ZDF-Satiriker verulkt Politik

Pro und Kontra: Ist Böhmermann zu weit gegangen?

Ein Video des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann und seiner Show „Neo Magazin Royale“ hat Deutschland zum Rätseln gebracht. In dem Clip behauptet der Moderator, das Stinkefinger-Video des griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis sei gefälscht.

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ZDF: Böhmermanns Video ist Satire - Stinkefinger ist echt

Er habe es mit seinem Team in den Film eingebaut, und ARD-Talker Günther Jauch, der den Ausschnitt am Sonntag in seiner Sendung zeigte, sei darauf hereingefallen. Erst Stunden später stellte das ZDF klar: Die Behauptung war nur Satire. Ist Böhmermann zu weit gegangen? Das sind die Meinungen der HNA-Kulturredakteure Werner Fritsch und Matthias Lohr.

Pro: Böhmermann ging zu weit

"Satire missbraucht"

Satire darf alles - dieser Satz gilt immer noch. Allerdings fügte der Urheber dieses berühmten Zitats, Kurt Tucholsky, hinzu: „Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.“ Satire hat also im besten Fall eine aufklärerische Funktion.

Werner Fritsch (59) findet Böhmermanns Fake daneben

Das ist bei Jan Böhmermanns Fake-Bekenntnis seines Stinkefinger-Fakes allerdings gerade nicht der Fall. Im Gegenteil: Es steigert die Verwirrung in einem Fall, der schon verwirrend genug ist. Hat er nun, oder hat er nicht? Um diese Frage geht es dabei nur am Rande. Zwar tut Böhmermann inzwischen so, als habe er mit seiner Aktion Günther Jauch und dessen Talkshow als Vehikel deutschen Volkszorns entlarvt. In Wahrheit gibt er aber einen umstrittenen ausländischen Politiker der Lächerlichkeit preis und verschärft die angespannte politische Debattenlage zwischen Deutschland und Griechenland weiter. Wem also nützt diese Aktion?

Sie nützt vor allem Jan Böhmermann selbst, der sich hier auf abstoßende Weise inszeniert und mediale Aufmerksamkeit um jeden Preis erzeugen will. Böhmermann zeigt’s allen: Das ist die Botschaft diese Fakes - und ein Missbrauch von Satire.

Kontra: Super Satire

"Den Finger in der Wunde"

Auch ich habe zwischenzeitlich geglaubt, der Stinkefinger von Gianis Varoufakis könnte tatsächlich nur eine Erfindung von Jan Böhmermann sein, der damit die gesamte deutsche Medienwelt genarrt hätte. Offensichtlich wurde der Mittelfinger 2013 aber wirklich auf einem Wissenschaftlerkongress in Kroatien in die Kamera gestreckt. Letztlich ist es fast egal, ob die Fälschung nun echt oder selbst gefälscht ist.

Matthias Lohr (40) hält Böhmermanns Video für einen genialen Coup

Böhmermanns genialer Medien-Coup wirft so oder so einige wichtige Fragen auf: Wie kann es sein, dass wir einem Komiker, der als „Berufs-in-die-Irre-Führer“ groß geworden ist, mehr glauben als der Redaktion von Günther Jauch und all den angeblich seriösen Nachrichtenredaktionen? Wieso regen sich manche Blätter wie die „Bild“-Zeitung wochenlang über einen aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger auf statt wirklich wichtige Debatten rund um Griechenland und Europa zu führen? Müssen wir alles ständig zu einem Skandal machen?

Böhmermann hat all diese Fragen indirekt gestellt und damit den Finger in die Wunde unserer dauerhysterischen Gesellschaft gelegt. Besser kann Satire nicht sein.

Rubriklistenbild: © dpa

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