Preiskampf auf dem Automarkt: Pokern, aber Rabatte prüfen

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Neufahrzeuge auf Halde: Modelle der Marken, VW, Audi und Skoda auf dem Autoterminal in Bremerhaven - bereit zum Export.

Berlin. Mit 435 Sonderaktionen versuchten die Hersteller den Autoverkauf im September anzukurbeln, 387 waren es im Oktober: Angesichts schrumpfender Absätze und mit Blick auf ein schwieriges 2013 scheinen der Absatzförderung kaum Grenzen gesetzt.

20 Prozent, ja 30 Prozent für ein Schnäppchen auf vier Rädern waren diesen Herbst drin. Allzuviel Publicity mögen die Autobauer aber nicht. Fragen und Antworten:

? Ferdinand Dudenhöffer, meistzitierter Autoexperte Deutschlands, hat sich über seine monatlichen Rabattreports mit der Branche angelegt. Worüber wird gestritten?

! Um die Frage, ob Volkswagen mit prall gefüllter Kriegskasse den Wettbewerb mit hohen Händlerprämien künstlich anfeuert. Und die Frage, ob Neuwagenkäufer bei gängigen Modellen tatsächlich Schnäppchen machen, bei denen die Listenpreise um gut ein Viertel schrumpfen.

? Was sagen die Rabattreports?

! Dass im Oktober Händler-Rabatte für die 30 meistverkauften Pkw weiter deutlich zulegten und der Rabatt-Index von Dudenhöffers CAR-Institut an der Uni Duisburg-Essen auf 13,6 Prozent im Schnitt anstieg - der höchste Wert seit sieben Jahren.

? Was stört Hersteller und Händler am Rabatt-Index?

! VW und Burkhard Weller, Chef einer großen Autohändlergruppe hierzulande, werfen Dudenhöffer vor, Ausnahmen in der Rabattstruktur zur Regel zu erklären und so den Eindruck zu erwecken, Neuwagenkäufer mit einstelligen Rabatten hätten sich übers Ohr hauen lassen. Das nähre überzogene Erwartungen und Frust beim Kunden.

? Wie kommt Dudenhöffer an seine Daten?

Vater des Rabatt-Index: Ferdinand Dudenhöffer

! Sein Team wertet neben den Sonderangeboten von Händlern auch die Bestände der Internet-Vermittler wie autohaus24.de oder meinauto.de aus. Die sammeln Händlerangebote ganzer Regionen, gleichen sie gegen die Kundenwünsche ab und kassieren beim Kauf Provisionen. Klar ist: Autokäufer legen solche Online-Rabattangebote beim Händler auf den Tisch: „Welchen Nachlass bieten Sie?“

? Was sagen andere Autoexperten?

! „Der Endkunde kann unter Umständen durchaus 30 Prozent auf den Listenpreis kriegen“ - nicht vom Händler allein, sondern als Gesamtpaket an möglichen Nachlässen, sagen Rainer Meckes und Martin Gehring von der Beraterfirma Simon-Kucher & Partners. Feilschen lohne sich aktuell.

? Warum tobt die Rabattschlacht gerade jetzt?

! Branchenanalyst Christoph Stürmer von IHS Automotive sieht falsche Volumenplanung oder Preisgestaltung als Ursache. Zuletzt sei man eher zu optimistisch gewesen. „Die Branche musste hart bremsen im vierten Quartal.“ Rabatte seien „keine langfristige Strategie, sondern immer ein Notnagel. Im Prinzip versucht man, Kunden zu bestechen.“

? Was sollten Rabattjäger beachten?

! Barzahler haben laut ADAC nicht automatisch die besten Karten. „Null-Prozent-Finanzierungs- oder Leasingangebote können eine lohnenswerte Alternative sein“, sagt Jürgen Grieving vom ADAC. Aber: „Man darf sich nicht von niedrigen Monatsraten blenden lassen, sondern muss das Gesamtpaket betrachten: Wie hoch ist die Anzahlung? Ist das Kilometerlimit realistisch?“ Neben dem reinen Kaufpreis kämen auch indirekte Rabatte wie eine Inspektion oder ein Satz Winterreifen in Betracht. Bei Schnäppchen-Modellen sollten Verbraucher unbedingt recherchieren, „wie zuverlässig, sicher und wertstabil der Wagen ist“.

? Was ist mit Tageszulassungen von Herstellern oder Händlern?

! Auch interessant, sagt Grieving. Oft sehr günstig, wenig gefahren - aber rechtlich keine Neuwagen. Je länger die Zulassung eines Autos zurückliegt, desto höher müsse der Preisnachlass daher ausfallen.

Hintergrund: Prämiensysteme der Autobauer

• Offizielle Details zu Prämiensystemen der Autobauer gibt es nicht - sie werden streng gehütet. Soviel lässt sich sagen:

• Für alle Händler gibt es einen Basisrabatt - meist um zehn Prozent. Damit kann der Händler fest kalkulieren, um laufende Kosten zu decken.

• Zu dem Basisrabatt kommen Modellprämien: Je älter ein Autotyp ist und je näher der Start eines Nachfolgers rückt, desto höher sind die Nachlässe. Auch volle Lager beim Hersteller treiben Modellprämien.

• Um unabhängiger von Wechselkursen und Transportkosten zu sein, schieben Importeure mit Rabatten eher Autos an, die sie in der EU bauen.

• Zu großen Preisunterschieden zwischen Autohäusern führen leistungsbezogene Prämien. Die bekommt der Händler, wenn er in einem bestimmten Zeitraum eine vereinbarte Zahl - oder mehr - Autos verkauft. Die Prämie kann der Händler als Rabatt weitergeben.

• Ein Extra-Rabatt ist drin, wenn der Kunde vorher eine andere Marke gefahren hat.

• Flexible Nachlässe legen Hersteller meist zu Beginn eines Quartals fest. Das heißt: Zum Vierteljahresende geben Händler nicht mal Preisgarantien für die nächsten Wochen.

Von Heiko Lossie und Wolfgang Riek

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