“

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Peter Scholl-Latour

In Afrika ist der Terror auf dem Vormarsch. Der EU-Ministerrat hat einen Militäreinsatz in der Zentralafrikanischen Republik beschlossen. Übergriffe auf Christen in Nigeria häufen sich. Frankreich stimmte am Dienstag über eine Verlängerung seines Einsatzes ab. Darüber sprachen wir mit Peter Scholl-Latour.

Lange Zeit hat man für blutige Konflikte in Afrika die Machtkämpfe unterschiedlicher Stämme, also die Abstammung und nicht die politische Gesinnungen, verantwortlich gemacht. Seit einigen Jahren gibt es Konflikte zwischen Islamisten und Christen, zuletzt in Nigeria. Wie brisant ist die Situation dort?

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Peter Scholl-Latour: Nigeria war von Anfang an eine Fehlkonstruktion. Denn der reiche, christlich-animistische (naturreligiöse) Süden war verbunden mit den streng muslimisch ausgerichteten Sultanaten und Emiraten im Norden. Aber es ist ein neues Element hinzugekommen: eine Radikalisierung. Jetzt hat sich eine Bewegung namens Boko Haram herausgebildet, die man mit den Taliban in Afghanistan vergleichen kann.

Wenn man auch den blutigen Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik mit einbezieht: Droht ein Religionskrieg? 

Scholl-Latour: Der ist teilweise schon im Gange. Was beispielsweise in der Zentralafrikanischen Republik beunruhigt: Die Stammesunterschiede, die immer noch existieren, werden immer mehr durch religiöse Konflikte verdrängt. Und das geht nicht nur zwischen Christen und Muslimen, sondern auch innerhalb des Islam ist schon eine Spaltung im Gang. Denn auch in der muslimischen Gesellschaft gibt es viele Gruppen, die sich heftig bekämpfen.

Halten Sie es für richtig, dass der EU-Ministerrat einen Militäreinsatz in der Zentralafrikanischen Republik beschlossen hat? 

Scholl-Latour: Ich muss ehrlich sagen: Im Falle von Zentralafrika wüsste ich auch keinen guten Rat. Da ist ein Krieg von extremer Grausamkeit zwischen Christen und Muslimen entbrannt. Wobei die Christen die Mehrheit der Bevölkerung bilden, die unterdrückt und teilweise massakriert wurde. Diese Masse hat sich erhoben und eine Gegenregierung gebildet. Die französischen Truppen stehen dort ziemlich hilflos da. Denn die Verflechtung von Stammeskriegen und religiöser Feindschaft ist schwer zu überwinden. Die ganze Region ist dort in Aufruhr. Im Südsudan ist ja auch ein Bürgerkrieg im Gange, der aber gar nicht religiös motiviert, sondern ein Stammeskrieg ist. Wie man solche seit Jahrhundert vorherrschenden Konflikte überwinden kann, ist schwer zu sehen.

Könnte es einen Dominoeffekt geben, sodass europäische Soldaten noch mehr die Brennpunkte befrieden müssten? 

Scholl-Latour: Die wirkliche Gefahr ist, dass diese Region Teil eines Terror-Korridors wird, der sich von Zentralafrika und Mali bis nach Libyen ans Mittelmeer erstreckt. Die Muslime, die im Moment von der Mehrheit der Christen bedrängt werden, erhalten Unterstützung von islamischen Staaten, Tschad und Niger. Insofern weitet sich das aus. Die wirkliche Gefahr besteht darin, überhaupt europäische Truppen in diesen Regionen einzusetzen. In Mali ist es vorübergehend gut gegangen. Das haben die Franzosen sehr gut gelöst. Das Normale wäre aber, dass diese Konflikte von der Afrikanischen Union mit ihren Kontingenten befriedet werden. Nur sind diese Truppen in keiner Weise kriegstauglich. Und sie verhalten sich teilweise gegenüber der Bevölkerung wie die Bürgerkriegsparteien.

Was ist Ihre Befürchtung? 

Scholl-Latour: Man muss damit rechnen, dass eines Tages in Algerien Unruhen losgehen können. Dann haben wir eine Situation, die unübersichtlich wird. Wir sehen ja auch, dass das Militärregime in Ägypten nicht so stabil ist, wie es General Abdel Fattah Sisi erhofft hatte.

Also was ist zu tun? 

Scholl-Latour: Man müsste da eine Lösung finden: Nicht mit großen Truppen, sondern schlagartig eingreifen. Nur sind die Voraussetzungen dafür nicht gegeben. Und die Amerikaner sind es nach den ganzen Querelen im Nahen und Mittleren Osten restlos leid und würden am liebsten „leading from behind“ (Führen aus dem Hintergrund) praktizieren - wie sie es ja schon in Libyen gemacht haben. Wir sind also in einer sehr vertrackten Situation.

Was wäre denn der beste Weg, um in Zentralafrika und Nigeria die Lunte vom Pulverfass zu bekommen? 

Scholl Latour: Es gibt keinen. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner dafür eine Lösung haben und die Franzosen auch nicht. Sie müssen bedenken, dass es zum Beispiel in Libyen 100 militärische Gruppierungen gibt, die durch tiefe Stammesfeindschaft und teilweise durch unterschiedliche religiöse Auslegungen voneinander getrennt sind. Wir stehen vor einer heillosen Situation. Man ist sich dessen nur noch nicht bewusst. Was man diesen Ländern wünschen könnte, wäre ein aufgeklärter und wohlwollender Despot. Na, aber suchen Sie mal... Herr Sisi in Ägypten scheint es nicht zu sein.

Von Ullrich Riedler

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