"Man wird nicht mit offenen Armen empfangen"

Darum haben es junge Politiker wie Weilbach so schwer gegen die Alten

Nachwuchspolitiker aus der Region: Patrick Weilbach (links, CDU) und Florian Kohlweg (AfD), hier bei einem Fototermin anlässlich eines Streitgesprächs der HNA im Sommer 2016.

Juso-Chef Kevin Kühnert muss sich dumme Sprüche anhören. Leiden junge Politiker wirklich unter der Macht der Alten? Heimische Nachwuchskräfte wie Patrick Weilbach sind uneins.

Patrick Weilbach aus Kassel kann gut nachvollziehen, wie sich der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert gerade fühlen muss. 2015 bewarb sich der CDU-Politiker um den Landratsposten im Kreis Kassel. Von Sozialdemokraten musste sich Weilbach im Wahlkampf damals anhören, dass er noch nichts geleistet habe. Genau das ist nun auch der Vorwurf gegenüber Juso-Chef Kühnert.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks empfahl dem 28-Jährigen, der mit einer Kampagne gegen die Große Koalition mobil macht, sein Studium abzuschließen und zu arbeiten. Dann könne er in der Partei Karriere machen. Im ZDF musste er sich erst von Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner abkanzeln lassen, am Sonntag würgte ihn bei "Berlin direkt" Interviewer Thomas Walde ziemlich unsanft ab.

Diskussion unter Hashtag #diesejungenleute

Daraus ist eine grundsätzliche Debatte geworden. Angestoßen vom "Spiegel Online"-Ableger "Bento" wird auf Twitter unter dem Hashtag #diesejungenleute über die Frage gestritten, welche Rolle das Alter in Politik und Gesellschaft spielt. Patrick Weilbach, der für die Union im Kreistag und in Baunatal in der Stadtverordnetenversammlung sitzt, findet, dass nicht nur junge Politiker unter der Macht der Alten leiden. "Vorurteile sind Teil der Gesellschaft und werden einem immer im Weg stehen", sagt der 30-Jährige, der bei jungen Leuten durch seine Beziehung zur Kasseler Dschungelcamp-Kandidatin Kattia Vides gerade so sehr Gesprächsthema ist wie die Groko bei den Jusos.

Auch andere heimische Nachwuchspolitiker beklagen den Umgang mit der Jugend, nehmen ihre eigene Partei von der Kritik aber jeweils aus. Kaya Kinkel von den Grünen etwa hat schon vor ihrem Einzug in den hessischen Landtag festgestellt, dass junge Leute und Menschen mit anderen Ideen "in der Kommunalpolitik nicht mit offenen Armen empfangen werden. Viele gesellschaftliche Bereiche werden von Menschen dominiert, die alles schon sehr lang machen." Sehr verwundert war die 30-Jährige aus Wildeck-Hönebach im Kreis Hersfeld-Rotenburg etwa, als sie von der Zusammensetzung des Rats für Nachhaltige Entwicklung erfuhr, der die Bundesregierung berät: "Da gab es niemanden, der jünger als 45 ist." Überspitzt formuliert: Wie die Welt von morgen aussieht, wird nicht von denen entschieden, die in ihr leben müssen.

Für junge Politikerinnen ist es noch einmal schwieriger als für ihre männlichen Kollegen, glaubt Natalia Franz. Die 25-Jährige aus Kassel ist seit November hessische Juso-Vorsitzende und wird von den alten Hasen oft belächelt, wie sie sagt. Wenn sie in Diskussionen anfängt zu reden, unterhalten sich andere bisweilen: "Das ist respektlos." Und in wirtschaftspolitischen Fragen sprechen ihr Kollegen gern die Kompetenz ab. Am meisten aber ärgert sich Franz, wenn "mir gegenüber ein belehrender Tonfall angebracht wird".

Jung ist übrigens keine der im Bundestag vertretenen Parteien. Die Grünen-Mitglieder weisen mit 50 Jahren noch das geringste Durchschnittsalter auf. Diana Kinnert, die als It-Girl der CDU gilt und in Göttingen studiert hat, klagt: "Parteien besitzen keinen internen Reformmotor. Viele Mitglieder sehen keinen Grund, sie zu verbessern. Und die Leute, die Parteien nicht gut fanden, sind draußen geblieben. Im Ergebnis stehen die Parteien darum seit Jahrzehnten nahezu still." Bewegung gibt es ausgerechnet bei der AfD, die zwar als Partei der alten Männer gilt, deren Mitglieder mit durchschnittlich 51 Jahren aber fast so jung sind wie bei den Grünen.

Vielleicht hat Florian Kohlweg (21) darum andere Erfahrungen gemacht als andere Politiker. Der Landessprecher der hessischen AfD aus Bad Karlshafen versichert, dass "das Engagement junger Menschen in meiner Partei sehr wertgeschätzt wird." Dafür hat er auch eine Erklärung: "Junge Leute gelten gemeinhin als links und weltoffen. Man ist daher froh, dass die Jungen auch mal ein konservatives Bild vertreten."

Dafür ist man in der AfD dankbar. Unionspolitiker Weilbach wiederum wünscht sich allgemein etwas mehr Dankbarkeit gegenüber Politikern, ob jung oder alt: "Oft gibt es hämische Kommentare. Dabei mache ich das nicht für mich, sondern für die Gesellschaft."

Ob Weilbach oder Kühnert von den Jusos - manchmal ernten die jungen Politiker sogar Spott. Der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier etwa sagt: "Wenn man den Kevin Kühnert in eine Zeitmaschine setzen würde, und nach 40 Jahren öffnet man die Tür, würde einem Martin Schulz entgegenkommen." Der Mann, der das sagt, ist übrigens 57 und sieht auf seinem Twitter-Profilbild zehn Jahre älter aus.

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