Polizisten im Einsatz: Der Schuss als letztes Mittel

Im Schießtraining: Polizisten müssen auf alle Einsatzfälle vorbereitet sein, der Griff zur Schusswaffe ist nach Einschätzung der Gewerkschaften die absolute Ausnahme. Foto: dpa

Berlin / Bremen. Ein Polizist feuert in Bremen mehrmals durch eine geschlossene Wohnungstür. Dabei verletzt er eine 17-Jährige schwer, die hinter der Tür steht. In Mecklenburg-Vorpommern schießt ein Mobiles Einsatzkommando auf ein Auto, in dem die Beamten eine Rotlichtgröße vermuten.

Ein Mann verliert dadurch sein Auge - der gesuchte Kriminelle befindet sich nicht in dem Wagen. In Berlin gibt ein Zivilfahnder Schüsse auf ein Auto mit mutmaßlichen Einbrechern ab. Er trifft den Fahrer tödlich.

Innerhalb von vier Wochen macht das drei Polizeieinsätze, die für Schlagzeilen sorgten. Denn wenn in Deutschland Polizisten auf Menschen schießen, ist das eine sensible Angelegenheit. Oft geraten die Fahnder danach selbst ins Kreuzfeuer. Handelte es sich um Notwehr? War es verhältnismäßig, die Verdächtigen so zu stoppen? Das muss jetzt die Staatsanwaltschaft entscheiden - wie immer, wenn Polizisten Schüsse abgeben.

Leichtfertig greife kein Polizist zur Waffe, sagt der Bremer Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke: „Es ist wirklich das letzte Mittel, das wir einsetzen.“ Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, sieht seine Kollegen immer stärker wegen steigender Flüchtlingszahlen, Terrorgefahr, politischen Extremismus und Rocker-Kriminalität gefordert.

Gleichzeitig steigt die Gefahr für Polizisten, im Dienst verletzt zu werden. Die Zahl der kleinen Waffenscheine, die unter anderem für Gas- und Schreckschusspistolen nötig sind, hat den beiden Polizei-Gewerkschaften zufolge explosionsartig zugenommen. „Durch diese Anscheinswaffen, die täuschend echt aussehen, kann es zu tödlichen Missverständnissen kommen“, sagt Wendt. So könnte es auch bei den Schüssen vor der Wohnung in Bremen gewesen sein. Der Mieter hatte zuvor durch einen Türspalt mit einer Gaspistole geschossen, weil er eigenen Angaben nach die Polizei für Randalierer hielt.

Wenig Praxis

Leidtragende der zunehmenden Bewaffnung in der Bevölkerung sind nach Ansicht des Hamburger Polizeiforschers Rafael Behr vor allem die Streifenpolizisten. Sie werden zu vermeintlichen Bagatelldelikten wie Ruhestörung und Streit unter Eheleuten gerufen - und plötzlich zückt jemand eine Waffe. „Der einfache Schutzmann kommt dadurch in Situationen, die er falsch einschätzt“, sagt der Professor von der Akademie der Polizei. Im Gegensatz zu den Spezialeinheiten haben Streifenpolizisten auch weniger Praxis im Umgang mit ihrer Dienstwaffe. Überreaktionen können dann schnell eine Folge sein.

Meist kommen Streifenpolizisten nach Angaben von Behr nur einmal im Jahr zum Schießtraining.

Hintergrund

Zahl der Todesopfer gestiegen 

Nach einer bundesweiten Statistik der Deutschen Hochschule schossen 2014 Polizisten in 46 Fällen gezielt auf Verdächtige. Dabei töteten sie sieben Menschen, 31 wurden verletzt. 2013 waren es 38 Fälle mit acht Getöteten und 20 Verletzten. Für 2015 liegen die Zahlen noch nicht vor.

Unabhängig davon, wie die Ermittlungen in den einzelnen Fällen ausgehen, kann ein Polizist, der auf einen Menschen geschossen hat, darunter sein Leben lang leiden. „Das Selbstverständnis eines Polizisten ist, Leben zu schützen. Doch dann steht er plötzlich vor der Wahl: Der Täter oder ich“, sagt der pensionierte Polizeihauptkommissar Reinhold Bock, der vor Jahren die Selbsthilfegruppe „Schusswaffenerlebnis“ für betroffene Kollegen gegründet hat.

Von Irena Güttel

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