Genetiker Prof. Dr. Wolfgang Nellen

Interview: Professor aus Kassel hält Gentechnik für halb so schlimm

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Prof. Dr. Wolfgang Nellen

Kassel. Gentechnik ist nach wie vor sehr umstritten. Der Genetiker Wolfgang Nellen, Professor an der Uni Kassel, spricht im Interview über die falsche Angst vor einer alltäglichen Technik.

Herr Prof. Dr. Nellen, warum ist die Scheu vor Gentechnik in der Gesellschaft so groß? 

Wolfgang Nellen: Ich weiß es nicht. Wissenschaftlich gibt es keinen Beweis dafür, dass Gentechnik gesundheitsschädlich ist. Das Einbringen von Merkmalen in den Erbgutträger (DNS) ist eine Veränderung im Nanobereich. Gefahren durch Bio-Produkte werden hingegen ignoriert.

Wie meinen Sie das? 

Nellen: 2011 sind 60 Menschen an den Folgen einer EHEC-Infektion gestorben. Verunreinigte Biosprossen aus dem niedersächsischen Bienenbüttel waren die Ursache. Gentechnisch hergestellter Mais enthält etwa 100-Mal weniger Pilzgifte als Biomais. Da hätte ich gern Wahlfreiheit!

Es wäre überraschend, hätten Sie sich gegen Ihren Forschungszweig ausgesprochen. 

In diesen Produkten steckt Gentechnik:

Waschmittell enthalten Enzyme, die helfen, Verschmutzungen mit Fetten und Proteinen von Blut, Eigelb oder Stärke durch Zerlegung in wasserlösliche Bestandteile zu entfernen. Durch die verbesserte Waschwirkung kann mit niedrigeren Temperaturen gewaschen werden. Allerdings vermehren sich Bakterien durch die niedrigeren Temperaturen leichter.

Jeder Euroschein  besteht aus reiner, stärkefreier Baumwolle. 70 Prozent des weltweiten Baumwollanteils sind gentechnisch hergestellt. In die gentechnisch veränderte Baumwolle wurde das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis übertragen. Die dadurch in der Pflanze gebildeten Proteine werden im Darm vieler Insekten zu Toxinen, die tödlich wirken.

Um Milch auszuflocken und den Fermentierungsprozess der Verkäsung einzuleiten, wird ein Enzym aus Kälbermägen benötigt. Weil es nicht genügend Mägen gibt, um den weltweiten Käsehunger zu stillen, muss das sogenannte Labferment entweder durch ein Ersatzprodukt aus Schimmelpilz (mit hoher Bakterienbelastung) oder aber gentechnisch hergestellt werden.

Nellen: Darum geht es nicht. In Deutschland haben wir sehr hohe Forschungsstandards. Stoppen wir die Agrogentechnik (siehe Hintergrund), verlieren wir den Einfluss auf eine Technologie, die wir erfunden haben. Schlimmer noch - wir geben sie an Länder ab, deren Standards schlechter sind.

Was bedeutet das für den Verbraucher in Deutschland? 

Nellen: Dass wir mehr importierte Gentechnik-Produkte in den Supermarktregalen haben werden. Diese lassen sich viel schlechter kontrollieren, geschweige denn kennzeichnen. Im Übrigen bin ich für eine umfassende Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Produkte. Der Verbraucher sollte immer die Wahl haben.

Gibt es Nachteile in der Agrogentechnik? 

Nellen: Es werden Monokulturen gefördert, das ist für das ökologische Gleichgewicht nicht immer gut. Allerdings wurden dadurch auch viele Flächen frei, die heute als Naturschutzgebiete genutzt werden. Zudem könnte mit Beta-Carotin angereicherter Reis der Vitamin-A-Mangel in Entwicklungsländern bekämpft werden.

Worin liegen weitere Vorteile der Gentechnik? 

Nellen: Die Gentechnik nutzt das Wissen über die Genetik und kann schneller als die herkömmliche Pflanzenzüchtung gute Merkmale in die Pflanzen einbringen. Oft führt das zu Ertragssteigerungen. Dieses Know-how sollten wir durch Forschung erhalten.

Können auf diesem Weg auch schlechte Eigenschaften eingebracht werden? 

Nellen: Anwendungen der Agrogentechnik zum Bioterrorismus einzusetzen, sehe ich nicht - da gibt es (leider) effektivere Möglichkeiten.

Warum protestieren dann so viele Menschen gegen den Anbau von Genpflanzen? 

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Nellen (64) wurde 1949 in Velbert im Bergischen Land geboren. Er lehrt am Institut für Biologie der Universität Kassel im Fachbereich Genetik. Studiert und promoviert hat er an der Universität Düsseldorf.

Nellen: Oft stecken ethische Überlegungen dahinter. Oder es geht um die Wahlfreiheit. Ein wesentlicher Teil des Widerstandes in der Bevölkerung dürfte auch durch Lobbyarbeit der Bio-Branche hervorgerufen worden sein.

In welcher Form nehmen Bio-Hersteller Einfluss? 

Nellen: Es wird viel Geld in Werbung investiert. Milch mit dem Qualitätsmerkmal „gentechnikfrei“ auszuzeichnen, ist eine Farce. Das wäre, als ob man Babynahrung mit altölfrei bewerben würde.

Sie spielen auf die Überprüfbarkeit an? 

Nellen: Ja. Soja und Mais haben einen riesigen Anteil am Nahrungsmittel-Welthandel für Mensch und Tier. Dabei dürfen 0,9 Prozent beim Transport oder der Verarbeitung mit gentechnisch veränderten Produkten in Kontakt gekommen sein. Niemand kann 100-prozentige Reinheit garantieren.

Gibt es noch andere Einflussnahmen der Bio-Industrie? 

Nellen: An der Uni Kassel wurde eine Professur zum Biologisch-dynamischen Landbau von Demeter und anderen Interessengruppen finanziert. Stellen Sie sich vor, das würde der Gentec-Saatgutanbieter Monsanto tun.

Hintergrund: Verschiedene Arten der Gentechnik

• Grüne Gentechnik: Die Agrogentechnik, also die Anwendung gentechnischer Verfahren im Bereich der Pflanzenzüchtung, wird als grüne Gentechnik (grüne Biotechnologie) bezeichnet. Nach der Veränderung des Erbguts durch Einschleusen einzelner Gene wird von transgenen Pflanzen gesprochen. Eine Zelle in einem Maiskolben hat bis zu 3,5 Milliarden DNS-Buchstaben. Eine gentechnische Veränderung wirkt sich auf 5000 dieser Buchstaben aus – eine Veränderung im Nanobe-reich. Derzeit werden insbesondere herbizid- und insektenresistente gentechnische Pflanzensorten vermarktet.

• Weiße Gentechnik: Die industrielle Biotechnologie wird als weiße Gentechnik bezeichnet. Dabei werden biologische und biochemische Prozesse durch die Bioverfahrenstechnik in technische Anwendungen übertragen. Bakterien, Hefen und Enzyme kommen dabei zum Einsatz. Die Fraunhofer-Gesellschaft zählt die industrielle Produktion von organischen Grund- und Feinchemikalien sowie Wirkstoffen mithilfe optimierter Enzyme (Waschmittel), Zellen oder Mikroorganismen zur weißen Gentechnik. Überschneidungen grüner und weißer Gentechnik machen eine Abgrenzung voneinander schwer.

Von Diana Surina

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