Experte zum Ladenleerstand: „20 Prozent sind ein hoher Wert"

Wolfgang Wähnke

Kassel. Wie sollen Städte mit der älter werdenden und schrumpfenden Bevölkerung umgehen? Wir sprachen mit Wolfgang Wähnke von der Bertelsmann-Stiftung. Er beschäftigt sich als Projektmanager mit diesem Thema.

Herr Wähnke, was sagen leere Läden über den Zustand einer Stadt aus?

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- Ladenleerstände durch demografischen Wandel

Wolfgang Wähnke: Viele leer stehende Geschäfte können auf einen fortgeschrittenen demografischen Wandel einer Kommune hinweisen und sind gerade im Hinblick auf die dort lebenden älteren Menschen ein Problem, weil deren Nahversorgung dann gefährdet sein kann.

50 von 250 Läden stehen in Hann. Münden leer. Was heißt das? 

Wähnke: Ich kenne zwar keine verlässlichen Vergleichsdaten auf Bundesebene, aber das scheint mir mit 20 Prozent schon ein sehr hoher Wert zu sein. Eine Studie der IHK-Region Hannover beschreibt einen Leerstand von über 10 Prozent im Jahre 2010 in vielen Regionen Niedersachsens, wobei ich nichts über die Verlässlichkeit dieser Daten sagen kann. Die IHK bewertet Quoten ab 10 Prozent aber schon als problematisch. Interessant wäre hier aber auch, die Leerstandsdauer zu kennen.

Ist Ladenleerstand nur auf die demografische Entwicklung zurückzuführen? 

Wolfgang Wähnke (58) wuchs in Cuxhaven auf, studierte in Köln und lebt in Bielefeld. Der Diplom-Betriebswirt arbeitet seit 1992 für die Bertelsmann-Stiftung. Seine Schwerpunkte sind demografischer Wandel und zukunftsorientierte Seniorenpolitik. Wähnke ist verheiratet und hat drei Kinder.

Wähnke: Die Ursachen hierfür können unterschiedlich sein. Neben der zunehmenden Konkurrenz durch das Internet gibt es sicher auch individuelle Probleme, wie Ladengröße oder -qualität, Standortwettbewerb durch neue Einkaufszentren, fehlende Nachfolger für die Übernahme aus Altersgründen, individuelle Standortprobleme oder zu hohe Miet- oder Kaufpreise. Eine wesentliche Ursache ist aber sicher im demografischen Wandel zu suchen, denn Bevölkerungsrückgang bedeutet auch einen Rückgang an Kaufkraft in der betroffenen Region.

Was bedeuten leere Läden für die dort wohnende Bevölkerung? 

Wähnke: Demografischer Wandel bedeutet ja unter anderem, dass die Einwohnerzahl schrumpft, weil weniger Kinder geboren werden, jüngere Menschen wegziehen und ältere Menschen zurückbleiben, die aufgrund fehlender Nahversorgung bei eingeschränkter Mobilität oft nicht mehr in der Lage sind, im Einkaufszentrum auf der grünen Wiese einzukaufen. Das ist ein erheblicher Einschnitt für deren Lebensqualität.

Welche Zukunft haben Kleinstädte mit einer Größe bis zu 20.000 Einwohnern? 

Wähnke: Das hängt entscheidend vom Potenzial der Region und vom demografischen Wandel ab. Kleinstädte im Einzugsgebiet wirtschaftsstarker Regionen werden auch weiterhin auf vielen Gebieten eine positive Entwicklung haben. Nordhessen und Südniedersachsen zählen aber zu den Regionen, die sich auch künftig auf insgesamt deutlich weniger Menschen, aber dafür deutlich mehr ältere Menschen einstellen müssen.

Von Max Holscher 

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