Interview mit Ingo Froböse

Sportwissenschaftler über WHO-Studie: „Bewegung muss kein Sport sein“

Laut einer Studie der WHO bewegen sich 1,4 Milliarden Menschen zu wenig. Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln erklärt, wie viel Bewegung es sein muss.

Laut WHO bewegen sich vier von zehn Deutschen zu wenig – trotz der zahlreichen Sportvereine. Wie kommt‘s?

Ingo Froböse: Wir dürfen das Sporttreiben nicht mit der normalen Alltagsaktivität gleichsetzen. Die WHO hat einen Richtwert festgelegt von 150 Minuten pro Woche, das sind fünfmal 30 Minuten. Zweimal in der Woche zur Gymnnastik zu gehen, kompensiert das keineswegs. Viele Leute sind zwar in einem Sportverein angemeldet, aber auch sie erfüllen den Richtwert oft nicht.

Wo liegt das Problem?

Froböse: Die meisten sitzen trotz sportlicher Aktivitäten viel zu oft herum. Das Sitzen ist ein eigenständiger Risikofaktor geworden. Die Woche hat 168 Stunden, wer zweimal 90 Minuten etwas tut, bei dem bleiben immer noch 165 Stunden Nichtstun übrig. Das ist das Problem.

Wer jeden Tag vor der Arbeit 30 Minuten schwimmt oder läuft, ist der besser dran?

Froböse: Das ist das Minimale für Erwachsene, um wenigstens nicht krank zu werden durch Bewegungsmangel. Denn danach sitzt man acht, neun Stunden im Büro, das ist eben doch nicht gut. Für Kinder und Jugendliche liegt der Wert bei einer Stunde pro Tag, darauf kommen die wenigsten.

Was soll man also tun?

Froböse: So viele Punkte wie möglich im Alltag sammeln. 40 Etagen pro Woche zu laufen sind ein richtiges Ausdauertraining, aber auch das schaffen die meisten Menschen nicht. Wir brauchen aber Belastungssituationen im Alltag. Da gilt: Nur was genutzt wird, entwickelt sich, was ungenutzt wird, verkümmert. Viele unserer gesundheitlichen Probleme sind Lebensstilprobleme und da spielt neben der Ernährung die Bewegung die Hauptrolle. Wir sind von der Evolution ausgelegt, uns zu bewegen, Reize zu schaffen nicht nur für Muskeln, sondern auch für andere Organe. Der gesamte Stoffwechsel hängt daran, selbst die Gehirnversorgung.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Was kann man konkret tun, vor allem, wenn man nicht viel Sport treibt?

Froböse: Erst mal Bilanz ziehen zu den eigenen Aktivitäten. Bei 150 Minuten von 168 Wochenstunden investiert man nicht mal zwei Prozent ins eigene Wohlbefinden. Wer das nicht schafft, ist selber schuld.

Und dann?

Froböse: Es muss kein Sport sein, wenn man sich bewegen möchte. Es reichen schon ganz normale Alltagsbewegungen. Ich kann einen Bordstein zum Beispiel nutzen, um darauf zu balancieren, aus der Straßenbahn oder dem Bus eine Station früher aussteigen, um zu laufen, im Stehen telefonieren. Wichtig ist, Barrieren nicht zu umgehen, sondern für Bewegung zu nutzen. Und man sollte pro Stunde ein paar Minuten aufstehen.

Die Arbeitswelt ist danach aber nicht ausgerichtet.

Froböse:Stimmt. Arbeit passt nie zur Biologie. Deswegen verstehe ich auch nicht, warum die Gewerkschaften das Arbeitsumfeld nicht stärker thematisieren. Ich mache mit meinen Mitarbeitern kleine Pausen, in denen wir Kaffee trinken und ein paar Schrite gehen. Es ist gut, wenn man so etwas institutionalisiert. Bewusst Bewegungsreize des Alltags suchen gibt gute Gefühle und kostet keine Zeit. Den Körperzellen ist es egal, ob ich Sport treibe oder im Anzug die Treppe hoch gehe.

Auch Kinder bewegen sich zu wenig, was kann Schule tun?

Froböse: Für die Bewegung war Pisa der Supergau, weil alle anderen Fächer plötzlich dominanter wurden. Die Grundschulen brauchten die besten Bewegungslehrer überhaupt. Es gibt Studien, die belegen, dass der Lernerfolg besser wird, wenn der Tag mit einer Sportstunde beginnt.

Rubriklistenbild: © Foto: Peter Steffen/dpa

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