Kommentar zu Griechenland: Schäuble kennt seine Karten

V.l.: Die BMS-Redakteure Hagen Strauss, Werner Kolhoff und Stefan Vetter am 03.03.2011.

Die griechischen Verhandler prallen auf einen Mann mit 42 Jahren Politikerfahrung und einem klaren Kompass: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Eine Einschätzung von unserem Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff.

Als Wolfgang Schäuble 1972 zum ersten Mal in den Bundestag einzog, war Alexis Tsipras noch nicht geboren und Yanis Varoufakis elf Jahre alt. Die beiden griechischen Verhandler sind mit großer Chuzpe in ihre Mission gestartet, weitere Kredithilfen zu bekommen und gleichzeitig den Reformdruck von ihrer Bevölkerung zu nehmen - und beim deutschen Finanzminister aufgelaufen. „Kein substanzieller Lösungsvorschlag“, sagte Schäuble am Donnerstag zur Athener Bitte auf eine Verlängerung der Hilfen. Knallhart und kühl kalkuliert.

Kanzleramtsminister, Fraktionsvorsitzender, CDU-Chef, Innenminister, Finanzminister - Schäuble hat schon so ziemlich alle denkbaren Krisen, Händel, Intrigen und Verhandlungen mitgemacht. Der 72jährige weiß, dass die Karten ziemlich schlecht sind für die Griechen. „Am 28. Februar, 24.00 Uhr, is over“, sagte er schon am Dienstag. Athen geht das Geld aus, Tsipras und Varoufakis müssen sich bewegen. Das ließ sich natürlich nur so locker formulieren, weil die Angst vor einem Austritt Griechenlands aus dem Euro bei Schäuble mittlerweile gleich Null ist - jedenfalls tut er so.

Freilich war das harte Nein auch nur eine Verhandlungsposition. Schäuble fuhr am Freitag zum dritten Krisentreffen binnen zwei Wochen nach Brüssel mit der klaren Absicht, einer Programmverlängerung für Griechenland zuzustimmen - wenn Athen gleichzeitig einer Verlängerung seiner Reformpflichten zustimmt. Tsipras, dem die eigenen Wahlversprechen im Nacken sitzen, versuchte kurz vor dem Poker noch per Telefon, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf seine Seite zu ziehen, prallte jedoch ab. „In der Substanz nicht ausreichend“, erklärte Merkels Sprecherin danach - absichtlich wortgleich. Auch das hatte Schäuble gewusst. Kanzlerin und Kassenwart sind „ziemlich beste Freunde“, und das nicht erst, seit sie einmal zusammen ins Kino gegangen sind, um den gleichnamigen Film zu sehen.

Warum verhält sich Schäuble so hart? Sicher nicht, weil er verhärtet wäre seit dem Attentat im Jahr 1990, das ihn in den Rollstuhl zwingt. An seiner badischen Grundfröhlichkeit hat sich jedenfalls wenig verändert - freilich auch nicht an seiner Überheblichkeit, die gelegentlich ätzend sein kann. Unvergessen, wie er 2010 öffentlich seinen Pressesprecher bloßstellte. Aber das war in einem Jahr der Krankheiten, er war nicht gut drauf. Jetzt macht ihm das Amt wieder Spaß, ohnehin kann er ohne Politik nicht leben. Er ist auch nicht verletzt wegen der Karikaturen in Griechenland, die ihn als blutrünstigen Wehrmachtsoffizier zeigten. Nein, Schäuble ist zutiefst Europäer. Er will im Herzen, dass auch die Griechen weiter zur Gemeinschaft gehören, auch zum Euro. Aber nicht so. Revolutionäre wie Tsipras und Varoufakis sind ihm in ihrer Emotionalität höchst suspekt, er denkt rational. Überall müssten die Menschen doch von der Richtigkeit des europäischen Projektes überzeugt sein, sagte Schäuble Varoufakis bei seinem ersten Treffen ins Gesicht. Auch in Deutschland.

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