Interview mit Berliner Fraktionschef

Pirat Lauer: „Unser Motto ist eine Lebenslüge“

Christopher Lauer.

Die Piratenpartei befindet sich mit fünf Prozent auf Bundesebene im Umfragen-Sinkflug: Unstimmigkeiten und Rücktritte wie von Vorstandsmitglied Julia Schramm sorgen für Unruhe. Wir sprachen mit dem Berliner Piratenchef Christopher Lauer (28). Er gilt als heimlicher Chef der Bundespartei.

Kürzlich erhielten Sie den Preis „Troll des Jahres“ und wurden dabei für Ihre Provokationen gelobt. Warum provozieren Sie so gerne? Christopher Lauer: Ich bin einfach geradeaus. Wir sind ins Parlament gegangen, weil wir mit den Abläufen nicht zufrieden sind. Ein Beispiel: Wenn mir Kurt Beck in einer Talkshow erklärt, warum die Schleckerpleite eine Tragödie ist, ich Nachfragen stelle und er ausrastet, zeigt mir das, dass Politik häufig die Dinge nicht erklären kann.

Ist Provokation ein Instrument oder Teil Ihrer Person?

Lauer: In der Öffentlichkeit muss ich überlegen, was ich tue. Und da provoziere ich natürlich. Das ist mit meiner Persönlichkeit auch vereinbar. Mir ist klar, dass ich eine Rolle in der Partei einnehme. Ich kann mich eben in Talkshows als Experte darstellen, der auf alles eine Antwort hat oder kann sagen: „Nein Leute, so geht das nicht“.

Das Motto der Piraten lautet „Themen statt Köpfe“. Ist das nicht naiv?

Lauer: Das Motto halte ich für eine Lebenslüge der Piratenpartei. Es wurde entwickelt, als viele Menschen der Partei beitraten und man nicht wusste, wie eine Hierarchie aussehen könnte.

Sie gelten als geheimer Chef der Partei. Warum hat es nicht für die Parteispitze gereicht?

Lauer: Das wird mir immer zugeschrieben. Warum das nicht für die Spitze gereicht hat, ist egal. Die Frage ist, inwieweit repräsentiere ich die Gesamtpartei. Johannes Ponader bedient viel mehr die Bedürfnisse der Partei. Dass ich nicht gewählt wurde, sagt natürlich auch was über die Partei aus. Inzwischen finde ich das aber nicht mehr wild. Ich bin Realpolitiker und mache Dinge, die umsetzbar sind.

Was sagt das über die Partei aus? Sind die Ideen der Piraten illusorisch?

Lauer: Nichts, es sagt über die Partei nur aus, dass sie sich jemand anderen zum Bundesvorsitzenden wünscht.

Und zur zweiten Frage: Die Ideen sind nicht illusorisch. Ich bin auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Entkriminalisierung von Drogen. Realpolitiker ist ein Stil. Ein Beispiel ist da unser Entwurf des Urheberrechts.

Für den Sie von der Piratenbasis Kritik einstecken mussten, weil Sie ihn nicht zur Diskussion gestellt haben.

Lauer: Ich habe den Entwurf in das „Liquidfeedback“ (Forum) eingestellt und gleichzeitig direkt an die Presse weitergegeben. Das hat etwas mit Medienmechanismen zu tun.

Wie wollen Sie das Umfragentief überwinden?

Lauer: Wir wären mit unseren fünf Prozent ja noch im Bundestag. Die Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen sind da. Die Hartz- Reformen haben einen menschenunwürdigen Apparat installiert. Wenn man einen Antrag ausfüllt, muss man sich nackig machen. Das ist angesichts unserer Transparenz-Debatte ein schlechter Witz, wenn SPD und CDU bei ihren Nebeneinkünften auf ihre Privatsphäre bestehen.

Zur Person Christoph Lauer

Er wuchs in Bonn auf. Nach Abbruch des Physik-Studiums zog er nach Berlin. Er studierte an der TU Berlin Kultur und Technik. 2009 trat er den Piraten bei. Seit Juni 2012 ist er Fraktionsvorsitzender der Piraten in Berlin.

Von Max Holscher

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