Fälle sind keine Ausnahmen

Gewalt gegen Polizisten, Pöbeleien auf dem Amt, Drohungen gegen Lehrer

Hemmschwelle herabgesetzt: Teilnehmer der Gruppe „Hooligans gegen Salafisten“ zeigen Polizisten und Journalisten bei einer Kundgebung in Köln im Oktober 2015 die Mittelfinger. Foto:  dpa

Berlin. Polizisten und Behördenmitarbeiter müssen sich zunehmend mit verbalen Aggressionen und Gewalt auseinandersetzen.

Es sind die drastischen Taten, die Schlagzeilen machen: 2012 ersticht in Neuss ein Arbeitsloser seinen Sachbearbeiter im Jobcenter; 2014 wird ein Finanzbeamter in Rendsburg von einem Steuerberater erschossen. Und 2015 tötet ein Bauer im Havelland einen Mitarbeiter des Veterinäramtes. Krasse Einzelfälle, aber auch Ausdruck einer Tendenz. Jeder Beschäftigte des öffentlichen Dienstes hat laut aktuellen Studien schon Beleidigungen oder aggressive Attacken erlebt. „Da ist etwas eingerissen in den letzten Jahren“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gestern bei einer Fachkonferenz in Berlin.

Lesen Sie auch

Kommentar zu Angriffen auf Polizisten: Frustrationen aushalten

De Maizière listete auf: Die Gewalt gegen Polizisten nehme zu, Mitarbeiter in Ämtern seien immer häufiger mit Pöbeleien konfrontiert, selbst Lehrer müssten sich mit Drohgebärden von Eltern auseinandersetzen. Zudem verstärke das Internet die Entwicklung. „In sozialen Netzwerken explodiert mittlerweile der Hass“, so der Minister. „Verrohte Sprache ist Gift.“

Nach Angaben des Bielefelder Gewaltforschers Andreas Zick ist die Zahl der jährlichen Angriffe auf Polizisten inzwischen auf über 60 000 angestiegen, auch Rettungskräfte blieben nicht verschont. 80 Prozent der Zugbegleiter hätten bei einer Umfrage angegeben, sie hätten Angst vor der Nachtschicht. Zick analysierte, dass es Situationen geben könne, die Aggressionen förderten - die Kürzung von Sozialleistungen durch Ämter, das Abschleppen eines Fahrzeuges oder Bußgelder gehörten dazu. Damit umgehen zu lernen, gefährliche Situation zu erkennen und zu entschärfen, darauf müssten die Beschäftigen im öffentlichen Dienst besser vorbereitet werden.

Der Vorsitzende des Beamtenbundes, Klaus Duderstädt, erinnerte daran, dass es bei vielen Bürgern inzwischen eine Art „Abholmentalität“ gebe, ein Anspruchsdenken. Erfülle es sich nicht, führe dies zu Frust. Die unzureichende Personalausstattung in vielen Behörden und der erhöhte Stress der Mitarbeiter könne die Gefahr von Aggressionen steigern.

Eltern sollen Vorbild sein

Doch was tun? De Maizière forderte eine gesellschaftliche Debatte über Respekt, „eine Rückbesinnung auf ethische Grenzen und moralische Tabus“. Zugleich appellierte er an Eltern, ihren Kindern mehr Vorbild zu sein in einem vernünftigen Sozialverhalten. Negative Entscheidungen von Ämtern müssten wieder mehr akzeptiert werden. Außerdem plädierte der Minister für Schutzmaßnahmen wie Notruftasten in Behörden. Auch müsse geprüft werden, inwieweit Ämter anders gestaltet werden könnten, „damit sie Aggression nicht fördern“.

Geht es um Konsequenzen für die Täter, würden Vorgesetzte oft sagen, Anzeigen seien unnütz, weil die Justiz nicht durchgreife. Dem widersprach de Maizière: Wer nicht anzeige, müsse sich nicht wundern, wenn die Justiz nicht handle. Er kündigte an: „Härtere Strafen helfen. Wir reden in der Innenministerkonferenz darüber.“ Eine Reform des Strafrechts, um Polizisten und Rettungskräfte beser zu schützen, mahnte gestern auch Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) an.

Von Hagen Strauß

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.