Castor: Soziologe stellt Ansteigen der Gewalt fest – Autonome nutzen Aktionen

Polizei will Stärke zeigen

Widerstand: Wie in einer Schlacht – auch so ging es entlang der Castor-Strecke am Wochenende zu. Foto: dpa

Gorleben/Berlin. Die Kampagne „Castor Schottern“ während des Castor-Transportes die Grenzen zwischen passiven Widerstandsformen und eindeutig strafbaren Aktionen vor allem aus der autonomen Szene verwischt. Dieser Meinung ist der Berliner Soziologe Dieter Rucht. So habe sich auch die Form der Gewalt verändert. Dazu hätten Autonome wie auch eine offensivere Strategie der Polizei beigetragen.

„Früher gab es fast durchgängig den Appell, friedlich und maßvoll zu reagieren. Die Ausschreitungen blieben meist im Rahmen oder waren lokal eng begrenzt“, sagte Rucht. Das auch bei den Castor-Gegnern umstrittene Schottern – das massenhafte Herauswühlen von Steinen aus Gleisbetten – hat nach seiner Sicht auch gewaltbereite Leute aus dem autonomen Spektrum angezogen: „Die haben sich jetzt etwa in der Göhrde um Leitstade zu den Schotterern gesellt und nutzen deren Aktionen quasi als Brücke oder Sprungbrett für gewalttätige Aktionen“, sagte Rucht. , der Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Netzwerks Attac ist.

Dabei spiele es nur eine geringe Rolle, dass der Atomausstieg beschlossene Sache sei und die Suche nach einem Endlager ergebnisoffen von vorn beginnen soll. „Die Autonomen haben schon ihre Themen wie den Kampf gegen Rechtsradikale. Sonst stehen sie aber in einem eher instrumentellen Verhältnis zu den jeweiligen Themen des Protestes“, erläuterte der Soziologe.

Dabei sei die Vermischung der Fronten und Grenzen ein wichtiges Ziel der Autonomen. „Wo große Menschenmassen friedlich demonstrieren, können sich auch die Autonomen daruntermischen. Dann wird die Polizei provoziert, um die rohe Staatsgewalt zu entlarven“, beschreibt Rucht die Taktik der Autonomen.

Auch die offensichtlich veränderte Strategie der Polizei hat für Rucht möglicherweise zum Ansteigen der Gewalt beigetragen. „Im vergangenen Jahr hat sich die Polizei, bei dem, was ich beobachtet habe, einwandfrei und sehr zurückhaltend verhalten. Diesmal wollte sich die Polizei offenbar keine Schwäche geben und ist etwa bei Räumungen offensiver vorgegangen, das könnte zu einer Eskalation mit beigetragen haben.“

Beim eher bürgerlichen Widerstand im Wendland haben die angeblich ergebnisoffene Standortsuche und das Ende der Transporte aus La Hague laut Rucht wenig verändert: „Im Wendland herrscht großes Misstrauen, was das mögliche Endlager betrifft.“

Das sei berechtigt, wenn man schaue, wie krass das Verhältnis zwischen den für Gorleben bereitgestelltem Geld und den viel geringeren Mitteln für die Erforschung anderer Standorte betrifft. (dpa)

Von Peer Körner

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