„Party-Aspekt hat sich verstärkt“

Protest-Experte sieht Mai-Krawalle auch als Spiel mit der Polizei

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Jahr für Jahr dasselbe zum 1. Mai: Krawallalarm in Hamburg und Berlin.

Jahr für Jahr dasselbe zum 1. Mai: Krawallalarm in Hamburg und Berlin. Darüber sprachen wir mit dem bekannten Berliner Protestforscher Dieter Rucht.

Herr Rucht, Krawalle zum 1. Mai haben Tradition, vor allem in Berlin und Hamburg. Ist die mediale Berichterstattung darüber ein Teil des Problems? 

Dieter Rucht:  Zu einem kleiner Teil: ja. Medien, schon gar nicht in ihrer Gesamtheit, reden die Gewalt zwar nicht direkt herbei. Aber sie sind auf das Spektakel fixiert. Das erzeugt ein einseitiges Bild: Das Gros der Demonstrationsteilnehmer wird vernachlässigt. Ich erinnere mich an einen Reporter in einem Berliner Krankenhaus, der enttäuscht darüber schien, dass zu seiner Live-Schalte noch kein Demo-Opfer eingeliefert worden war. Als Ersatz hielt er dann einen Pflasterstein in die Kamera und sagte: Solche Steine sind hier letztes Jahr geflogen.

Was wissen wir eigentlich über die Teilnehmer der Mai-Krawalle? Der Bundespolizist, der in seiner Freizeit zum Steinewerfen nach Berlin gereist war und gefasst wurde, war ja wohl eine bizarre Ausnahme? 

Zur Person

Prof. Dr. Dieter Rucht (67) wurde 1946 in Kempten geboren und lebt heute in Berlin. Er studierte ab 1968 Sozialkunde, Sport und Politik in München und wurde 1980 promoviert. Rucht gilt als führender Experte in der Erforschung sozialer Bewegungen. Er lehrte und forschte in München, Berlin, Paris, Ann Arbor (USA) und in England (Cambridge, Canterbury), zuletzt als Professor am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und an der FU in Berlin. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. (tpa)

Rucht:  Drei Gruppen sind an den 1.-Mai-Demos beteiligt: Zum einen politische Initiativen, darunter gewerkschaftlich orientierte; hinzu kommen Links-, aber auch Rechtsradikale. Zweitens gibt es Jugendliche, die das Ganze eher erlebnisorientiert sehen, je nach Lage sich zum Teil auch als Gelegenheitskämpfer betätigen. Und drittens gibt es viele Berliner Partygänger, die einen Tag mit Musik und einer gut gelaunten Menschenmenge erleben wollen. Dazu gesellen sich auch Touristen.

Frappierend ist die Partyatmosphäre auf den Demos, die plötzlich in eine Art moralische Auszeit mit Exzessen umschlagen kann. Woher kommt das? 

Rucht:  Der 1. Mai war ja immer schon eine Mischung aus politischem „Kampftag“ und Feiertag. Dieser Doppelcharakter wurde beibehalten. Der Party-Aspekt hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt - übrigens auch als politische Strategie, um Gewalt zurückzudrängen.

Wer sind die Gewalttäter?

Rucht:  Es gibt eine Untersuchung für Berlin, wonach die Gewalttäter ganz überwiegend aus Berlin, also nicht aus dem Umland oder aus anderen Städten kommen. Beim sogenannten Revolutionären Mai dominieren die Jüngeren, besonders wenn es darum geht, „Kampfesmut“ zu beweisen. Diese Leute sind etwa zwischen 17 und 25 Jahren alt; es gibt aber auch einzelne Ältere, die schon seit vielen Jahren bei den Mai-Krawallen mitmachen.

Welche Rolle spielen soziale Gründe? Etwa die Verdrängung von ärmeren Bevölkerungsteilen aus angesagten Stadtteilen durch steigende Preise und Mieten (Gentrifizierung)? 

Rucht:  Eine sehr große Rolle. Die Gründe für den Protest ändern sich mit den Zeiten. Ich erinnere an den sogenannten Blutmai 1929 in Berlin, als es nach Polizeischüssen auf eine verbotene Mai-Kundgebung rund 30 Tote gab. Es werden häufig jeweils aktuelle Anliegen in das Grundthema Arbeit versus Kapital eingebettet. Der 1. Mai bietet einen Rahmen, der mit diversen Themen gefüllt wird - in den vergangenen Jahren eindeutig mit dem Thema Gentrifizierung. Früher ging es aber auch um die damaligen Diktaturen in Portugal und Griechenland oder, in den Anfängen, um den Acht-Stunden-Tag.

Welche Rolle spielt die Verteilung von Arm und Reich? 

Rucht:  Das ist ein sehr wichtiges Protestmotiv. Neben der Kritik an Arbeitgebern werden in den vergangenen Jahren verstärkt die Regierungen kritisiert, welche die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgehen lassen. Auch in Deutschland ist diese Entwicklung spürbar.

Sehen Sie zwischen den Mai-Krawallen in Hamburg und Berlin und den tagelangen Gewaltexzessen 2011 in England einen Zusammenhang? 

Rucht:  In beiden Situationen gibt es einen Anlass, entweder ereignisabhängig oder, wie am 1. Mai, rituell bedingt. Oft erscheint die Gewalt aus solchen Anlässen als ungezielt; sie kann sich sogar gegen kleine Leute richten. Die englischen und erst recht die US-amerikanischen Aufstände (riots) sind aber in einem wesentlichen Punkt anders: Dort revoltierten an den Rand gedrängte, in Not und Armut lebende Menschen, die in bestimmten Stadtvierteln konzentriert sind. Es genügt dann ein Funke, um die über Jahre hinweg aufgestaute Unzufriedenheit zur Explosion zu bringen. Selbst ansonsten brave Leute können dann zu Plünderern werden. Unser 1. Mai ist dagegen ein weitgehend kalkulierbares Geschehen, an manchen Orten eine Art Katz’-und-Maus-Spiel mit der Polizei.

Die Fragen stellte Tibor Pézsa

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