Interview

Primatenforscher zu Abgasversuchen von VW: „Schaden für ganze Wissenschaft“

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Im Fokus: Bei Tierversuchen werden auch Rhesusaffen eingesetzt. Das Foto zeigt Rhesusaffen im Zoo Heidelberg.

Kassel. Tierversuche sind entscheidend, müssen aber hohen ethischen und wissenschaftlichen Anforderungen genügen, sagt der Direktor des Deutschen Primatenzentrums, Prof. Dr. Stefan Treue.

Sie leiten das Deutsche Primatenzentrum, an dem Grundlagenforschung mithilfe von Versuchen an Affen betrieben wird. Wäre ein Versuch wie der von VW, bei dem Affen in Dieselabgase gesetzt werden, in Deutschland möglich? 

Prof. Dr. Stefan Treue: Das ist schwer zu beurteilen ohne die Details zu kennen, weil in Deutschland jeder einzelne Tierversuch einzeln begutachtet wird. Erst dann wird entschieden, ob er zulässig ist. Grundsätzlich kann man sagen, dass diese Art von Versuchen - also die Giftigkeit von Substanzen im Tierversuch zu testen - bei uns nicht verboten ist. Sie müssen natürlich eine Reihe von Hürden überwinden, damit ein solcher Versuch genehmigt werden kann. Ob das bei diesem Dieselversuch der Fall gewesen wäre - da kann man aber schon ein paar Fragezeichen dahintersetzen.

Welche Hürden sind das? 

Treue: Eine wichtige Frage ist, ob es tatsächlich notwendig war, diese Studie an Primaten durchzuführen oder ob es nicht möglich gewesen wäre, sie an Nagetieren durchzuführen. Wenn das der Fall wäre, wäre die Studie keinesfalls zulässig an Primaten. Dann kann man auch wissenschaftlich hinterfragen, was war denn hier die genaue Fragestellung? Ist das Design dieser Studie - also was da genau untersucht wurde - eine Frage, die wir beantworten müssen oder ging es hier möglicherweise um etwas anderes? Das sind zwei wichtige Faktoren bei der Entscheidung, ob ein Tierversuch zulässig und ethisch vertretbar ist.

Wer würde in Deutschland darüber entscheiden? 

Treue: Letztendlich entscheidet eine Behörde darüber, das ist auf der Ebene der Regierungspräsidien bei den Ländern angesiedelt. Diese Behörden müssen über jeden Tierversuch entscheiden, der nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, und der Versuch darf erst begonnen werden, wenn er genehmigt ist. Das gilt für jeden einzelnen Tierversuch mit Primaten in Europa.

Das Institut in den USA, das den Abgas-Versuch für VW unternommen hat, nimmt Aufträge von außen an. Nimmt Ihr Institut auch Aufträge an? 

Treue: Nein. Wir sind eine öffentlich geförderte Einrichtung. Wir forschen selber und führen keine Auftragsforschung durch. Eine Studie dieser Art würden wir nicht durchführen - ganz unabhängig davon, ob sie genehmigungsfähig wäre.

Wie schätzen Sie als Wissenschaftler diese Abgas-Studie mit den Affen ein? 

Treue: Bei aller Zurückhaltung kann man sagen, dass nach dem, was bis jetzt bekannt ist, Zweifel an der Genehmigungsfähigkeit der Studie angebracht sind. Wenn Versuche durchgeführt werden, die aus Sicht der Wissenschaft nicht vertretbar sind, ist das ein Schaden für die ganze Wissenschaft. Wer verantwortungsvolle Tierversuche macht, macht sie unter enger Überprüfung, und er macht sie aus wichtigen Gründen. Tierversuche sind auch im Bereich der Giftigkeitsprüfung für Wissenschaft und Politik von entscheidender Bedeutung.

Das heißt: Grundsätzlich kann man Abgase schon mit Tierversuchen untersuchen?

Treue: Wir wissen nur aufgrund von Tierversuchen oder unter Beteiligung von Tierversuchen, wie gefährlich Dieselabgase oder Stickoxide oder andere Substanzen sind. Wir brauchen diese Versuche, aber sie müssen natürlich hohen ethischen und wissenschaftlichen Anforderungen genügen.

Wer in Deutschland untersucht die Giftigkeit von Abgasen? 

Treue: Das ist ein ganz kleiner Forschungsbereich, insofern gibt es meines Wissens nach wenige Einrichtungen, die sich darauf spezialisiert haben. Natürlich gibt es aber mehr Einrichtungen, die die Giftigkeit von Substanzen ganz allgemein untersuchen.

Wie viele Affen werden in Deutschland in Tierversuchen eingesetzt? 

Treue: Pro Jahr werden in Deutschland insgesamt etwa 2500 bis 3000 Affen in Tierversuchen eingesetzt; nur etwa jedes 2000. Versuchstier ist also ein Affe. Von diesen Affen werden mehr als 80 Prozent für Substanzprüfungen, Giftigkeitsprüfungen, Sicherheitsuntersuchungen etc. eingesetzt. Das findet vor allem in der pharmazeutischen Industrie statt, um neue Substanzen auf ihre Sicherheit zu testen. Das, was wir im Primatenzentrum, in Universitäten und anderen öffentlich geförderten Einrichtungen machen, Grundlagenforschung, macht etwa zehn bis 20 Prozent der Forschung mit Affen aus.

Zur Person

Prof. Dr. Stefan Treue

Prof. Dr. Stefan Treue (53) ist Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen und Professor für Kognitive Neurowissenschaften an der Uni Göttingen. Treue stammt aus Peine (Niedersachsen) und studierte Biologie in Frankfurt, Heidelberg und Durham. Nach Stationen in Cambridge (USA) und Tübingen forscht und lehrt er seit 2001 in Göttingen. Er erhielt 2009 den Leibniz-Preis, den höchsten deutschen Forschungspreis.

Hintergrund: Das Deutsche Primatenzentrum

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen ist eine in Deutschland einzigartige Forschungseinrichtung, die vom Bund und den Ländern getragen wird. Europaweit gibt es nur ein weiteres ähnliches Institut in den Niederlanden. Das DPZ betreibt Grundlagenforschung, auch mithilfe von Versuchen an Primaten. Außerdem unterhält es eine Zucht: Die Affen, die in Deutschland für Tierversuche in der wissenschaftlichen Forschung benötigt werden, stammen aus dem DPZ.

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