"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut"

Raser, Fleischesser, Vielflieger: Warum leben wir nicht umweltbewusster?

Die derzeit berühmteste Klimaaktivistin der Welt: Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg protestierte auch beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos.
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Die derzeit berühmteste Klimaaktivistin der Welt: Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg protestierte auch beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos.

Bloß kein Tempolimit, viel Fleisch und immer mehr Flugverkehr: Warum tun wir uns so schwer, umweltfreundlich zu leben, während Schüler protestieren, weil wir ihre Zukunft zerstören?

Vorige Woche könnten Millionen Deutsche die Freude am Leben verloren haben. Denn womöglich dürfen sie irgendwann einmal nicht mehr mit 200 Sachen über die Autobahn rasen. Mit einem Tempolimit, das in diesen Tagen immer mehr Befürworter findet, wäre ein Normalzustand erreicht, der in fast allen Ländern der Welt herrscht, weil so weniger Menschen sterben und das Klima geschont wird. 

Aber die "Bild" fragte gerade im Namen aller Autofahrer: "Was haben wir euch getan?" Und "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt klagt, dass uns im überregulierten Deutschland "die letzte Freiheit" genommen werde, die wir im Vergleich zu anderen Nationen noch hatten. Die Agenda der grünen Klimaschützer habe das Motto: "Ich will dir einfach deinen Spaß verderben."

Seine Argumentation gleicht einem Überholmanöver bei Tempo 250 auf dem Stadtring, aber womit der Porsche-Fan Poschardt recht hat, ist die Gleichsetzung des Tempolimits mit einem "Freiheitssymbol". Für ihn ist die Debatte eine "kulturelle Frage". Die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen ist zu einem Symbol geworden für die Frage: Wenn alle wissen, dass wir unser Leben wegen des Klimawandels ändern müssen - warum tun wir es nicht endlich?

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

#FridaysforFuture: Schüler demonstrieren

Wissenschaftler weisen wöchentlich darauf hin, dass Stadtluft krank macht, aber wir fahren weiter mit dem SUV zum Einkauf im Biomarkt. Schon jedes Kind ahnt, dass Massentierhaltung keine gute Sache ist, aber trotzdem sinkt der Fleischkonsum nicht. Kein Bericht über den Klimawandel kommt ohne Hinweis auf die verheerenden Folgen des Flugverkehrs aus, aber es fliegen immer mehr Menschen. Allein in Deutschland haben sich die Passagierzahlen seit 1997 verdoppelt. Von Kassel-Calden aus kann man bald sogar nach Sylt fliegen. Aber vor dem nächsten Trip an die Nordsee buchen wir noch eine Kreuzfahrt.

Die Menschheit benimmt sich wie ein Junkie, der weiß, dass er sich irgendwann den goldenen Schuss setzt, aber bis dahin will er unbedingt noch eine geile Zeit haben. Diese Freiheit nimmt er sich - sozusagen aus Freude am Fahren. Währenddessen gehen diejenigen, die in einigen Jahrzehnten vermutlich keine geile Zeit mehr haben werden, jeden Freitag auf die Straße. Unter dem Motto #FridaysforFuture demonstrieren zehntausende Schüler dafür, dass den unzähligen Klimakonferenzen endlich Taten folgen, etwa mit einem Kohleausstieg. Sie skandieren: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut."

Greta Thunberg ist Vorbild

Vorbild ist die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die für ihren Protest seit Monaten freitags die Schule schwänzt. Das Mädchen würde nicht nur niemals von Kassel nach Sylt jetten, sondern gar nicht fliegen. Ins polnische Kattowitz, wo sie auf der UN-Klimakonferenz eine erstaunliche Rede hielt, fuhr sie mit dem Elektroauto. Zum Weltwirtschafsforum ins schweizerische Davos reiste sie mit dem Zug.

Die allermeisten bewundern sie für ihr Engagement und tun nichts. Das Handeln im Alltag ist also etwas anderes als Werte oder eine Einstellung. Für den Kasseler Umweltpsychologen Andreas Ernst ist das Hauptproblem, dass die meisten von uns keine Gutmenschen sind: "Wir kommen nicht aus unserer Haut. Der Einzelne zieht nur mit, wenn es alle tun. Umweltschutz durch Randgruppen hilft nicht weiter, das muss Mainstream sein."

Doch die Politik tut viel zu wenig. Und diejenigen, die uns zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte, werden von den Poschardts, Andreas Scheuers und Christian Lindners als sentimentale "Oberlehrer" verspottet.

Einer dieser angeblichen "Oberlehrer" ist der Sozialpsychologe Harald Welzer, der in unserer Zeitung schon vor neun Jahren den Rat gab: "Man muss kein Asket sein, um auf bestimmte Sorten und Mengen Fleisch zu verzichten, auf das Auto und Flugreisen. Wenn man das macht, merkt man: Das gibt einem ja viel mehr, als es einem nimmt." Das klingt, als könnte man auch mit einem Tempolimit sehr viel Freude am Leben haben.

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