Experte Wolfgang Lucht

Klimaforscher im Interview: „Wir werden in einer anderen Welt leben“

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Wolfgang Lucht

Kassel/Potsdam. Naturkatastrophen wie der Taifun auf den Philippinen werden zunehmen, wenn sich der Klimawandel fortsetzt. Das erklärte Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Interview.

In Polen startet die Klimakonferenz, auf den Philippinen wütet ein Taifun. Ist diese Naturkatastrophe bereits Teil des Klimawandels?

Wolfgang Lucht: Das kann man bei einem Einzelereignis nicht eins zu eins zuordnen, aber Stürme wie diese werden stärker und möglicherweise häufiger werden. Im Klimawandel wird es zwar mehr Stürme geben, ob ein einzelner aber dadurch verursacht wurde, ist jedoch schwer zu sagen.

Laut Weltklimareport werden Windgeschwindigkeit und Regenmenge tropischer Wirbelstürme steigen. Ist das hier schon der Fall?

Lucht: Dieses war der stärkste tropische Zyklon, der je an Land ging, seit wir Aufzeichnungen haben.

Treten solche Stürme häufiger auf oder denken wir das nur, weil wir heute global besser informiert sind?

Lucht: Sie treten häufiger auf. Durch den Klimawandel ist die Atmosphäre stärker mit Energie aufgeladen. Das führt dazu, dass sich die Temperaturverläufe ändern und die Feuchtigkeit in der Atmosphäre steigt. Deswegen wird es häufiger Extreme geben. Im Detail ist die Entstehung eines Sturm sehr kompliziert, so dass es Unsicherheiten gibt, aber die Tendenz ist klar.

Gestern begann der Weltklimagipfel in Warschau. Wird er etwas bewirken oder ist er eine Alibiveranstaltung?

Lucht: Leider ist die politische Landschaft so, dass man nicht sehr viel erwarten kann. Dennoch sollte man nicht pessimistisch sein. Das Thema ist zu wichtig, um aufzugeben. Die Aufgabe ist es, den Gipfel zu einem Erfolg zu führen.

Bis 2015 soll es einen weltweiten Klimavertrag geben, der 2020 in Kraft treten soll. Ist dieser Zeitraum nicht zu lang?

Lucht: Aus wissenschaftlicher Sicht ist das zu langsam. Es wurde ein Jahrzehnt verloren, nachdem das Kyotoprotokoll 1997 unterzeichnet wurde. Bis 2010 wurde sehr wenig getan. Dann wurden die Zeitpunkte 2015 und 2020 festgelegt. Damit hat man 20 Jahre an möglichem Klimaschutz vertan, das wird uns teuer zu stehen kommen.

Welche Auswirkungen wird es haben, wenn die Erderwärmung nicht gebremst wird, sondern weiter zunimmt?

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Lucht: Wenn der Klimawandel nicht gebremst wird, werden wir am Ende des Jahrhunderts in einer komplett anderen Welt leben. Die Eiskappen werden geschmolzen sein, der Meeresspiegel wird bis zu einem Meter höher sein, die Ökosysteme und die landwirtschaftlichen Flächen werden sich stark verändern. Gerade die ärmsten Staaten der Welt werden sich daran nicht anpassen können. Die Erde wird in einem Zustand sein, wie es ihn seit Entwicklung der Zivilisation noch nicht gab.

Und dieser Zustand wäre nicht mehr umkehrbar?

Lucht: Nein. Wir können das nur heute verhindern. Wir stoßen heute Treibhausgase aus. Diese erwärmen die Ozeane. Die werden wir nicht mehr abkühlen können.

Was könnte sofort getan werden, um diese Entwicklung zu bremsen?

Lucht: Die Energiewende in Deutschland ist ein international sehr wichtiges Projekt. Hier wird gezeigt, dass es Alternativen zu fossilen Energien gibt und das auch eine führende Wirtschaftsnation sich darauf einlassen kann. Hier kann Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen. Es ist auch im eigenenen Interesse, eine unabhängige Energiesicherheit zu haben. Das Thema sollte Priorität haben.

Was kann der einzelne Bürger tun?

Lucht: Neben einer klimaschonenden Verhaltensweise ist es wichtig, eine hohe Erwartungshaltung an die Politik zu haben und diese zum Ausdruck zu bringen. Die Politik wird handeln, wenn die Menschen es wollen.

Zur Person

Wolfgang Lucht (49) ist Leiter des Forschungsfeldes Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Nachhaltigkeitswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Er studierte mathematische Physik in Kiel. Lucht ist verheiratet und hat eine Tochter.

Das Interview führte Peter Klebe

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